Fresken, die den Weg zu Gott weisen

Die von Pinturicchio ausgemalten Wohnräume Alexanders VI. im Vatikan zeigen eines der schönsten Bildprogramme der italienischen Renaissance. Von Natalie Nordio

Disput der heiligen Katharina: Sie soll um 310 die geistige Elite Roms durch Argumente zum Christentum bekehrt haben. Foto: Nordio
Disput der heiligen Katharina: Sie soll um 310 die geistige Elite Roms durch Argumente zum Christentum bekehrt haben. Foto: Nordio

Während die Stanzen des Raphael neben Michelangelos Sixtinischer Kapelle bei den Besuchern der Vatikanischen Museen auf der „Unbedingt-ansehen-Liste“ meist ganz weit oben stehen, verhält es sich mit dem „Appartamento Borgia“ ganz anders. Nur wenige Gehminuten trennen diesen Bereich der Museen von den „Stanzen“. Und doch nehmen sich nur wenige Besucher Zeit, hier zu verweilen.

Beide, sowohl die Stanzen als auch das „Appartamento“, sind ehemalige Wohnräume von Päpsten. In den von Raphael ausgemalten Räumen wohnte Papst Julius II. Im „Appartamento Borgia“, wie es der Name verrät, residierte Alexander VI. Um das Leben des als Rodrigo Borgia geborenen späteren Papstes ranken sich zahlreiche Geschichten, von denen einige historisch belegbar, andere jedoch frei erfunden sind. Neuen Zündstoff um und über die Person Alexanders VI. haben sicherlich auch die beiden TV-Serien geliefert, die vor kurzem durch die deutsche Fernsehlandschaft geisterten und eine Art „Sodom und Gomorra“ des päpstlichen Roms im ausgehenden fünfzehnten Jahrhundert heraufbeschworen. Woran liegt es aber, dass die einen Papstgemächer vor Besuchern fast aus den Nähten platzen, die anderen dagegen kaum Beachtung finden? Zugegeben ist natürlich schon allein der Name „Raphael“ ein Publikumsmagnet. Doch auch der Künstler, den Alexander VI. zur Ausmalung seiner Residenz im Apostolischen Palast nach Rom holte, braucht sich hinter einem Raphael nicht zu verstecken. Denn bei dem Maler handelt es sich um niemand Geringeren als den aus Umbrien stammenden Bernardino di Betto di Biagio, besser bekannt als Pinturicchio. Beide Maler verbindet die Heimat Umbrien und beide waren sie Schüler des rumreichen Perugino gewesen. Pinturicchio, knapp dreißig Jahre älter als Raphael, hatte sich in der Malerwerkstatt Peruginos schnell durch großes Talent und besonderes Geschick hervor getan und durfte so seinen Meister nach Rom begleiten, wohin dieser zur Gestaltung der Seitenwände in der Sixtinischen Kapelle von Papst Sixtus IV. in den achtziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts gerufen wurde. Etwa zehn Jahre später war Pinturicchio, der sich inzwischen von seinem Meister losgelöst und sich einen eigenen Namen gemacht hatte, zur Ausmalung der päpstlichen Wohnung erneut auf dem Weg nach Rom.

Die Räume, die sich Rodrigo Borgia nach seiner Besteigung des Stuhls Petri als sein neues Zuhause erwählt hatte, befinden sich im ersten Stock des Apostolischen Palastes, den Papst Nikolaus V. in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts errichten ließ, und umfassen sechs größere und kleinere Räume. Das Bildprogramm, das Pinturicchio hier gemeinsam mit seinen Helfern an die Decken und Wände gezaubert hat, ist wahrhaft bewundernswert. Jeder Raum steht ganz im Zeichen eines die Fresken bestimmenden Themas.

So zeigen die Malereien in der sogenannten „Sala delle Arti Liberali“ folglich die sieben Freien Künste wie die Grammatik, die Dialektik, die Geometrie oder die Musik und stehen beispielhaft für die Annährung an Gott über die Wissenschaft. Der Weg zu Gott, diesmal allerdings über den Glauben, ist das Thema der „Sala dei Santi“, dem Saal der Heiligen. Exemplarisch illustrieren Szenen aus dem Leben der Heiligen diesen Weg. So unter anderem das „Martyrium des heiligen Sebastian“, oder die „Disputa der heiligen Katharina von Alexandrien“. Beide Heilige halten an ihrem Glauben fest, auch wenn dies den Tod bedeuten kann. In der „Sala delle Sibille“ sind die heidnischen Seherinnen dargestellt, die von der Ankunft Christi künden und deren Vorhersagen untrennbar mit dem nächsten Raum, der „Sala del Credo“ verbunden sind. Denn hier sind nun die biblischen Propheten die Hauptfiguren der Fresken, die ebenso wie ihre heidnischen Vorgängerinnen die Geburt Jesu vorhersehen. Michelangelo wird Jahrzehnte später jene heidnischen und alttestamentarischen Seherinnen und Seher in ganz ähnlicher Funktion, nämlich als Zeugen für die Rückkehr des Heilands, auf die Decke der Sixtinischen Kapelle platzieren.

Die „Appartamenti Borgia“ sind nicht nur Pinturicchios malerisches Hauptwerk, sondern ihr Bildprogramm ist, abgesehen von der Sixtinischen Kapelle, das wohl ambitionierteste und ausgeklügelste des späten fünfzehnten Jahrhunderts in Italien.

Doch leider wurde dies im Laufe der Geschichte nur wenig geschätzt. Julius II. bezog nach seiner Ernennung zum Pontifex Maximus aus Protest gegen den verhassten Vorgänger die uns wohl bekannten Räume im zweiten Stock – die heutigen Stanzen des Raphael. Erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurden die Wohnräume Alexander VI. wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Doch der Großteil der Säle ist nach wie vor meistens geschlossen, wie man es bei einem Besuch der Vatikanischen Museen feststellen wird. Der in den Rundgang der Museen eingeschlossene Bereich musste in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die letzte große Veränderung hinnehmen. Denn seit dieser Zeit zieren die Seitenwände der Säle einige Gemälde und Skulpturen der von Papst Paul VI. 1973 feierlich eingeweihten „Sammlung Moderner Religiöser Kunst“. Kaum ein Betrachter verweilt hier, um einen Blick auf Pinturicchios wunderbare Deckenfresken zu werfen. Die Moderne Kunst an den Seitenwänden, die dringend einen neuen Anstrich vertragen könnten, da sie fleckig und unansehnlich sind, hängt hier einfach an der falschen Stelle. Es scheint gar, als sei dieser Teil der Museen ein reiner Durchgangsweg geworden – von Raffaels Stanzen hin zu Michelangelos Sistina –, auf dem es sich nicht lohnt, einen Augenblick innezuhalten.

Bei einem Besuch der Museen vor einigen Tagen war die Moderne Kunst in einem der Säle verschwunden und nur die schmutzige Wand blieb übrig. Man kann nur hoffen, dass dies das erste Anzeichen für eine grundsätzliche Umgestaltung dieses Bereiches ist, die Pinturicchios Werk wieder ins rechte Licht rückt.