Fritz Gerlich – Ein Publizist gegen Hitler

Am Montag vor 80 Jahren wurde der Journalist Fritz Gerlich von den Nationalsozialisten ermordet. Von Professor Rudolf Morsey

Der katholische Journalist und Herausgeber von „Der gerade Weg“: Fritz Gerlich. Foto: KNA
Der katholische Journalist und Herausgeber von „Der gerade Weg“: Fritz Gerlich. Foto: KNA

Fritz Gerlich wurde am 15. Februar 1883 in Stettin geboren und begann nach dem Abitur 1901 ein Studium der Naturwissenschaften in München. Er wechselte bald zur Geschichte und arbeitete als Werkstudent bei Kathreiners Malzkaffee. 1907 beschloss Gerlich sein Studium und trat nach seiner Staatsprüfung 1910 in den höheren Archivdienst in Bayern ein. Seine 1913 publizierte „Geschichte und Theorie des Kapitalismus“ verschaffte ihm nicht eine erhoffte Professur.

Während des Ersten Weltkriegs rückte der „militäruntaugliche“ Jungliberale weit nach rechts. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 beteiligte sich der Archivar im Kampf gegen die Räterepublik und schreib Artikel gegen Kommunismus und Sozialismus. In seinem Buch „Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich“ (1920) enthüllte er die religiöse Dimension des roten Totalitarismus. Gleichzeitig bekämpfte er den Antisemitismus. In diesem Jahr heiratete Gerlich Sophie Botzenhart, eine geborene Stempfle. Sie stammte aus dem schwäbischen Babenhausen und hatte eine Tochter. Gerlichs Ehe blieb kinderlos.

Eine wichtige Begegnung: Therese Neumann

Durch seine Einbindung in konservative Netzwerke wurde der 38-jährige Archivassessor am 1. Juli 1920 Hauptschriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“. Er brachte die bisher linksliberale Zeitung auf die von ihren neuen Besitzern erwartete antirepublikanische Linie. Im völkisch-nationalistisch aufgeheizten Hexenkessel Münchens stützte er die rechtsradikalen Kampfverbände, unter denen die NSDAP dominierte. Gerlich traf auch Hitler, der ihn nicht beeindruckte. Nach dem am 9. November 1923 blutig beendeten Hitler-Ludendorff-Putsch wurde Gerlich ein unerbittlicher Gegner der NSDAP.

Am 15. Februar 1928 schied er aus den „Münchner Neuesten Nachrichten“ aus, nach einem Krach mit der Verlagsleitung. Dabei spielte eine Veränderung seiner Persönlichkeitsstruktur eine Rolle. Deren Ausgangspunkt lag in Konnersreuth, dem Wohnort der stigmatisierten Therese Neumann. Ende August 1927 hatte ein Redakteur der „Münchner Neuesten“ mit einem Bericht über Konnersreuth weltweites Echo erzielt. Daraufhin wollte sein Chefredakteur diesen „Schwindel“ enthüllen, erlebte jedoch durch Begegnungen mit Therese Neumann eine Bekehrung.

Er hielt ihren „Fall“ für natürlich nicht erklärbar und verteidigte seitdem die Glaubwürdigkeit Therese Neumanns, 1929 in einem zweibändigen Werk. Anschließend kehrte Gerlich in den Archivdienst zurück, fand jedoch kein Verhältnis mehr zu stiller Schreibtischarbeit. Er vertrat inzwischen eine weltanschauliche Grundsatzposition, nach der die im vorstaatlichen Naturrecht verankerten Menschenrechte die Grundlage für die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens bildeten.

Inzwischen war er in Konnersreuth drei Männern begegnet, die seine Grundsätze teilten: dem Kapuziner Ingbert Naab und dem Bibelwissenschaftler Franz Xaver Wutz, beide in Eichstätt, sowie Erich Fürst von Waldburg zu Zeil. Dieser 30-jährige Unternehmer und Großgrundbesitzer schlug Gerlich vor, „in das Zeitungswesen zurückzukehren und wieder Politik zu machen“ und war bereit, den Kauf einer Zeitung zu finanzieren. Das gelang 1930 mit dem Erwerb des unbedeutenden Münchner Blattes „Illustrierter Sonntag“ durch einen eigens gegründeten „Naturverlag“.

Gerlich und Waldburg-Zeil waren von der ihnen „zugeteilten“ Missionsaufgabe „zur Volkserziehung“ derart überzeugt, dass sie „ihre Schecks auf den Herrgott ausstellten“. Sie begannen „die ganze Sache nur im Vertrauen und nach Billigung in Konnersreuth“. Die „Billigung“ dieser „himmlischen Auskunftsstelle“ (Bischof Michael Buchberger) holten sie auch künftig ein, erhielten sie aber stets mit der Einschränkung, selbstständig weiterzudenken.

Da es Waldburg-Zeil schon bald schwerfiel, den Verlag zu finanzieren, stand Gerlich mehr als einmal vor einem „Verzweiflungszusammenbruch“. Im Frühjahr 1931 stellte er seine farblose „Illustrierte“ zu einem Meinungsblatt um und begann am 12. Juli seine Kampfpublizistik gegen den Nationalsozialismus mit einem Artikel „Hitler und Wilhelm II.“ Darin verglich er beide als größenwahnsinnige Politiker.

Warnung vor der „geistigen Pest“ des Nationalsozialismus

Inzwischen hatte Gerlich seinen Übertritt zum Katholizismus vorbereitet, der Ende September 1931 in Eichstätt erfolgte. Seinen Taufnamen „Michael“ führte der Publizist künftig allerdings nicht. Am 9. November 1931 erteilte ihm Faulhaber die Firmung. Anfang 1932 verankerte der Publizist die Ausrichtung seines Wochenblatts auch in einem neuen Namen: „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“. Aus dem Naturverlag wurde der Naturrechts-Verlag.

Gerlich warnte unablässig vor der „geistigen Pest“ des Nationalsozialismus. Er enthüllte dessen Geistesverwandtschaft mit bolschewistischem Gedankengut, beschrieb die NSDAP als „Massenwahn-Bewegung“ und als „Hitler-Bolschewismus“. Ende Juni 1932 forderte Gerlich dazu auf, die Führer der NSDAP „einzusperren“. Das Dritte Reich, so prophezeite er, bedeute „Feindschaft mit den benachbarten Nationen, Gewaltherrschaft im Innern, Bürgerkrieg und Völkerkrieg“. Zugleich verspottete der Publizist die NS-Rassenlehre; denn bei deren Anwendung müssten nicht nur Hitler, sondern „etwa Dreiviertel seiner eigenen Reichstagsfraktion“ aus der Politik ausscheiden.

In der Haft las er noch theologische Literatur

Dabei kam der Verlag nicht aus den roten Zahlen heraus. Die Auflage der Sonntagszeitung überstieg nur im Sommer 1932 kurzzeitig mehr als 40 000 Exemplare. Gerlich ließ sich durch „Todesdrohungen“ nicht einschüchtern, auch nicht durch einen Attentatsversuch im April 1932. Als er nach der „Gleichschaltung“ Preußens am 20. Juli 1932 dazu aufforderte, Hindenburg durch Volksabstimmung abzusetzen, verbot die Polizeidirektion München am 4. August 1932 den „Geraden Weg“ für vier Wochen. Inzwischen hatte Waldburg-Zeil bereits etwa 400 000 Mark in den Verlag gesteckt, ohne dass dessen Sanierung absehbar war. Er befand sich „am Rand des Ruins“ und hatte mit Schwierigkeiten in seiner Familie zu kämpfen, hielt aber durch.

Mit dem 30. Januar begann für Gerlich „Deutschlands Leidensweg“. Am 8. März 1933 suchte er mit Waldburg-Zeil den württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz – vergeblich – für eine Intervention bei Hindenburg gegen die befürchtete Gleichschaltung der süddeutschen Länder zu gewinnen. Nach seiner Rückkehr am Abend des 9. März nach München, wo die Machtergreifung der NSDAP begonnen hatte, lehnte Gerlich das Drängen seiner Mitarbeiter ab, sich in die Schweiz zu begeben. Seine anschließende Verhaftung nach schwerer Misshandlung, während SA-Trupps Verlag und Redaktion verwüsteten, besiegelte auch das Schicksal des „Geraden Weges“. Der in „Schutzhaft“ gehaltene Archivar wurde am 1. September aus dem Staatsdienst entlassen.

Gerlich ertrug seine fast 16-monatige Haft mit Märtyrergesinnung. Er beschäftigte sich mit theologischer Literatur. Kardinal von Faulhaber setzte sich bei der NS-Regierung wiederholt, aber vergeblich, für Häftlinge ein. Ende Dezember taten das auch drei Schweizer Bischöfe mit einem Bittgesuch für Gerlich, das jedoch die Nuntien in Berlin und München nicht weiterleiteten. Fritz Gerlich ist in seinem Kampf „für Freiheit und Recht“, im Sinne des Untertitels des „Geraden Weges“, unterlegen, ebenso Ingbert Naab. Beide haben früh und geradezu prophetisch vor den Gefahren gewarnt, die von den totalitären Massenwahn-Bewegungen ihrer Zeit ausgingen.

Am 30. Juni 1934 wurde Fritz Gerlich aus dem Münchner Polizeigefängnis ins Konzentrationslager Dachau gebracht und dort erschossen.