Würzburg

Exercitium: Begabung zur Nähe

Echte Mystik ist eine Erfahrung des Göttlichen in der Seele. Besonders Frauen scheinen dafür empfänglich zu sein – das sollte in der Kirche nicht vergessen werden.

Theresa von Avila
Eine der größten Mystikerinnen der Kirchengeschichte: Die heilige Theresa von Avila, hier dargestellt auf einem Gemälde in der „Kirche Santa Maria Magdalena“ auf Mallorca. Foto: Adobe Stock

Es ist durch Übersetzungen amerikanischer Bücher gekommen, dass wir das schöne Wort „Mystik“ kaum mehr hören, immer öfter dafür das hässliche Wort „Mystizismus“. Dieses ist von vornherein abwertend, als würde jemand wider besseres Wissen eine an sich klar erkennbare Sache in eine obskure verwandeln, bloß um ihr ein geheimnisvolles Aussehen zu geben. Aber das ist nicht die echte Mystik; und der gegenwärtige englische Sprachgebrauch unterscheidet die beiden Bedeutungsrichtungen weniger.

Die echte Mystik ist eine Erfahrung des Göttlichen in der Seele. Es gibt große Mystiker, und doch scheint mir, als sei die Mystik eher etwas Weibliches. Ich komme darauf, weil ich vor einigen Tagen eine Art Gebet von einer Frau erhielt, ihr eigenes. Es spricht von einer Erfahrung, die sie gemacht hat, bei deren Formulierung sie sich anfangs durch die Heilige Theresa von Avila inspirieren lässt: „Du rufst mich nicht nur durch die Worte . . .“ Eine mystische Erfahrung ist nicht die Erfahrung einer Lehre, eher ist da von einem Licht die Rede, wie in dem Brief, der mir zuging, und von einer Freude.

Mystik ist Nähe des Göttlichen

Die Seele ist der Schauplatz der Mystik. Nicht der entwerfende Geist. Die Seele des Gerechten, so sagt Theresa, sei der Ort, von dem das alttestamentliche Buch der Sprichwörter die Weisheit sagen lässt: „Da spielte ich auf dem weiten Rund seiner Erde/ und hatte meine Freude mit den Menschenkindern.“ (Sprichwörter 10, 31) Auch hier die Freude! Frappierend an dieser Stelle ist die größte, intensivste und dann auch wieder ganz beiläufige Nähe. Diese Begabung zur Nähe muss sich bei Theresa, wie übrigens auch bei Paulus, in allen ihren Lebensäußerungen gezeigt haben. Nähe des Göttlichen ist der erste, sofort fassbare Charakterzug der mystischen Erfahrungen. Sie werden als Geschenk empfangen und nicht mit Willensanstrengung produziert, sie sollen in der Seele wachsen als ein Lebendiges und nicht gebaut werden wie ein herzustellendes Ding.

Meister Eckhart, der große mittelalterliche Mystiker, dessen Sätze nicht durchweg die Billigung der Kirche fanden, hat doch manches gesagt, was ein Verständnis der Mystik überhaupt erst eröffnet. Der Hauptsatz lautet bei ihm: „Daz der mensche got empfaehet in im, daz ist guot.“ Das Mittelhochdeutsche des Ausdrucks bereitet an dieser Stelle keine großen Schwierigkeiten. „In ihm“ – das heißt wieder: in der Seele, nicht nur im eher objektiven und objektivierenden Wachbewusstsein.

Von der Weiblichkeit der Mystik

Die empfangende Seele erscheint Meister Eckhart in weiblicher Gestalt: „Wîp ist das edelste wort, daz man der sele zuo gesprechen mac, und ist vil edeler dan juncvrouwe.“ Denn die Gabe soll ja in der „wîplîchen vruhtbaerkeit“ aufgehen „mit dankbaerem lobe in got.“ „In ihm“: das ist für Theresa die Burg der Seele, aus Diamant und klarstem Kristall (also an sich selbst dem Licht freundlich), in der, wie sie das Evangelium des Johannes zitiert, „viele Wohnungen“ sind.

Vielleicht ist die immense Bedeutung der Frauenmystik in der Gesamtheit des religiösen Bewusstseins also nicht nur eine zufällige Tatsache, sondern hat etwas mit dem Wesen des Mystischen zu tun. Zwar hat das Neue Testament die predigende Frau ausdrücklich nicht gewünscht. Das ist aber keine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung, die der Reform bedürfte. Denn das priesterliche Amt ist nicht die einzige Weise einer geistlichen, spirituellen Wirksamkeit.

Eine Kirche ohne die vielen heiliggesprochenen Frauen und ohne die Mystikerinnen ist undenkbar. Die Heilige Theresa wurde von Papst Paul VI. zur Kirchenlehrerin erklärt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.