Feingeist unter einer rauen Oberfläche

Ein Loblied auf die Kunst und vor allem auf die Freundschaft: Die Literaturverfilmung „Die Eleganz der Madame Michel“

Ende 2006 veröffentlichte in Frankreich Muriel Barbery „Die Eleganz des Igels“ („L'Elégance du hérisson“), einen Roman mit zwei außergewöhnlichen Hauptfiguren, einer zwölfjährigen Suidizgefährdeten und einer 54-jährigen Concierge, die sich allem Klischee zum Trotz als außerordentlich gebildet herausstellt. Muriel Barberys zweiter Roman wurde mit seinen 1,5 Millionen verkauften Exemplaren zur literarischen Sensation in Frankreich und vielfach ausgezeichnet. Inzwischen liegt „Die Eleganz des Igels“ in 31 Sprachen vor. Die nun im deutschen Kinoprogramm anlaufende Verfilmung unter dem Verleihtitel „Die Eleganz der Madame Michel“ (Originaltitel: „Le hérisson“) ist das Spielfilmdebüt der 1981 geborenen Regisseurin Mona Achache.

Das von Mona Achache selbstverfasste Drehbuch setzt einen Kunstgriff ein, um dem Zuschauer den Zugang zu diesen zwei Figuren zu erleichtern: In der Dunkelheit leuchtet eine Taschenlampe auf, dann wird eine alte Kamera eingeschaltet. Die elfjährige Paloma (Garance Le Guillermic) erklärt gegenüber dem Aufzeichnungsgerät, an ihren Eltern habe sie durchschaut, wie ärmlich ein Leben im Luxus sein kann. Ihre gefühlsarmen und mit sich selbst beschäftigten Eltern kämen ihr wie Goldfische vor. Sie wolle eben nicht in einem Goldfischglas voller kleinbürgerlicher Neurosen enden. Deshalb habe sie beschlossen, sich am Tag ihres zwölften Geburtstags das Leben zu nehmen, sollte sie nicht etwas entdecken, was das Leben lebenswert macht. In den verbleibenden 165 Tagen möchte sie eine Art filmisches Tagebuch führen, um der Nachwelt diesen Film zu hinterlassen.

Vor die Kamera der überdurchschnittlich intelligenten Paloma kommt einfach alles, so irgendwann einmal auch die Concierge des herrschaftlichen Hauses, Madame Michel (Josiane Balasko). Die 54 Jahre alte, verwitwete Renée Michel lebt seit 27 Jahren als Concierge in diesem Haus. Ungepflegt und mürrisch, füllt sie das Bild einer solchen Pförtnerin vollkommen aus. Vor allem besitzt sie aber die „Gabe“ des guten Concierges: Sie ist so gut wie unsichtbar für die Bewohner des Hauses, die sich das echte, unter der kratzbrüstigen Oberfläche eines Igels schlummernde Wesen der Renée Michel kaum vorstellen können. Meinen die Mieter etwa, Madame Michel würde stundenlang fernsehen, so verbringt sie ihre Freizeit mit anspruchsvoller Lektüre: Ein stets verschlossenes Zimmer ist mit Literatur- und Philosophie-Büchern bis an die Decke gefüllt.

Kaum haben Paloma und Renée ihre über alle Alters- und Klassenunterschiede hinweg bestehende Seelenverwandtschaft entdeckt, kommt in der Person des neuen Mieters Herrn Kakuro Ozu (Togo Igawa) eine dritte Figur ins Spiel. Der zurückhaltende, kultivierte und offenbar sehr wohlhabende Japaner bewirkt nicht nur einen Wandel im Äußeren der unscheinbaren Concierge. Er flößt darüber hinaus ihr und auch Paloma neuen Lebensmut ein.

Die Kamera von Patrick Blossier bewegt sich meistens in geschlossenen Räumen. Sie entlockt ihnen aber poetische Einstellungen, die von der zurückhaltenden Filmmusik Gabriel Yareds perfekt unterstützt werden. Besonders gelungen ist Regisseurin Mona Achache jedoch die Schauspielerführung. Josiane Balasko macht die langsame Verwandlung der Madame Michel vollkommen glaubwürdig. Der jungen Garance Le Guillermic gelingt insbesondere die schwierige Gratwanderung zwischen Naivität und altklugem Gleichmut vollkommen. Trotz eines durch und durch literarischen Sujets und der damit einhergehenden anspruchsvollen Dialoge wirken die Darstellungen der zwei Protagonisten vorbehaltlos natürlich.

Eindrücklich und dennoch nicht sentimental verknüpft „Die Eleganz der Madame Michel“ darüber hinaus Schmerzhaftes mit Liebenswertem – der nicht zu knapp geratene, scharfsinnige Humor hilft über mögliche Rührseligkeiten hinweg. So entdeckt Paloma in der Freundschaft mit Madame Michel und Herrn Ozu Dinge, die das Leben lebenswert machen, und sie von ihrem Vorhaben abbringen können. Als Sinnbild dafür greift Regisseurin Achache genau auf die Metapher zurück, die Paloma eingangs benutzt hatte: Die Zwölfjährige probiert die Schlaftabletten, mit denen sie sich umbringen will, an einem Goldfisch aus. Als dieser an der Oberfläche treibt, schüttet sie ihn in die Toilette. Der Fisch war aber nicht tot – irgendwann einmal findet ihn Madame Michel quietschfidel wieder.

„Die Eleganz der Madame Michel“ ist eine Hommage an die Freundschaft, an die Schönheit und an das Leben. Obwohl die Frage der Transzendenz nicht ausdrücklich gestellt wird, lässt der Film sie offen: In der Literatur, in der Kunst, vor allem aber in den zwischenmenschlichen Beziehung erkennt der Mensch, dass er etwas mehr ist als reine Biologie.