„Frei, aber nicht frech“

Romantik des Realismus im poetischen Preußen: Zu Theodor Fontanes 200. Geburtstag. Von Christoph Böhr

Fontanejahr 2019
Kein Verklärer einer sonst unansehnlichen Welt: Als rastender Wanderer wird Theodor Fontane im Stadtzentrum von Neuruppin dargestellt. Foto: dpa
Fontanejahr 2019
Kein Verklärer einer sonst unansehnlichen Welt: Als rastender Wanderer wird Theodor Fontane im Stadtzentrum von Neuruppi... Foto: dpa

Wer meint, Preußen vor allem mit Säbelrasseln und Pickelhaube verbinden zu sollen, der kennt Preußen nicht – und der kennt vor allem Theodor Fontane nicht. Wie kein anderer vor und nach ihm hat er das poetische Preußen in Worte gefasst – jenes Preußen, in dem Kunst und Kultur blühten, bis es in den Trommelwirbeln der Militärparaden des Wilhelminismus unterging.

Nachdem Generationen für Generationen von Gymnasiasten in Deutschland mit Fontane, seinen Balladen und Novellen groß geworden sind, bevor der Literaturkanon vom Zeitgeist in die Tonne befördert wurde, bietet sein 200. Geburtstag in diesem Jahr einen guten Anlass für seine Wiederentdeckung – und man hat den Eindruck, dass dieses Vorhaben auch gelingt. Günther Rüther hat gleich mit zwei Büchern über Fontane der Wiederentdeckung des großen Erzählers den Weg bereitet.

Der beeindruckende Veranstaltungskalender des Landes Brandenburg „fontane.200“ ist prall gefüllt, zudem bereichern zahlreiche neue und lesenswerte Veröffentlichungen den Buchmarkt. Vorab sei gesagt: Es lohnt sich, Fontane zu lesen – heute wie damals. Seine Sprachbegabung, seine Vielseitigkeit und sein Blick für das Wesentliche zeichnen diesen Autor, der – von Hause aus approbierter Apotheker – Journalist, Publizist, Historiker, Essayist, Theaterkritiker und Romancier in einer Person war, aus.

Zum Ende seines Lebens wurde ihm die Anerkennung zuteil, nach der er viele Jahrzehnte dürstete. Seine politischen und literarischen Überzeugungen spiegeln die Geschichte des 19. Jahrhunderts: Zunächst Sympathisant der 1848er Revolution, wurde er später zu einem Bewunderer des altpreußischen Adels, um dann im Alter zu einem der schärfsten Kritiker erstarrter sozialer Konventionen, von Standesdünkel und wilhelminischer Großmannssucht zu werden. Mit aller Schärfe wandte er sich in seinen späteren Lebensjahren gegen den Adel, der ihm unfähig erschien, die Zeichen einer neuen Zeit zu erkennen; aber keinen Deut mehr Nachsicht fand die Geldsackgesinnung von Emporkömmlingen im Besitzbürgertum – neureiche Raffkes, die ihren Wohlstand auf Kosten Dritter mehrten. Seine Welt war die des Bildungsbürgers, den die hohlen Phrasen der durch Heirat zu Geld gekommenen Besitzbürgerin Jenny Treibel anwiderten. Doch war Verurteilung – hier wie dort – Fontanes Sache nicht. Barrikaden hatte er 1848 erklommen, um festzustellen, dass durch Pulverdampf die Dinge nur vernebelt, nicht aber verändert werden. Er fand zu einem eigenen Begriff von Humanität, den der alte Dubslav von Stechlin – in mancherlei Hinsicht ein Selbstporträt des Autors – verkörpert. Radikalen Ansichten keineswegs abhold, ließ er bei aller Neugier auf das, was kommt, am Ende die Dinge doch im Unentschiedenen.

Fontane verstand die Beweggründe der jeweiligen Gegenspieler – Demokraten und Monarchisten, Adel und Bürgertum, Konservative und Radikale – zu gut, als dass sie nicht beidseitig seine Empathie weckten –, dies gilt sogar für den militärischen Gegner in seinen zahlreichen Kriegsberichterstattungen, ja, selbst im Bericht seiner Gefangennahme zeichnet er den „Feind“ mit großem Wohlwollen – und sein Urteil vor jeglicher Einseitigkeit schützten. Die alte Zeit, deren Uhr abgelaufen war, hatte zweifellos ihre Vorzüge – aber zu retten war das Alte nicht; und das Neue, das an die Tür klopfte, war nicht schon deshalb besser, weil es neu war; aber das Recht war auf seiner Seite, weil das Alte sich überlebt hatte und dem Untergang geweiht war.

„Der Stechlin“ erzählt von vornehmer Gesinnung

Wer begreifen will, was Konservatismus ist, der ist bis heute gut beraten, den „Stechlin“ des alten Fontane – es war sein letzter Roman: handlungsarm, aber gedankenreich – zu lesen: Das Alte lieben und dem Neuen leben: Darin zeigt sich die Haltung des Konservativen: das Hergebrachte zu achten, aber für das Neue sich zu öffnen, kurz: Im Neuen das Alte gegenwärtig bleiben zu lassen. Das Alte: Das ist eine vornehme Gesinnung und keine überkommene Gesellschaftsform. Im Roman verliert übrigens dessen aus altem märkischen Adel entstammender Namensgeber in schon vorgerückten Lebensjahren eine Reichstagsnachwahl für die Konservativen – und ist von Herzen froh darüber, diese Wahl verloren zu haben: Denn er ist zwar durch und durch, mit Haut und Haaren, selbst ein Konservativer, frönt aber keinem politisch-institutionellen Konservatismus und hat wohl auch große Zweifel, ob Konservatismus überhaupt institutionalisiert werden kann, oder nicht vielmehr nur eine Denk- und Lebenshaltung ist, die sich nicht ein politisches Programm auf die Fahne heften will. Der alte Stechlin warnt davor, Konservatismus mit Traditionalismus und Historizismus zu verwechseln: „Frei, aber nicht frech, das ist so mein Satz“, sagt der alte Dubslav; suaviter in modo, fortiter in re: das ist der alte Fontane oder anders gewendet: Der Alte Fritz ist lange tot, aber sein Vorbild bleibt in der Gegenwart lebendig.

Fontanes bewegtes Leben – seine ständigen Geldsorgen, sein Kampf um eine feste Anstellung, seine Angst, die Familie nicht ernähren zu können, und sein Freiheitsdrang, der ihn immer wieder bewog, feste berufliche Anstellungen schon nach kurzer Zeit wieder an den Nagel zu hängen – beschreibt in einer gut lesbaren, anschaulich und ansprechend geschriebenen, klug mit Zitaten angereicherten und sehr schön bebilderten Biographie Günther Rüthers, der Fontane auch dadurch ins 21. Jahrhundert setzt, als er im Anhang zu seiner Biographie dem Leser die wichtigsten Stationen dieses Lebens im heutigen Berlin vor Augen führt. Rüther zeichnet einfühlsam die Entwicklung nach, die Fontane zu dem machte, was er – nicht nur seiner Meinung nach – am Ende war und immer bleiben wird: einer der ganz Großen der deutschen Literatur.

Maßgeblich für dieses Urteil Rüthers ist jene Sicht auf die Welt, von der Fontane 1871 ausgerechnet in seinem Buch über die eigene Kriegsgefangenschaft schrieb, dass sie in seiner Natur läge: „sorglich zu balancieren“. Diese Weltsicht, die auf Balance zielt, ist nicht, wie oft behauptet wurde, Ausdruck von Altersmilde eines ehemals jungen Wilden; sie ist vielmehr eine innere Einstellung, die darum weiß, dass sich die Welt in der Regel nicht in Schwarz und Weiß aufteilen lässt, sondern sich uns in einer Fülle von Farbtönen darbietet – weshalb der alte Stechlin bekennt, keine „absoluten Wahrheiten“ zu mögen. Es ist dies die Weltsicht der literarhistorisch so genannten Epoche des „Realismus“, unvoreingenommen auf das zu blicken, was sich dem Auge des Betrachters zeigt, ohne sofort und genau zu wissen, wie es um die Dinge steht: der Blick auf die vielstimmige Wirklichkeit als „Widerspiegelung alles wirklichen Lebens“, des „ganzen reichen Lebens“: des Größten wie des Kleinsten: „den Kolumbus, der der Welt eine neue zum Geschenk machte, und das Wassertierchen, dessen Weltall der Tropfen ist“: tiefste Empfindungen, Grübeleien, höchste Gedanken, Jubel, Lust und Leid – das alles ist der Stoff einer „realistischen“ Weltsicht.

In dieser Gedankenwelt ist das Glück des Menschen eine Frage seiner inneren Einstellung. Fontane ist der unübertroffene Meister der Beschreibung des kleinen, sich selbst bescheidenden Glücks, das nicht den Himmel stürmt, sondern der Erde treu bleibt. Es ist das nicht überschwängliche, sondern alltägliche Glück, das oft schwer zu finden, weil leicht zu übersehen ist. So ist der Realist immer auch Romantiker – und wer Fontanes Balladen liest, seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und seine späten Romane, der findet dort keine seichte Verklärung einer ansonsten bedrückenden, unansehnlichen Welt, sondern er blickt auf diese Welt mit den wachen Augen desjenigen, der nicht vergisst, dass dem Wassertierchen der Tropfen ein Weltall ist.

Seiner Biographie hat Rüther eine sehr gelungene Auswahl von Texten Fontanes beigesellt: eine Anthologie, die alle Perioden des Schaffens berücksichtigt und nach wohl durchdachten, sachlichen Gesichtspunkten die Fülle des Stoffes – allein die Gesamtausgabe des erzählerischen Werkes umfasst nahezu 40 umfangreiche Bände – gliedert. Es schließt mit einem in den 90er Jahren geschriebenem Gedicht, das die gelassene, ja heitere Geisteshaltung des Realisten, der viel Sinn für Romantik hatte und in der Tristesse immer noch einer Spur von Humor folgte, zum Ausdruck bringt: „Leben; wohl dem, dem es spendet/ Freude, Kinder, täglich Brot;/ Doch das Beste, was es sendet,/ Ist das Wissen, dass es endet,/ Ist der Ausgang, ist der Tod.“

Fontane wusste zum Ende seines Lebens – nach vielen bezwungenen Gipfeln und noch mehr durchlittenen Tiefen – um das kleine, alltägliche, sich selbst bescheidende Glück: Kinder, tägliches Brot, Freunde und Freude zu haben: das ist Glück. Und dieses Glück bringt er – vor allem in seinen späten Lebensjahren – zum Leuchten.

– Günther Rüther: Theodor Fontane. Aufklärer – Kritiker – Schriftsteller; mit einem bebilderten Stadtrundgang durch Berlin auf den Spuren von Theodor Fontane. Weimarer Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 2019, 197 Seiten, ISBN 978-3-7374-0274-3,

EUR 18,90

– Günther Rüther (Hrsg.): Theodor Fontane: Alles ist Zufall. Schriften eines Realisten. marixverlag, Wiesbaden 2019, 190 Seiten, ISBN 978-3-7374-1107-3, EUR 6,–