Franziskus hat Lateinamerika erobert

Medienecho auf den Papst ist gigantisch. Von Marcela Velez-Plickert

Extraausgabe für den Papst: Straßenverkäufer in Rio de Janeiro. Foto: KNA
Extraausgabe für den Papst: Straßenverkäufer in Rio de Janeiro. Foto: KNA

Es ist noch zu früh, um all die Veränderungen festzustellen, die Papst Franziskus Besuch in Brasilien anstoßen wird. Aber in weniger als einer Woche hat er die Seele eines Landes erobert, wo die katholische Kirche – in seinen eigenen Worten – derzeit eine „dunkle Nacht“ durchlebt, die Zahl ihrer Anhänger sinkt. Aber zur Papst-Visite gab es ein ganz anderes Bild: Mehr als zwei Millionen Menschen folgten Franziskus in Rio de Janeiro, sie hörten ihm im Freien zu, obwohl es regnete, sie begleiteten ihn in die Favelas, wo sonst Drogen und Gewalt herrschen, sie gingen zehn Kilometer zu Fuß, um mit ihm eine Messe zu feiern. Und statt wie üblich am Copacabana Strand etwas zu trinken, knieten sie in den dort aufgestellten transportablen Beichtstühlen nieder.

Brasilianische Zeitungen euphorisch für den Papst

Selbst sonst sehr kirchenkritische Menschen in einigen Ländern äußerten ihre Bewunderung. „Dieser Papst bringt etwas Neues“, „Ich mag den Papst“, lauteten Sätze, die sich im sozialen Netzwerk Twitter in Ländern wie Chile verbreiteten, wo Missbrauchsskandale in den vergangenen Jahren das Bild der Kirche verdunkelt haben. Wie die brasilianische Zeitung „O Globo“ hervorhob, waren von Franziskus auch Menschen anderer Konfessionen berührt: „Es ist großartig, diese jungen Menschen im Glauben, nicht auf Drogen zu sehen. Und dieser Papst sagt sehr gute Sachen, er ist ganz bescheiden“, zitierte sie einen Anhänger der „Vereinigung Gottes“, einer der evangelikalen Freikirchen, die sich in Brasilien ausbreiten und schon mehr als 20 Prozent der Bevölkerung gewonnen haben. Wo sonst ihre TV-Prediger auf den Bildschirmen auftauchen, hat nun der Papst in Lateinamerika eine Woche lang die Nachrichten dominiert.

Von Mexiko bis Chile und natürlich permanent in Brasilien haben die großen Blätter und Fernsehsender jeden Tag über den Papst-Besuch berichtet, und die Zeitungen hatten jeden Tag eine Botschaft des Papstes auf ihren Titelseiten. „Nur der Papst kann uns retten“ titelte „O Globo“, eine der größten Zeitungen Brasiliens, am Samstag. Wie andere Blätter der Region nannte „O Globo“ den Papst einen „Star in schwierigen Zeiten“ in Anspielung auf die Organisationsprobleme und einige Proteste rund um den Weltjugendtag, der gegenüber den Papst-Auftritten ein wenig in den Hintergrund rückte. „Seine Nähe zu den Gläubigen und die Sympathie für den argentinischen Papst hat Brasilien erobert“, schrieb „O Globo“.

Dass der Papst vom Protokoll ausbrach, dass er sich ganz bescheiden und an der Seite der einfachen Leute zeigte und seine selbstkritischen Aussagen zur Kirche haben die Menschen besonders beeindruckt. Die Zeitungen haben die symbolischen Gesten herausgehoben. Etwa Franziskus’ Entscheidung, ein Sparauto zu nutzen statt des üblichen Papst-Mobils, oder sein Besuch in einem Armenviertel in Rio am Freitag. Als er dort sagte, er wolle mit den Bewohnern einen Kaffee trinken, fügte er lachend hinzu: „Ein Kaffee ohne Cachaça“ (die in Brasilien beliebte Spirituose). In sozialen Netzwerken wird das Video viel empfohlen, wie Franziskus ein Kind einlädt, in sein Papst-Mobil einzusteigen und das Kind lange umarmt. Das Kind heiße Nathan, sei neun Jahre alt und wolle Priester werden, berichtet „O Meia Hora“, eine Boulevardzeitung, die zu den am meisten gelesenen in Rio de Janeiro zählt.

Immer wieder haben brasilianische Medien auf die Nationalität des Papstes angespielt. „Der Papst hat sein erstes Wunder gewirkt, dass ein Argentinier in Brasilien verehrt wird“, hieß es in einem Artikel in „O Meia Hora“. Brasilien und Argentinien sind seit langem große Fußball-Rivalen, der Sport bewegt dort die Massen. Selbst Papst Franziskus ist Fan eines Fußballteams, nämlich San Lorenzo aus seiner Heimatstadt Buenos Aires. Während des Konklaves hatten einige Brasilianer an Kardinal Odilo Scherer, den Bischof von Sao Paulo, als Favoriten für die Papstwahl im März gedacht. Aber inzwischen hat sich Franziskus in ihre Herzen gespielt. Mit einem Witz nahm Franziskus die Gastgeber für sich ein, als er auf den brasilianischen (Fußball-)Gott anspielte. Seine bescheidene Art steht im Gegensatz zum Ruf der Argentinier, ganz und gar unbescheiden zu sein. Auf spielerische und witzige Weise hat der Papst nationale Grenzen und Stereotypen in Lateinamerika überwunden.

In seiner Predigt am Wochenende hat der Papst die Bischöfe aufgefordert, auf die Straße zu gehen für die Evangelisierung. Sein Aufruf an die katholische Jugend, auf den Straßen den Glauben zu bezeugen, hat in der lateinamerikanischen Presse einen besonders starken Widerhall erzeugt, die diese Formulierung in ihren Schlagzeilen aufgriff. In einer theologisch weniger raffinierten Art als sein Vorgänger, aber wirkungsvoll, hat Papst Franziskus dargelegt, was er von der Kirche Lateinamerikas erwartet: eine bescheidene, warme Kirche, die nahe an den Menschen ist. Franziskus hat dies in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache den geschätzt zwei bis drei Millionen Pilgern, die in der vergangenen Woche begleiteten, aufgegeben.

In einer seiner letzten Predigten in Rio rief Franziskus protestierende junge Leute auf der ganzen Welt auf, sie sollten „Antreiber des Wandels“ sein. Ganz nah an der Sprache der Leute war er, wenn er Fußball-Anspielungen benutzte und die Jugend aufforderte, „Teil des Teams“ von Christus zu sein und „hart zu trainieren“. „Seid Vorkämpfer, spielt vorwärts, schießt nach vorne, baut eine Welt der Gerechtigkeit, der Liebe, der Brüderlichkeit und Solidarität“, sagte er. Das „Folha da Sao Paulo“, die größte und wichtigste liberale Zeitung Brasiliens, titelte am nächsten Tag: „Der Papst ruft die jungen Leute auf, Athleten für Christus zu sein und auf die Straßen zu gehen“.

Die Medien feierten die „Tage der Glückseligkeit“

In einem Kontinent, wo immer noch etwa ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt und in einigen Ländern autoritäre Regime herrschen hat der Papst großen Eindruck gemacht mit seinem Aufruf an die Politiker, sie sollten „menschliche“ Wirtschaftssysteme entwickeln, um die Armut zu bekämpfen, und sie sollten den Wünschen der Bevölkerung zuhören. „Danke, Papst Franziskus. Dies sind Tage der Glückseligkeit …. Wir sind jetzt alle Franziskaner“, schrieb daraufhin auf der Titelseite das „Jornal do Brasil“, eine große Internet-Zeitung des Landes, die sich selbst als linksgerichtet versteht. „O Estado de Sao Paulo“, eine der weitesten verbreiteten Zeitungen des Landes, widmete dem Papst einen Großteil ihrer Titelseite und berichteten vor allem über dessen selbstkritische Äußerungen über den Zustand der Kirche. Unter der Schlagzeile „Der Papst spricht über die Widersprüchlichkeiten in der Kirche und fordert eine Reform“ schrieb das Blatt, dass bald nach der Rückkehr des Papstes nach Rom Reformen beginnen werden.

Die Kritik des Papstes an der eigenen Kirche hat ein großes Echo auch in anderen lateinamerikanischen Ländern hervorgerufen. Zeitungen, Onlinemedien, Fernsehsender und soziale Netzwerke waren voll mit der Botschaft des Papstes: „Wir brauchen eine Kirche, die einen Dialog führen kann mit jenen Jüngern, die von Jerusalem geflohen sind, die ohne Ziel herumwandern, die alleine sind, die mit Enttäuschungen kämpfen, mit Enttäuschungen über eine Christenheit, die als steril empfunden wird, unfähig zum Sinngeben.“ Und Franziskus fügte hinzu: „Vielleicht hat sich die Kirche als zu schwach erwiesen, zu weit weg von ihren Bedürfnissen, unfähig, um ihre Sorgen anzusprechen, zu kalt für sie, zu selbstbezogen, ein Gefangener ihrer eigenen rigiden Sprache.“