Europa vor dem Pensionsschock

Die demografische Entwicklung ganz Europas macht unsere Sozialsysteme brüchig. Droht eine neue Barbarei, wenn der Ruhestand der immer zahlreicher werdenden Alten, die Pflege- und Gesundheitskosten der Hochbetagten nicht mehr finanzierbar sind? Die Zahlen und der Unwille der Politiker, den Menschen die Wahrheit zu sagen, sprechen dafür.

Das Wort „Pensionsschock“ bekommt bald eine erweiterte Bedeutung. Nicht nur die Umstellung von einem erfüllten oder auch erschöpfenden Arbeitsalltag zu neuer Sinnsuche jenseits der Erwerbsarbeit, also vom Hamsterrad der Leistungsgesellschaft zum sogenannten alten Eisen wird in Zukunft zu schaffen machen. Der seit einigen Jahrzehnten eingeübte Blick auf das finanziell gut gepolsterte Vorparadies namens Ruhestand wird bald einer schockartigen Ernüchterung weichen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Auch bisher waren Rentner und Pensionisten ganz überwiegend nicht Faulenzer, sondern entfalteten mitunter ein bewundernswert breites Spektrum familiärer, gemeinnütziger oder anderer sinnvoller Aktivitäten. Nicht nur die Lebenserwartung ist enorm gestiegen, sondern auch die Zahl vitaler und aktiver Jahre jenseits der Erwerbsarbeit. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass es nie in der Geschichte eine breite Schicht älterer Menschen gab, denen es so gut ging wie der älteren Generation der Westeuropäer in unserer Zeit. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man keine deutschsprachigen Immobilienzeitschriften über Mallorca lesen.

Doch langsam hat sich bis in die Spitzen von Politik und Wirtschaft herumgesprochen, was wissenschaftlich arbeitende Demografen seit fast vier Jahrzehnten warnend anmerken: Unser umlagenfinanziertes Sozialsystem beruht auf einem halbwegs ausgewogenen Verhältnis der Generationen. Darauf haben die jahrzehntelang auf Selbstverwirklichung getrimmten Europäer schlicht vergessen. Die Wirtschaftsjournalisten Andrea und Roland Tichy prognostizierten in ihrem klugen Buch „Die Pyramide steht Kopf“: „Die gewaltige Dimension der Alterslast wird einen leprösen Verfall aller Systeme der Sozialversorgung und Sozialversicherung auslösen: Die Krankenversicherung, deren Beiträge heute schon steigen, wird die explosionsartig ansteigenden Gesundheitskosten nicht bewältigen können; die Pflegeversicherung wird kapitulieren angesichts der Aufgabe, die von ihr verlangt, in den großen Vorortsiedlungen in jedem zweiten Haus hilflose Menschen betreuen, füttern, waschen, pflegen zu müssen, und das rund um die Uhr, 24 Stunden täglich. Keines der sozialen Sicherungssysteme ist diesen Aufgaben gewachsen, schlimmer noch: Es ist kein Sozialstaatssystem vorstellbar, das diese Lasten bewältigen könnte.“

Genau dies aber will und kann die Politik niemals zugeben, denn sie lebt davon, die Lösbarkeit aller Probleme zu behaupten. Und so setzt man mit den Schlagworten „Rentenreform“ beziehungsweise „Pensionsreform“ jene „große Gesellschaftslüge“ fort, „die so tut, als wäre das Problem der gesellschaftlichen Überalterung durch einige Finanzierungstricks zu lösen“, um nochmals die Tichys zu zitieren. Es ist keine nobelpreisverdächtige Erkenntnis, dass bei einer seit Jahrzehnten steigenden Lebenserwartung und gleichzeitig sinkender Kinderzahl berechenbar ist, wann das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Nicht-mehr-Erwerbstätigen aus den Fugen gerät.

Der Automat soll „schuld“ sein

Beispiel Österreich: Hier rangen sich die roten und schwarzen Koalitionäre nun zu der Einsicht durch, dass bei weiter steigender Lebenserwartung und entsprechender Verlängerung der Pensionszeiten irgendetwas passieren müsse: eine Anhebung des Pensionsantrittsalters und der Pensionsversicherungsbeiträge, eine Neufestlegung (also Absenkung) der Pensionshöhe und deren Steigerung. Und natürlich eine Erhöhung des Bundesbeitrags zu den Pensionen, also ein zusätzlicher Griff ins Steuersäckel. Dass eine solche – wie überhaupt jede – Reform des Pensionssystems enormen Widerstand bringen würde, war den Regierungspartnern in Wien klar. Erstens liegt bereits heute die „Voting power“, die Macht an der Wahlurne, mehr bei den Älteren als bei den Jungen, zweitens sehen auch fortgeschritten Erwerbstätige nicht ein, warum sie einen Gutteil ihres Erwerbseinkommens via Sozialversicherung an die nicht mehr erwerbstätige Generation weiterreichen sollen, aber später selbst bestenfalls eine karge Pension erhalten.

Deshalb dachten sich SPÖ und ÖVP, es sei wohl das beste, heute einen Automatismus zu schaffen, der später zu harten Einschnitten ins illusionär gewordene Rentensystem führt: So muss man heute niemandem etwas wegnehmen und schützt zugleich die nächste Politikergeneration davor, die Verantwortung für Rentenkürzungen übernehmen zu müssen. Heute könnte man den Menschen vorlügen, das sei ja nur eine Option für den Fall, dass die Lebenserwartung um weitere sechs Monate steigt; später könnte man ihnen weismachen, nicht politische Entscheidungen, sondern der „Automatismus“ erzwinge eine Reform. Diese doppelte Heuchelei, mit der den Bürgern langfristig die bittere Wahrheit vorenthalten werden sollte, war dann offenbar selbst einigen Sozialdemokraten zu dialektisch. Bundeskanzler Gusenbauer (SPÖ) konnte den „Automatismus“ in seiner eigenen Partei nicht durchsetzen, und so fand man wieder einmal zur österreichischsten aller Lösungen: Man vertagte am Mittwoch das Thema Pensionen auf unbestimmte Zeit.

Doch die weitere Steigerung der Lebenserwartung, die die Regierung in Wien als Option verkaufen wollte, kommt so sicher wie das Amen im christlichen Gebet. Das dokumentiert nun das in seinen Einschätzungen traditionell vorsichtige Statistische Amt der Europäischen Union, „Eurostat“, in seinem vor wenigen Tagen veröffentlichten „Jahrbuch 2008“. Das 80 Seiten starke Demografie-Kapitel dieses derzeit nur in englischer Sprache verfügbaren Jahrbuchs sei Politikern zur Wochenendlektüre empfohlen.

Demnach stieg etwa im schönen Österreich die Lebenserwartung bei Männern innerhalb der zurückliegenden zehn Jahre von 73,4 auf 76,7 Jahre, bei Frauen von 80,7 auf 82,3 Jahre. Das ist schön und wäre auch problemfrei, wenn zugleich eine breite Jugend nachfolgen würde. Nicht die gestiegene Lebenserwartung ist das Problem, sondern die sich dramatisch verschlechternden Proportionen zwischen den Generationen: Im Jahr 2005 war der Anteil der Unter-15-Jährigen und der Über-65-Jährigen in Österreich mit 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung noch gleich groß. Doch bis zum Jahr 2050 wird der Anteil derer, die unter 15 Jahre alt sind, auf 12,3 Prozent gesunken sein, während der Anteil derer über 65 Jahre auf 30,4 Prozent hochschnellt.

Hier sind die Zahlen für Deutschland noch eine Spur dramatischer: Beträgt der Jugendanteil in Deutschland heute 14,5 Prozent und der Anteil der Älteren 18,6, so wird die Jugend im Jahr 2050 nur mehr 11,9 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, die Älteren aber 31,5 Prozent. Warum? Deutschland ist, wie der renommierte Demograf Herwig Birg nachweist, „das Land, in dem die Bevölkerungsschrumpfung infolge der niedrigen Geburtenrate am frühesten begann, in den alten Bundesländern 1972, in den neuen 1969“. Und in keinem anderen Land der Welt gibt es einen so hohen Anteil an Männern und Frauen, die lebenslang kinderlos bleiben. Während der gesellschaftliche Anteil der nicht mehr erwerbstätigen Älteren und Hochbetagten rapide anwächst, wird die Gesamtbevölkerung in Deutschland weiter schrumpfen: laut „Eurostat“ von 82,6 Millionen im Jahr 2005 auf 74,6 Millionen im Jahr 2050.

Deutschlands traurige Weltrekorde

Damit ist die Lage in Deutschland dramatischer als in den meisten anderen Staaten Europas. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der demografische Wandel ein gesamteuropäisches Phänomen und Problem ist. Dass die Gesamtbevölkerung der Europäischen Union (also ihrer derzeit 27 Mitgliedstaaten) von heute 488 Millionen auf 472 Millionen im Jahr 2050 schrumpft, klingt wenig dramatisch, wenn man sich nicht die Verschiebungen zwischen den Generationen unter der Lupe ansieht. Der heute 16,7 Prozent ausmachende Anteil der Über-65-Jährigen wächst stetig, während die Zahl der Erwerbstätigen, der Jugendlichen und Kinder schrumpft. Für alle, die in der Lektüre von Statistiken wenig geübt sind, hat „Eurostat“ die sich wandelnde Bevölkerungspyramide mit Schaubildern von 1950, 1970, 1990, sowie in die Zukunft verlängert (2010, 2030, 2050), visualisiert.

Wer angesichts dieser Statistiken und Grafiken noch meint, das Renten- bzw. Pensionssystem sei mit ein paar Reförmchen zu retten, die Pflege der Hochbetagten sei dauerhaft und umfassend versicherbar, die allgemeine Gesundheitsversorgung sei langfristig finanzierbar, gehört als Zwangseuphoriker in die Unterhaltungsbranche, aber nicht auf die Regierungsbank. Wer angesichts dieser Situation öffentlich zum „Weiter so!“ in der Familien- und Gesellschaftspolitik, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik aufruft, ist ein Narr. Wer aber die gesellschaftliche Dramatik des Kindermangels erkennt und dennoch die bestehende gesellschaftliche, finanzielle und wirtschaftliche Diskriminierung von Mutterschaft und Kinderreichtum fortsetzt, ist entweder ein gemeingefährlicher Ideologe oder ein Verbrecher.

Kommende Verteilungskämpfe

Kein Zweifel: Wir steuern in ganz Europa hochgeschwindig in eine gesellschaftliche Krise, die mit verworrenen und verwirrenden Diskussionen rund um Gesundheits-, Pflege- und Rentengesetzgebung begonnen hat, und die direkt in eine ebenso brutale wie verlogene Euthanasie-Debatte mündet. Vier Länder Europas – Niederlande, Belgien, Schweiz und Luxemburg – exerzieren derzeit vor, wohin europaweit eine im doppelten Sinn des Wortes alt gewordene Gesellschaft treiben könnte. Die humanistisch klingende Frage, wie lange und unter welchen Umständen einem alten, kranken und leidenden Menschen sein eigenes Leben zumutbar sei, ist die heuchlerische Fassade einer durch demographischen Druck herannahenden Kontroverse darüber, wie lange und unter welchen Umständen die Finanzierung von hohen Renten, 24-Stunden-Pflege und umfassender Gesundheitsversorgung der schrumpfenden Zahl der Erwerbstätigen zumutbar sei.

Die gesellschaftlichen Spannungen und die zunehmenden Verteilungskämpfe zwischen den Generationen werden ganz Europa in Atem halten, die Wirtschaftskraft schwächen und damit Europas Gewicht in der Welt – welches heute mehr auf Wirtschaft als auf Politik beruht – schwinden lassen. Ein Blick über den Tellerrand offenbart, dass dies zusätzliche Herausforderungen birgt. Der bevölkerungsmäßige Anteil der Europäischen Union (heute 7,5 Prozent) an der Weltbevölkerung ist im Sturzflug, während die Bevölkerung in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt weiter wächst. Ganz Europa zählt heute 731 Millionen Einwohner; im Jahr 2050 werden es 664 Millionen sein. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung von 6,5 auf 9,1 Milliarden. Dieses Wachstum spielt sich im wesentlichen in Asien und Afrika ab.

Nehmen wir nochmals die Lupe: Während der Anteil der Kinder und Jugendlichen (bis 15 Jahre) in Europa seit 1960 von 26,7 Prozent auf 15,9 Prozent zurückging, blieb er in Afrika fast konstant (heute 41,4 Prozent). Während in Europa im selben Zeitraum der gesellschaftliche Anteil der Über-65-Jährigen von 8,8 auf 15,9 Prozent stieg, blieb deren Anteil in Afrika mit heute 3,4 Prozent seit 1960 fast unverändert. Aus Europas sinkendem Gewicht auf der globalen Bühne und aus den gegenläufigen demografischen Entwicklungen kann man vielleicht unterschiedliche Schlüsse ziehen. Eines aber ist sicher: Es wird sich rächen, wenn wir die hieraus resultierenden Spannungen noch länger ignorieren.