Existenz im Spagat

Der Historiker Stefan Gerber hat die Frage gestellt, ob es noch katholische Intellektuelle gibt. Verschiedene Denker haben dazu in der „Tagespost“ Stellung genommen. Es folgt ein Beitrag, der Gerbers Thesen energisch widerspricht. Von Hans-Rüdiger Schwab

Die modernen Bilder Gerhard Richters eröffnen neue Konfigurationen – so wie die Wirklichkeit für katholische Intellektuelle. Foto: IN
Die modernen Bilder Gerhard Richters eröffnen neue Konfigurationen – so wie die Wirklichkeit für katholische Intellektue... Foto: IN

Sollte dies am Ende bloß die Beschwörung eines Phantoms gewesen sein? Als Arnold Stadler 1999 den angesehensten deutschen Literaturpreis erhielt, hob die FAZ hervor, es handle sich hier um einen katholischen Intellektuellen, von dem noch viel zu erwarten sei. Hocheuphorische Stimmen ließen sich in einem vom Hanser-Verlag herausgebrachten Sonderdruck acht Jahre später anlässlich der Auszeichnung von Martin Mosebach vernehmen. Nicht dieser „Spion des Papstes“ (Thomas Steinfeld) habe sich der Zeit angenähert, war dort zu lesen, vielmehr sei diese ihm „entgegengewachsen“. Und was immer man von derlei Unternehmungen halten mag: Im gleichen zeitlichen Umfeld stand Joseph Ratzinger an der Spitze von Rankings „führender deutscher Intellektueller“, jener mittlerweile zum Papst gewählte Theologe, dessen gegenwartsdiagnostischer Disput mit Jürgen Habermas Anfang 2004 so viel Aufsehen erregt hatte.

Flankiert durch eher polemische als erhellende Gerüchte über die „Großmacht“ eines „Feuilleton-Katholizismus“ (Gustav Seibt), ist all das noch keine eineinhalb Jahrzehnte her. Gewiss: Üblicherweise vergessen wir viel zu viel und viel zu schnell. Von einem Historiker indes wäre ein beständigeres Gedächtnis zu erwarten, insonderheit, wenn er so knallige Thesen absondert wie Stefan Gerber. Ist katholische Intellektualität in diesem Lande tatsächlich nun mit einem Male perdu?

Das meiste, was bei seinen Einlassungen vorausgesetzt wird und mitschwingt, fordert eine differenziertere Betrachtung, beginnend mit der Problematik des zentralen Begriffs selbst. Was ein Intellektueller sei, ließe sich sowohl entlang akademischer Hintergründe buchstabieren als auch und vor allem mit Blick auf einzelne Persönlichkeiten. Wenn nach 1989 im Präteritum vom „Jahrhundert der Intellektuellen“ (Michel Winock) gesprochen wurde, welches man gemeinhin mit Émile Zolas Einmischung in der Dreyfus-Affäre beginnen lässt, hatte das zumal mit der nun offensichtlichen Irrtumsanfälligkeit der fraglichen Sozialfigur zu tun. Eine andere Tendenz trat hinzu: die Ablösung des „universell“ argumentierenden Intellektuellen durch den (von diesem zuvor schon in manchem Theorieentwurf abgegrenzten) „Experten“, der zusehends seinen Siegeszug als Teilchen-Welterklärer antrat. Wollte man erheben, wer in Deutschland zu den Leitbildern „klassischer“ Intellektualität zähle, würde man daher wohl nicht von ungefähr bei einigen Über-Achtzigjährigen landen, die seit Jahrzehnten genannt werden.

Diese Ent-Pathetisierung des Bilds vom Intellektuellen wird durch Wandlungen der Öffentlichkeit unter dem Einfluss der Mediengesellschaft zusätzlich befeuert. Wer ist es, der die Agenda unserer nicht-fachspezifischen Diskurse setzt, auf welchem Wege wird sie multipliziert und wo geschieht dies: in den akademischen communities und ihren Foren, in der „Qualitätspresse“, oder (ebenfalls nur beispielsweise) in den Talkshows mit ihrer ungleich größeren Reichweite? Sind wir nicht ständig Zeuge davon, wie – noch einmal: über welche Akteure und Kanäle? – Komplexes zu griffigen Schlagworten gerinnt, zu nicht selten interessegeleiteten Orientierungsvorgaben für den raschen Konsumenten, recht gern garniert mit moralischen Vereinfachungen? Könnte es nicht sein, dass die wirklich Klugen und Weitsichtigen, die Begründet-Engagierten und Reflexiv-Wahrnehmenden sich abwenden von den Mechanismen zeitgenössischer Meinungsbildung, die jede Nachdenklichkeit zwangsläufig übertönt? Fest steht: Jener idealtypische Protagonist des Intellektuellen, der aus unterschiedlichen Wissenskulturen stammen kann, der Diskussionen anregt oder sich in ihnen zu Wort meldet, der grundsätzlich das bessere Argument einfordert oder Werten, von denen er überzeugt ist, zur Geltung verhelfen möchte, der auf Missstände verweist, ohne sich durch irgendwelche „Macht“ einschüchtern zu lassen – allemal müsste er sich unter erschwerten Bedingungen behaupten.

Was schließlich eine eigentümlich katholische Intellektualität anbetrifft (die nach ihrem Habitus wahrscheinlich noch einmal in Geistliche, Theologen und Laien zu unterscheiden wäre), ist man gut beraten, normativ Schmalspuriges zu vermeiden. Genau diesen Weg haben die knapp vierzig Mitarbeiter des vor vier Jahren von mir herausgegebenen Wälzers mit dem programmatischen Titel „Eigensinn und Bindung“ beschritten, indem sie sich konkreten Individuen zuwandten, statt der Konstruktion eines im Wortsinne exklusiven Maßstabs. Solche Porträts sind wie Mosaiksteinchen. Neben dem Phänomen selbst machen sie in der Zusammenschau dessen Bezüge zu den verschiedenen Themen und Trends einer Epoche deutlich, gebrochen durch höchst ungleichartige Gestalten. Gemeinsam ist diesen Einzelnen, dass sie ihre Identität aus der bejahten Teilhabe an der katholischen Gestalt der einen, geschwisterlich verbundenen Christenheit beziehen.

Das eben ist ihre besondere Bindung, als Gegenpol zum notwendigen Selbst-Stand, dem „eigenen Kopf“, ohne den ein Intellektueller nicht vorstellbar erscheint. Katholische Intellektualität ist daher immer eine Existenz im Spagat. Ihr Begriff, bei dem es sich natürlich nicht um eine Selbstzuschreibung, sondern den Versuch einer behelfsmäßigen Bündelung in deskriptiver Absicht handelt, zielt unweigerlich auf ein produktives Spannungsverhältnis. Franz-Xaver Kaufmann, der selbst zu dieser species gehört, hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sie häufig eine doppelte Richtung aufweist: der Welt zugewandt wie auch der Kirche. Bestimmt man (wie Gerber) „die genuine Rolle des ,katholischen Intellektuellen‘“ indes als „Interessenvertretung“, dadurch, „katholische“ (näherhin „kirchlich-katholische“, wo nicht gar „antiaufklärerisch-katholische“!) „Positionen fundiert und offensiv in öffentliche Diskurse von Wissenschaft und Kultur einzubringen“, wird in mehr als einer Hinsicht entschieden zu kurz gegriffen.

Von jeher gibt es unter katholischen Intellektuellen solche, die sich zu Sprechern kirchlicher Standpunkte machen, solche, die in bestimmten Aspekten ein kritisches Verhältnis dazu haben, und (das dürfte die Mehrheit sein) solche, die sich als Katholiken ganz selbstverständlich zu relevanten Sachverhalten in unterschiedlichen Formaten von Öffentlichkeit äußern. Sie sind Intellektuelle und zugleich Katholiken (vice versa), wie Hans Otto Seitschek treffend angemerkt hat.

Wer bei der zweiten dieser drei Optionen übrigens die Stirn zu runzeln begänne, sollte sich – aus erkenntnisstiftenden Gründen wähle ich bewusst ein noch diesseits des „Jahrhunderts der Intellektuellen“ liegendes und ausdrücklich positives Beispiel – etwa der Überlegung stellen, ob der französische Priester und Philosoph Félicité de Lamennais, welcher die päpstliche Autorität in Glaubensfragen nicht einen Zentimeter anzweifelte, spätestens nach der Julirevolution 1830 nicht doch im Recht war, Prinzipien staatlicher Demokratie oder der Religionsfreiheit gegen die damals gängigen lehramtlichen Verurteilungen zu verteidigen? Erst Jahrzehnte nach seinem Tod ist er bestätigt worden (wie in einem Klassiker von Hans Maier nachverfolgt werden kann). Der Intellektuelle, auch katholischer Prägung, ist ein Liebhaber der Debatte, eigene Missgriffe und Fehlbarkeiten darin ebenso einbegriffen wie Kontroversen mit seinesgleichen. Bezeichnend genug beginnt das moderne Paradigma katholischer Intellektualität im deutschen Sprachraum 1898 außerdem mit einem selbstkritischen Impuls, was „die Höhe der Zeit“ des eigenen kulturellen Bewusstseins betrifft.

Anpassung hatte Carl Muth, von dem er ausging, keinesfalls im Sinn, wohl aber das Prüfen und gegebenenfalls Lernen als Hintergrund eigenen Gebens. Jener damit eingeleiteten „Wiederbegegnung“ jedoch verdankt gerade katholische Intellektualität ihre Fruchtbarkeit. Ein reiches Vermächtnis geistiger Vielfalt, der Courage obendrein, ist fortan zu besichtigen (für dessen Pflege ersichtlich mehr zu tun wäre). Von einer Chronik der Ausgrenzung und Herabsetzung kann keine Rede sein.

Auf diversen Feldern hinterließen katholische Intellektuelle in Deutschland während des letzten Jahrhunderts vielmehr deutliche Spuren, innerkirchlich regten sie manches an. Zu jenen Marksteinen, welche sie gesetzt haben, zählt nicht zuletzt das frühe Gespür für die Notwendigkeit ökologischen Denkens. Von jeher vielen gemeinsam ist die Skepsis einer eindimensionalen westlichen Moderne gegenüber, gerade auch in deren Abwendung von, ja „Angst vor der Religion“ (José Casanova). Und gerade angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass der real erscheinende Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit höchst ambivalente Züge trägt, hat katholische Intellektualität unvermindert manches einzubringen.

Verzweifelter Suche bedarf es heute keineswegs. Selbstredend gibt es sie noch, in allen Kompetenz-Gemeinschaften und darüber hinaus hoch geachtete katholische Intellektuelle. Besonders spannende Biographien weisen teilweise gerade diejenigen auf, die mit dem Ausgleich des von Karl Erlinghausen Mitte der 60er Jahre konstatierten „katholischen Bildungsdefizits“ sozialisiert wurden. Indem ich mich bei zahlreichen anderen, die damit übergangen werden, entschuldige, seien aus unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Charaktere exemplarisch genannt: Felicitas Hoppe oder Ulrich Khuon, Hans Joas oder Manfred Lütz, Vittorio Hösle oder Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Paul Kirchhof, Gesine Schwan oder Winfried Kretschmann, natürlich auch Hermann Kurzke, der sich in seinem „Unglaubensgespräch“ mit Jacques Wirion 2005 sogar selbst als „katholischer Intellektueller“ bezeichnet und dem nun durch Gerber absurderweise ein „postkatholisches“ Etikett zugewiesen wird. Das sind doch alles angesehene Persönlichkeiten, deren Stimme gehört wird, auch wenn sie aus ihrer authentischen katholischen Verortung keinen Hehl machen. Nicht zu vergessen jene klugen „Externen“, von Norbert Bolz bis Botho Strauß, die Elemente katholisch beheimateten Denkens in Erinnerung rufen. Sicher: Längst ist Deutschland kein von christlichem Glaubensbewusstsein geprägter Ort mehr. Der angesichts moderner Eigendynamik vielleicht unvermeidliche, teils selbst mitverschuldete Resonanzverlust des Katholischen ist ebenso wenig zu bestreiten wie Feindseligkeiten und Gehässigkeiten, von denen indes nicht unbedingt auf ihre intellektuelle Fundierung zurückzuschließen ist. Im Ressentiment vermeintlich Zu-kurz-Kommender sollte man sich in keinem Falle einrichten. Ebenso fatal ist das Ausweichen ins Gefällige, um ja den Anschein des Unzeitgemäßen – für Nietzsche nachgerade der Ehrentitel des Denkenden! – zu vermeiden, das heißt, sich selbst dann nicht mehr unterscheiden zu müssen, wenn es darauf ankäme. Seit wann aber wäre Intellektualität eine Sache der kompakten Mehrheit? Und wie reizvoll ist es wohl für souveräne Geister, stets bloß innerhalb eines anstößigkeitsfreien Mainstreams zu navigieren?

Die Herausforderung des deutschen Katholizismus besteht darin, ob er über Zutrauen zu sich verfügt, noch förderlich genug für solche Existenzen zu sein, ob es ihm gelingt, gerade bei ihnen Bindekraft zu entfalten – oder ob er sich in der Zangenbewegung zweier Engführungen aufreiben lässt: zwischen den Kräften allseits verabsolutierter Beharrung hier und dort denen eines „Modernisierungs“-Diskurses, dem die Religion unter der Hand in eine bedarfsgerechte humanitäre Weltanschauung zu zerfließen droht. Wie auch immer: So skandalös dies für die selbsternannten Hellen sein mag, die im Himmel wie auf Erden nichts zulassen wollen, wovon ihre Vernunft sich nichts träumen lässt, jene „Brights“, auf deren Blog ich erstmals von den Forschungen Gerbers gelesen habe – selbst angesichts voranschreitender Säkularisierungsprozesse ist auch in Deutschland weiterhin mit eigensinnig katholisch gebundener Intelligenz zu rechnen. Ganz abgesehen davon handelt es sich bei Deutschland nicht um den geistigen Nabel der Welt.

Der Autor ist Professor für Ästhetik und Kommunikation an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Münster. Breite Beachtung findet das von ihm herausgegebene Buch: Eigensinn und Bindung. Katholische deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert. 39 Porträts. Butzon&Bercker, 2009, 812 S., ISBN 978-3-766613158, EUR 59, 95