Filmkünstlerin im Dienst der Nazis

Mit „Triumph des Willens“ setzte Leni Riefenstahl neue Maßstäbe für den Film – Sie schuf aber auch offizielle Bild Hitlers. Von José García

Leni Riefenstahl im Gespräch mit Heinrich Himmler im Rahmen der Dreharbeiten für „Triumph des Willens“. Foto: Bundesarchiv
Leni Riefenstahl im Gespräch mit Heinrich Himmler im Rahmen der Dreharbeiten für „Triumph des Willens“. Foto: Bundesarchiv

„Das Dokument vom Reichsparteitag 1934, hergestellt im Auftrage des Führers“. So lautet der Untertitel von „Triumph des Willens“, mit dem der Name seiner Regisseurin untrennbar verbunden bleibt: Leni Riefenstahl drehte zwar auch Filme über die Reichsparteitage 1933 („Sieg des Glaubens“) und 1935 („Tage der Freiheit“), aber von der Reichsparteitags-Trilogie brannte sich lediglich „Triumph des Willens“ ins kollektive Gedächtnis als Paradebeispiel einer Filmkunst im Dienste einer Ideologie ein. Uraufgeführt wurde „Triumph des Willens“ vor genau 80 Jahren am 28. März 1935 im Berliner Ufa-Palast am Zoo.

Obwohl Leni Riefenstahl neben ihrer Arbeit als Schauspielerin (in sechs Filmen) auch in zwei Spielfilmen Regie führte („Das blaue Licht“, 1932 und „Tiefland“, 1954), sind „Olympia“ (1936), ihre zweiteilige Dokumentation über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin und vor allem „Triumph des Willens“ ihre bekanntesten Filmarbeiten. Entsprechend dem an Friedrich Nietzsches Parole „Willen zur Macht“ angelehnten Filmtitel zelebriert Riefenstahls Film Adolf Hitler als Retter Deutschlands, der dank seines Willens die Bewegung durch alle Schwierigkeiten – so zuletzt durch den sogenannten „Röhm-Putsch“, auf den Hitler im Film Bezug nimmt – geführt habe.

Leni Riefenstahl konnte – wie später auch bei „Olympia“ – auf jegliche offizielle Unterstützung zählen. Sie verfügte für „Triumph des Willens“ über unbegrenzte technische Mittel. In ihrem Film verwendete die Regisseurin eine Reihe neuartiger Techniken. So beginnt „Triumph des Willens“ mit Luftaufnahmen aus dem Flugzeug, das Hitler nach Nürnberg bringt. Darüber hinaus setzte sie Kamerafahrten ein, die von einem zwanzig Meter hohen Fahnenmast aus aufgenommen wurden. Dadurch entfalten die Szenen, die als Höhepunkt des Filmes gelten, eine ganz besondere Wirkung: Hitler, begleitet von Heinrich Himmler und Viktor Lutze, Röhms Nachfolger an der Spitze der SA, schreitet in der Luitpold-Arena durch ein Meer von mehr als 150 000 SA- und SS-Männern, um einen Gedenkkranz am Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges niederzulegen. Nach den Reden von Hitler und Lutze werden die neuen Parteiflaggen durch Berührung mit der „Blutfahne“ geweiht, die von den Nationalsozialisten während des Hitler-Ludendorff-Putsches am 9. November 1923 getragen wurde, begleitet von Kanonendonner und von den Klängen von „Ich hatt' einen Kameraden“. Durch die „Berührungsreliquie“ erhält die Veranstaltung einen pseudoliturgischen Charakter. Die Wirkung von Riefenstahls Bildern wurden darüber hinaus durch das Spiel von Licht und Schatten sowie durch die ausgesuchte Montage verstärkt. Wesentlich zur Inszenierung trägt außerdem die Musik von Herbert Windt bei, die das Fahnenmeer in eine Tanzszene verwandelt. Die Bedeutung der Musik als unterschiedliche Teile zusammenfügendes Element übernahm Leni Riefenstahl aus den Stummfilmen der zwanziger Jahre und insbesondere aus Walther Ruttmanns „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ (1927). Ruttmann hatte sein Meisterwerk über einen Tag im Leben der Großstadt als visuelle Sinfonie gestaltet, die mit der Live-Musikaufführung korrespondiert. Im Unterschied jedoch zu Ruttmann, der Berlin in ständiger Aufwallung zeigt, stellt Riefenstahl Hitler als ruhenden Pol dar. Überwiegend erscheint er in Untersicht, um die Ehrfurcht ihm gegenüber zu betonen. „Triumph des Willens“ legte das öffentliche Bild Hitlers fest.

Ist „Triumph des Willens“ ein Dokumentar- oder ein reiner Propagandafilm? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Dazu führt etwa Susan Sontag aus, der Reichsparteitag sei als Kulisse für Riefenstahls Film angelegt worden: „Das historische Ereignis diente also als Kulisse für einen Film, der sich dann in einen authentischen Dokumentarfilm verwandeln sollte. Will man noch einen Unterschied machen zwischen Dokumentarfilm und Propaganda, dann ist jeder, der die Filme der Riefenstahl als Dokumentarfilme verteidigt, naiv. In ,Triumph des Willens‘ ist das Dokument (das Bild) nicht nur die Aufzeichnung der Realität, sondern ein Grund, warum die Realität hergestellt wird; und schließlich wird das Dokument an die Stelle der Realität treten.“

Dennoch übte „Triumph des Willens“ wegen seiner filmtechnischen und filmästhetischen Neuerungen einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Dokumentarfilmes aus. Darüber hinaus wurde Riefenstahls Parteitagsfilm unzählige Male in unterschiedlichen Filmgenres zitiert, von der Schlussszene in „Krieg der Sterne“ (George Lucas, 1977) bis in der Inszenierung von „König der Löwen“ (1994).

Bis heute, 80 Jahre nach seiner Uraufführung, bleibt „Triumph des Willens“ ambivalent: Auf der einen Seite hat er durch seine ästhetischen und filmischen Qualitäten für den Dokumentarfilm neue Maßstäbe gesetzt, auf der anderen Seite hatte sich das gesamte Filmprojekt durch die nationalsozialistische Ideologie instrumentalisieren lassen. Leni Riefenstahl wurde dadurch zu einem Star, dass sie ihr Talent in den Dienst eines Verbrecherregimes stellte. Diese Zweideutigkeit hat wohl am besten Woody Allen in einem Satz ausgedrückt, den er einer jungen Frau in „Ehemänner und Ehefrauen“ (Husbands and Wives, 1992) in den Mund legte: „,Triumph des Willens‘ war ein großartiger Film, aber der Gedanke, der dahinter steckt, ist abscheulich.“