Würzburg

Faszinosum Freikirche?

Stefan Meetschen ist vielen freikirchlichen Christen dankbar. Sie haben seinen Glaubensweg begleitet - der ihn letztlich zur katholischen Kirche führte. Eine kleine Replik auf Pater Karl Wallner.

Audience Hands And Lights At Concert
Die Hände erhoben, um Jesus zu preisen - Pfingstler feiern den Gottesdienst mit viel Emotionen. Foto: Foto:

Meine Vergangenheit ist die Zukunft. Das musste ich denken, als ich vor einer Woche den Artikel von Pater Karl Wallner las und auf die Seite 18 stellte. Denn: Wallner, der populäre Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke und Professor für Dogmatik an der Hochschule Heiligenkreuz, verteidigte in seinem Text „Raus aus dem Reservat“ nicht nur den Auftritt von Sebastian Kurz und Kardinal Christoph Schönborn bei der Veranstaltung „Awakening Europe“, die kürzlich in Wien stattfand – er beschrieb auch anschaulich die Atmosphäre und den Anspruch der Konferenz, die 10 000 Teilnehmer in die Wiener Stadthalle lockte. „Das evangelikal organisierte Stadthallenevent zeigt, dass sich junge Christen nicht mit der Visionslosigkeit des Bisherigen zufrieden geben. Sie wollen raus und ihren Glauben weiterschenken. Sie wollen nicht in den ihnen zugewiesenen Habitaten aussterben. Sie haben eine missionarische Vision. (...) Ein junger Bekannter von mir hatte danach keine Stimme mehr, weil er – obwohl er nicht singen kann – so begeistert mitgesungen hat.“

Auch ich habe Anfang der 1990er Jahre, als junger Mann und Student, der eigentlich nicht singen konnte, begeistert die charismatischen Lobpreislieder von Graham Kendrick („Shine Jesus Shine“) mitgesungen, wenn ich sonntags zu den freikirchlichen Gottesdiensten der pfingstlerischen „Kirche am Südstern“ in Berlin ging oder beim „Marsch für Jesus“ mitlief, bei dem – was auf mich schon etwas befremdlich wirkte – die Herrschaft Jesu über Deutschland proklamiert wurde. Manchmal kamen zu den Gottesdiensten „Evangelisten“ oder „Propheten“ aus den Vereinigten Staaten, die große Verheißungen für bestimmte Länder Europas verkündeten, weil dadurch eine Erweckung ausgehen würde. Einmal verbrachte ich – obwohl niemals Mitglied einer Freikirche – zwei Wochen bei einer freikirchlichen Mega-Church in London. Junge Leute aus der ganzen Welt wurden für die Evangelisation geschult. Wir gingen auf die Straße, klingelten an den Haustüren und erzählten den Leuten von Jesus. Und zur eigenen Stärkung legten wir einander im Gebet die Hände auf, sprachen in Zungen, hoben die Arme, hatten Worte der Erkenntnis oder einen prophetischen Eindruck, ein „Bild“.

Christsein wurde uns als Abenteuer geschildert

Diejenigen, die in Toronto gewesen waren, wo der sogenannte „Toronto Blessing“ (Segen von Toronto) durch eine Freikirche fegte, lachten zudem häufig oder „ruhten im Geiste“. Die Geistesgaben, die Charismen – sie standen im Mittelpunkt des Interesses. Denn Christsein, erfüllt vom Heiligen Geist, das wurde uns jungen Leuten als ein Abenteuer geschildert. So aufregend wie das Leben der ersten Jünger, festgehalten in der Apostelgeschichte. Und große Verheißungen warteten auf uns. Individuell und als Gruppe. „Halleluja. Amen.“

Als Ausgleich zu dieser etwas überhitzten geistlichen Atmosphäre las ich Bücher von Johannes Paul II. („Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“) und Kardinal Joseph Ratzinger („Einführung ins Christentum“), die mich erstaunten, weil ich bei beiden das entdeckte, was mich an den Freikirchlern faszinierte: die persönliche Beziehung zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Auch Bücher von Kardinal Léon-Joseph Suenens säumten meinen Weg der Suche. Also lagen die emotionalen Charismatiker doch nicht so falsch, wenn solche klugen, alten Männer auch an die Auferstehung glaubten? In der evangelischen Landeskirche, im Religionsunterricht war mir ein derartiger Jesus nicht vermittelt worden.

"Und doch wusste ich, dass die volle Wahrheit,
die authentisch überlieferte Lehre
nur in der katholischen Kirche zu finden sei."
Stefan Meetschen

Und wie begeistert war ich, als 1993 der „Katechismus der Katholischen Kirche“ erschien, erarbeitet von Ratzinger und einem gewissen Christoph Schönborn, Weihbischof von Wien. Alles, was ich dort systematisch über Jesus und die Kernpunkte des Glaubens lesen konnte, schien mir nicht im Widerspruch zu stehen zu dem, was die Pfingstler glaubten. Und doch wusste ich – zum Entsetzen vieler meiner freikirchlichen Freunde – dass die volle Wahrheit, die authentisch überlieferte Lehre nur in der katholischen Kirche zu finden sei. Warum? Wegen der Heilkraft der Sakramente. Wegen der Schönheit der Liturgie. Wegen der Stille in dem Kloster der Steyler Anbetungsschwestern im Stadtteil Westend. Wegen der Unterscheidungsgabe katholischer Autoren wie Norbert Baumert. Wegen der profunden Logik des Leitartiklers des „Rheinischen Merkurs“.

Fast 25 Jahre nach meiner Konversion zur katholischen Kirche bin und bleibe ich dankbar für die pfingstlerischen Freikirchler, die mir wichtige Impulse auf dem Weg zu Christus gegeben haben und durch die ich erfahren durfte, was die Kraft und Vollmacht des Heiligen Geist bedeuten könnte. Manchmal erinnere ich mich an Einzelne, besonders diejenigen, die katholisch getauft waren, aber in ihrer Kirche leider nicht den Geist und die Liebe zu Jesus gefunden hatten. Und die mich deshalb auf meinem Weg in die Kirche, diese „toten katholischen Gemeinden“, nicht verstehen konnten. Sie taten mir leid, zumal ich schon bald entdeckte, dass Papst Johannes Paul II. der charismatischen Erneuerung durchaus aufgeschlossen gegenüberstand. Auch Ratzinger schien die Dimension des geistlichen Kampfes, die in der Freikirche eine große Rolle spielt, ernst zu nehmen. Wenn auch angenehm ruhig und nüchtern. Darf man vielleicht sogar sagen: gelassen?

Ja, ich glaube, dass es diese katholische Gelassenheit und Heiterkeit ist, eine Form von Weltläufigkeit, die mich bis heute anzieht. Der Katholizismus ist immer noch stark. Er hat eine Kultur, die nicht so sehr von Erweckung und Massenbegeisterung träumt, aber bodenständig und wahr ist. Geist, Lehre und Tradition, das weiß ich heute, lassen sich verbinden. Und so freue ich mich, wenn ich hier und da höre, dass zum Beispiel das Wallfahrten wieder en vogue ist unter jungen Leuten, und man sich Grenzen überschreitend für die Bücher von Kardinal Robert Sarah, Roberto de Mattei oder George Weigel interessiert. Ist meine Zukunft die Vergangenheit? Für die Veranstaltung „Awakening Europe“ 2020 in Amsterdam stelle ich gern eine Kerze auf.