„Freude am Glauben stärker zeigen“

In diesem Jahr wurde zum ersten Mal eine katholische Religionslehrerin zur Miss Germany gewählt. Lena Bröder (26) ist Referendarin an der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck. Derzeit ist sie beurlaubt. Ab dem 1. März 2017 wird sie wieder unterrichten. Kürzlich erschien ihr Buch „Das Schöne in mir – Mit Glaube zum Erfolg“. Über ihren Beruf und ihre Rolle als Miss Germany sprach sie mit Annalia Machuy, Regina Einig und Maximilian Lutz

Präsentierte sich elegant, eloquent und locker: die amtierende Miss Germany, Lena Bröder. Der Glaube an sich selbst und der Glaube an Gott gehörten für sie zusammen. Der Glaube an Gott helfe ihr, an sich selbst zu glauben, gerade auch in Situationen, in denen man kämpfen müsse, e... Foto: Einig
Präsentierte sich elegant, eloquent und locker: die amtierende Miss Germany, Lena Bröder. Der Glaube an sich selbst und ... Foto: Einig
Frau Bröder, jung, hübsch, intelligent und gläubig – wie geht das eigentlich?

Für mich passt es zusammen, aber für viele Menschen geht das irgendwie nicht. Aber ich arbeite immer noch hart daran, Klischees aus dem Weg zu räumen. Gerade im Religionsunterricht lege ich sehr viel Wert darauf, dass er aus Lebenserfahrungen für Menschen besteht.

Wie kam es für Sie zu der Entscheidung, Religion auf Lehramt zu studieren?

Mein großer Traum war es, zur Polizei zu gehen. Ich habe die Einstellungsprüfungen alle mitgemacht und auch bestanden. Aber letztlich hat es doch nicht ganz so geklappt. Im Nachhinein bin ich darüber ganz froh, weil ich mir immer auf lange Sicht überlegt habe, ob ich wirklich im Schichtdienst arbeiten möchte. Polizistin ist nicht der familienfreundlichste Beruf. Meine Freundin und mein bester Kumpel hatten schon ein Jahr zuvor in Kassel angefangen, Lehramt zu studieren. Ich hatte vorher nicht mit dem Gedanken gespielt, zu studieren, weil ich schon in der Schule nicht die Fleißigste war. Dann hab ich mir das mal angeschaut. Ich hatte immer tolle Religionslehrer und Religionsunterricht als etwas Schönes erfahren dürfen – und das wollte ich gerne auch weitergeben.

Sie dachten also nicht daran, es besser machen zu wollen als ihre Religionslehrer?

Nein. Ich will meine Schüler auf dem Weg begleiten, aber niemanden bekehren – das Recht habe ich nicht. Wenn ein Schüler sagt: Ich glaube nicht daran, sage ich: Das ist in Ordnung, aber begründe mir das: Warum glaubst du nicht? Denn ich finde, man muss Positionen auch immer begründen können.

Vielen Schülern ist der Glaube heute fremd. Versuchen Sie, Ihre Schüler dafür zu sensibilisieren?

Versuchen ist das richtige Wort. Bei den Schülern muss ich teilweise bei Null anfangen. Ich kann versuchen, Vorwissen zu aktivieren, aber meistens ist es so ein ganz gefährliches Halbwissen. Erst schaue ich, was da ist. Dann versuche ich, die Basics beizubringen. Das ist für mich das A und O: Dass die Schüler wissen, warum wir Weihnachten, Ostern und Pfingsten feiern. Leider wissen das viele nicht. Es kommt natürlich auf die Jahrgangsstufe an. In einer 5. Klasse kann ich nicht so tief gehen wie in einer 10. Klasse, wo man auch vielleicht mal so etwas wie die Theodizee-Frage versucht, genauer zu beantworten oder zu thematisieren. Ich habe ein paar Schülerinnen, die Ministrantinnen sind. Sie bereichern den Unterricht unglaublich. Ich finde es schön, wenn ein Schüler erklärt, wie der Ablauf der Messe ist. Aber das ist nicht mehr so oft der Fall.

Wie werden die Reaktionen Ihrer Schüler ausfallen, wenn Sie als ehemalige Miss Germany an die Schule zurückkommen? Hilft Ihnen das auch bei Ihrem Lehrauftrag?

Ich musste ja in den ersten zwei Wochen noch unterrichten – ich war noch in der Dienstpflicht, bis die Beurlaubung durch war. Ein Zeichen, dass ich alles richtig gemacht habe, ist meine 9. Klasse, die ich in Religion unterrichtet habe. Sie haben mich angesprochen, wann ich denn wiederkommen würde als Religionslehrerin – nicht als Miss Germany. Ich habe dann auch von einer 5.-Klässlerin einen Brief bekommen, in dem sie schrieb: „Sie sind nicht nur eine tolle Miss Germany, sondern auch eine tolle Religionslehrerin.“ Viele können sich nicht vorstellen, dass die Schüler das trennen, aber sie tun es. Sie akzeptieren mich als Miss Germany, aber für sie bin ich „ihre Religionslehrerin“.

Trauen Schüler Ihnen schwierige Themen wie Leid und Tod eher zu, weil Sie Religionslehrerin sind?

Ja, das ist unsere Aufgabe und darauf werden wir im Studienseminar auch geschult. Dafür muss man gewappnet sein, definitiv. Gerade der Tod ist so ein Thema, das ich jetzt in der 9. Klasse hätte bearbeiten müssen, wäre ich nicht beurlaubt worden. Ich hätte das auch ganz an den Anfang setzen können, aber Kollegen haben mir abgeraten und gesagt: Lern die Klasse erst kennen, bevor du so ein sensibles Thema wie Tod anfängst.

Also war das Fach Religion die richtige Entscheidung für Ihre Berufswahl?

Ja, ich freue mich darauf, wieder in die Schule zurückzukehren. Mit dem Referendariat bin ich noch nicht ganz fertig. Der Zeitpunkt der Miss-Germany-Wahl war vielleicht nicht der Glücklichste, aber das sollte so sein, wie es ist, weil ich jetzt beruflich schon so gefestigt bin. Hätte ich schon im Studium gewonnen, wer weiß, ob ich überhaupt weiterstudiert hätte, wenn sich so viele Türen öffnen. So weiß, ich will das unbedingt machen. Mein großes Ziel ist, nächstes Jahr das Referendariat zu beenden.

Bei der Miss-Wahl haben sie sich auch als katholische Religionslehrerin vorgestellt. Hat Sie das Überwindung gekostet?

Wir hatten drei Wochen Vorbereitung und einen Medientrainer vom ZDF dabei. Zu mir hat er immer gesagt: Dass du katholische Religion unterrichtest, könnte für die Medien unheimlich interessant werden. Das war mir gar nicht so bewusst – für mich ist mein Beruf etwas Alltägliches gewesen – so wie andere im Büro sitzen. Trotzdem hat er mir den Tipp gegeben: Nutze es als dein Aushängeschild. Das habe ich im Interview auch gemacht. Klar, dass ein riesiges Raunen durch den Saal ging. Die Leute waren erstaunt. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Das ist scheinbar was ganz Außergewöhnliches.

Sollten Christen ihre Begeisterung, ihre Freude am Glauben stärker zeigen?

Absolut. Das Interesse ist bei den Medien und auch in der Kirche noch sehr groß. Mich freut das. Ich war bei Peter Hahne und da ging es genau um dieses Thema: Sollen wir normale Menschen, wenn man ein bisschen Erfolg hat, uns dazu bekennen? Ja, warum eigentlich nicht? Warum soll ich meinen Glauben verstecken? Das ist das, was ich habe und was mich trägt. Viele denken ja, Religion sei alt und verstaubt. Man kann auch an Erwachsene weitergeben, dass es nicht so ist.

Hätten Sie sich vorstellen können, Model zu werden? Wie sehen Sie diese ganze Branche?

Zum Modeln bin ich zu alt. Beim richtigen Modeln tritt die Persönlichkeit sehr weit zurück. Jemand in der Jury hat gesagt, Model sei ein lebendiger Kleiderständer. Das ist der feine Unterschied zur Miss-Germany-Wahl – da kommt es auf das Gesamtpaket an: Persönlichkeit, Ausstrahlung und ob man Spaß daran hat. Ich habe viele Jobs, bei denen ich reden und auf Menschen zugehen muss. Ich wäre wohl zu charakterstark dafür, um mich so erniedrigen zu lassen und nicht als Mensch behandelt zu werden, sondern als Gegenstand.

Wo können junge Frauen heute Vorbilder finden?

In der Familie, auch wenn die Strukturen da leider nicht immer gefestigt sind. Wir sind vier Mädchen zuhause. Es ist ein großes Vorbild, wenn man in der heutigen Zeit vier Kinder großzieht und dafür jahrelang zurückstecken muss – auch finanziell gesehen. Der Blick auf andere und nicht nur auf sich selber, denn oft denkt ja heute jeder nur an sich selber: höher, schneller, weiter, wer verdient das meiste Geld? Meine Oma hat immer gesagt: Vergiss nicht, wo du herkommst. Bodenständigkeit ist das, was ich von meiner Familie mitbekommen habe. Für mich sind Prominente oder Stars kein Vorbild.

Stichwort höher, schneller weiter..., gibt es in Ihren Fächern auch Leistungsdruck?

Nein, Leistungsdruck ist generell bei meinen beiden Fächern nicht da. Das war mir auch wichtig. Ich möchte, dass die Schüler gerne in den Unterricht kommen. Gerade in Hauswirtschaft: Welcher Schüler geht nicht gern in die Schulküche? Und im Religionsunterricht auch. Natürlich gibt es Schüler, die keine Lust auf Religion haben und sagen, dass es sie nicht interessiert. Aber im Lehrplan sind mittlerweile auch ethische Fragen vorgesehen, die viele betreffen – auch Schüler, die vielleicht sagen: Mir braucht ihr gar nicht mit der Bibel kommen. Aber der Sinn des Lebens, Tod, Liebe, das geht alle an.

Was würden Sie jungen Menschen mit Träumen raten?

Ich würde empfehlen, dass man auf jeden Fall dranbleibt. Ich habe viele Niederlagen einstecken müssen und bin auch bei Bundesland-Wahlen gescheitert. Wenn man weiß, dies wäre die letzte Wahl, die mich direkt ins Finale bringen könnte, und es dann nicht schafft, ist das deprimierend, aber daraus lernt man auch. Man muss hartnäckig bleiben. Mir ist nichts geschenkt worden.

Das Zitat „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ hat Sie sehr geprägt. Wie spielen für Sie Selbst- und Gottvertrauen zusammen?

Für mich gehören der Glaube an sich selbst und der Glaube an Gott zusammen. Der Glaube an Gott hilft mir, an mich selbst zu glauben, gerade auch in Situationen, in denen man mal kämpfen muss.

Wenn Sie auf Ihren Sieg zurückblicken: Hat nicht doch etwas göttliche Fügung eine Rolle gespielt?

Ich hatte keine Favoritenrolle. Bei den Favoriten der Medien war ich nicht dabei, weil ich auch schon relativ alt bin. Dementsprechend bin ich da recht locker rangegangen, denn ich wusste, mir kann nichts passieren, weil von solch einer Wahl ja nicht die Existenz abhängt.

Sie haben Papst Franziskus kürzlich Ihr Buch vorgestellt. Warum war Ihnen die Begegnung mit dem Heiligen Vater so wichtig?

Für mich ist Papst Franziskus eine große Persönlichkeit. Bei der Audienz hat sich bestätigt, dass er weltoffen ist, keine Berührungsängste vor den Menschen hat und vor allem verstanden hat, dass die Menschen und die Gesellschaft sich verändert haben.

Was kann man von ihm lernen?

Akzeptieren und Tolerieren. Er hat verstanden, dass die Gesellschaft sich gewandelt hat.

Sie schreiben im Buch, dass Sie manchmal schlechte Erfahrungen gemacht haben mit der Kirche als Institution. Inwiefern?

Die Kirche ist manchmal sehr zurückhaltend. Ich will sie nicht „vermarkten“, aber für einen Weltjugendtag kann man Werbung machen. Das ist etwas Tolles: Viele junge Menschen, man kann Kontakte knüpfen.. da kann die Kirche ihr Image verbessern und ein bisschen mehr aus sich herauskommen. Die Schüler haben ein falsches Bild im Kopf: alt und verstaubt, da gehen nur alte Menschen hin. Mein positivstes Beispiel war jetzt der Katholikentag. Ich habe so viele junge Menschen gesehen – das hat mich sehr beeindruckt. Wir haben den nächsten Katholikentag bei uns in Münster, worauf ich mich sehr freue. Wenn es möglich ist, werde ich auf jeden Fall versuchen, mit den Schülern hinzugehen und ihnen das auch zu zeigen.

In Ihrem Buch widmen Sie eine Passage Hiob. Was verbindet Sie mit ihm?

Ich mag die Geschichte unheimlich gerne – sie war damals mein Prüfungsthema im Staatsexamen in der mündlichen Prüfung in Religion. Ich habe das auch im Jahrgang 10 einmal im Unterricht behandelt. Das ist ein Thema, bei dem die Meinungen auseinandergehen – und es ist unheimlich interessant, um eine Diskussion anzuregen, auch unter den Schülern. Es ist eine tolle Geschichte, die sagt: Wenn es mal nicht so einfach ist und wenn nicht alles so gut läuft und auch wenn man manchmal gestraft wird, obwohl man ja eigentlich alles richtig gemacht hat, auch dann standhaft zu bleiben und trotzdem weiter zu glauben. Sich treu bleiben im doppelten Sinne: einmal vom Glauben her, aber auch sich selber, wenn mal etwas nicht so klappt, wie man sich das vorstellt.

Lena Bröder:Das Schöne in mir –Mit Glaube zum ErfolgHerder, 160 Seiten, broschiert16,99 EURISBN 978-3-451-37615-3