Familien machen Teamarbeit

Das klassische Bildungsverständnis erzieht Jugendliche zu verantwortlichem Handeln – Die Tagung „Wertevoll aufklären“ in München stellte „Grundlagen und Praxis einer wertgebundenen Sexualerziehung“ vor. Von Sebastian Krockenberger

Alle Eltern hoffen, dass ihre Kinder eines Tages glückliche Erwachsene sind“, erklären die Veranstalter der Tagung „Wertevoll Aufklären“. Am Wochenende lud eine Arbeitsgemeinschaft von Eltern, Erziehern und Lehrern nach München, um „Grundlagen und Praxis einer wertgebundenen Sexualerziehung“ vorzustellen. Ganz oben auf der Skala der Vorstellungen von Glück rangiere bei den allermeisten jungen Frauen und Männern eine auf Dauer angelegte, gelingende Paarbeziehung und eigene Kinder, also Ehe und Familie. Die Veranstalter wollen Wissen und Wege aufzeigen, wie Orientierungslosigkeit im Umgang mit Sexualität und der eigenen Identität vermieden werde. Die Tagung wandte sich insbesondere an Lehrer, Eltern und Erzieher.

Der Psychologe und Pädagoge Markus Hoffmann stellte die „Entwicklungssensible Sexualpädagogik“ vor, die im Studiengang „Leib, Bindung, Identität“ vermittelt wird. Ziel ist es, dass Menschen ihre Sexualität verstehen. Sexualität soll im Kontext des ganzen Menschen gesehen werden. Wenn Menschen ihre Sexualität verstehen, könnten sie mit Entwicklungen umgehen, dann sei auch der Weg zur Hilfe leichter.

Sexualpädagogik muss für Werte offen sein

Hoffmann beklagt eine Verwirrung in der aktuellen Sexualpädagogik. Er hinterfragt den Begriff „sexuelle Bildung“, der von der vorherrschenden „neo-emanzipatorischen Sexualpädagogik“ verwendet wird. Laut Karlheinz Valtl erwirbt der Mensch „sexuelle Bildung“, indem er sich mit Sexualität auseinandersetzt, wie sie als Kultur in der Welt da sei. Das bedeutet, dass Liebeslyrik, erotische Fotografie, Verhütungsmittel und verschiedene Partnerschaftsformen „als schön, brauchbar und wertvoll herausgestellt werden“. Daraus folgt, dass der junge Mensch zur Sammlung eigenständiger sexueller Erfahrung ermutigt wird.

Hoffmann kritisiert das als Einschränkung der Reflexion. Nach dem klassischen Bildungsbegriff hingegen werde dem Lernenden ein Begriff übergeben, so dass er ihn aus dem Abstand betrachten und kritisch reflektieren könne. Demnach wolle die „Entwicklungssensible Sexualpädagogik“ dem Jugendlichen erst einmal erklären, was Sexualität sei, Wissen und Verstehen der Jugendlichen erhöhen mit dem Ziel eigenverantwortlichen Handelns des Jugendlichen. Sexualität müsse transdisziplinär verstanden werden. Sie sei weder ausschließlich als biologische Körperfunktion noch als psychische Funktion zu begreifen, sondern ein Ineinandergreifen beider ist essenziell. Sexualität sei immer eingebettet in eine soziale Beziehung, wie Hoffmann betont.

Dem steht die „polymorph-perverse Theorie“ der Sexualität entgegen. Sie verwende ein psychoanalytisches Konzept der Sexualität. Der Grund für diese Theorie sei nicht ihre empirische Überprüfbarkeit. Die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau nenne das Ziel der Befreiung aus dem „zwangsläufig genitalen Primat der Fortpflanzungsfunktion“ als Grund.

Hoffmann bezieht sich auf die Forschung, wonach Sexualität einem Entwicklungsprozess bei den Jugendlichen unterliege. Jugendliche seien vor dem 16. Lebensjahr in einer Situation der Unsicherheit, Beziehungen vor diesem 16. Lebensjahr endeten daher meist dramatisch. Hoffmann stellt die Frage, ob es nicht sein könne, dass Jugendliche Sexualität gebrauchen, um Ängste und Unsicherheiten abzubauen. An anderer Stelle weist er darauf hin, dass die Lustsuche des Menschen nicht per se sexuell sei. Er kritisiert daher, dass die neo-emanzipatorische Sexualpädagogik an den Bedürfnissen der jungen Menschen vorbeigehe.

Hoffmann kritisiert, dass die neo-emanzipatorische Sexualpädagogik nur eine Verhandlungsethik zulasse, wo Jugendliche sich zum Objekt von Experimenten machten, andere Ansätze werden als „sexualfeindlich“ abgetan. Hoffmann regt an, den Kindern und Jugendlichen weitere ethische und anthropologische Konzepte zu übergeben. Die Frage „Wer willst Du sein?“ kommt ins Spiel, wenn Innerlichkeit und Zukünftigkeit des Menschen berücksichtigt werden. Er plädiert für eine Sexualpädagogik, die für Werte offen ist. Jugendliche sollen lernen zu reflektieren. An verschiedenen Konzepten solle sie eine eigene Meinung bilden. So soll zu einer gelingenden Sexualität geholfen werden.

In den Workshops wurde zum Beispiel die Buchreihe „leben lieben lernen“ aus Venezuela vorgestellt. Marian Olivarria von der „Latein-Amerikanischen Allianz für die Familie“, betont, dass die Buchreihe den Kindern eine Basis geben soll, wie sie gute und gesunde Beziehungen schaffen können. Sie sollen ermutigt werden, nicht mit den Trends zu gehen, nicht mit der Masse zu gehen. „Wir gehen zurück zum Wesentlichen“, erklärt sie. Die Familie, die als Team zusammenarbeitet, ist das Ziel der Buchreihe. Sie wird in mehreren Ländern und Sprachen eingesetzt, wie zum Beispiel an ungarischen Schulen. Der Verein „wertevoll wachsen e. V.“ gibt die deutsche Ausgabe heraus.

„Soll das Internet unsere Kinder aufklären?“, fragt Phil Pöschl von Safer Surfing, der Prävention und Hilfe bei Internetsucht, insbesondere Pornografiesucht anbietet. Er berichtet, wie weit verbreitet Pornografie ist und in welchem Ausmaß auch junge Schüler bereits betroffen sind. Weitere Workshop-Anbieter waren die Elterninitiative Sexualerziehung Schweiz, das sexualpädagogische Programm TeenSTAR, „Fit for Love?“ – Eine bindungsorientierte Sexualpädagogik zur Prävention von jugendlichem Pornografiekonsum und sexueller Gewalt, die Familienallianz Österreich, das Institut für Natürliche Empfängnisregelung Professor Rötzer e.V. sowie das Weiße Kreuz. Regula Lehmann, eine der Organisatoren, rief dazu auf, was vorgestellt wurde, umzusetzen: „Machen wir etwas mit dem, was wir uns angeeignet haben.“ Auch wenn es politisch gar nicht so einfach sei, etwas zu bewegen, so erlebe sie, dass es an der Basis manchmal viel einfacher sei, etwas anzustoßen. Sie erwähnte zum Beispiel: das Gespräch mit der Schule suchen, ein gutes Aufklärungsbuch verschenken oder gute Projekte unterstützten.

Die Tagung vertiefte Aspekte, die zum Beispiel auch von der Demo für Alle angesprochen werden, die mit einem Info-Stand vertreten war. Das Themenfeld Sexualerziehung ist schon länger schwer umkämpft. Den Organisatoren in München ging es jetzt darum, inhaltlich und grundsätzlich zu arbeiten.