„Es sind die großen Monumente, die überleben“

Brasiliens Hauptstadt wird 50 – und ist bis heute die bedeutendste Schöpfung des Architekten Oscar Niemeyer

„Das Leben ist nur ein Hauch“ – unter diesem Titel kam 2007 eine Dokumentation über den brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer in die Kinos – Anlass war Niemeyers 100. Geburtstag. Der Schöpfer der neuen brasilianischen Hauptstadt Brasilia ist der letzte heute noch lebende Vertreter der klassischen Moderne.

Der Regisseur Fabiano Maciel nutzte für sein Filmporträt ungewöhnliches historisches Material: Der Film zeigt zum Beispiel, wie der aus großbürgerlichem Haus stammende, bekennende Kommunist Niemeyer in Moskau den Lenin-Preis erhielt. Es wurden Farbaufnahmen aus den späten Fünfzigerjahren von der Baustelle Brasilias eingebaut.

Gegen funktionale Architektur

Der Regisseur ließ aber vor allem auch Niemeyer selbst zu Wort kommen, gab dem Architekten die Möglichkeit, den Zuschauer an wesentliche Orte seines Lebens mitzunehmen, ließ sie mit ihm gemeinsam zurückblicken auf rund ein Jahrhundert architektonischen Schaffens, auf ein Jahrhundert auch brasilianischer Geschichte.

Gleich zu Beginn des Films hört man den Hundertjährigen aus dem Off sprechen: „Es sind die großen Monumente, die überleben“, sagt Niemeyer. Darin spiegelt sich viel von seinem Blick auf die Welt und den Menschen wider. „Der einzelne Mensch ist nicht wichtig“, sagt Niemeyer an anderer Stelle. Was bedeutet das?

Für den Architekten Oscar Niemeyer tritt der Schöpfer hinter seiner Schöpfung zurück. Bescheidenheit? Sich selbst zurücknehmen? Oder vielleicht doch Größenwahn? Der Wunsch, die Vergänglichkeit des eigenen Lebens zu überwinden und sich in Monumenten aus Stahlbeton und Glas zu verewigen? Spricht aus dem Satz „Der einzelne Mensch ist nicht wichtig“ vielleicht auch Rücksichtslosigkeit? Aus Niemeyer Sicht ist der Preis, den einzelne für die Schaffung eines großen Monuments zahlen müssen, unerheblich. Etwa 30 000 Arbeiter realisierten den Bau der neuen brasilianischen Hauptstadt Brasilia, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Sie arbeiteten und lebten unter härtesten Bedingungen. Proteste wurden zum Teil mit Gewalt niedergeschlagen. Niemeyer äußert sich in dem Film nicht zu den Bedingungen, unter denen die neue, bis heute untrennbar mit seinem Namen verbundene Hauptstadt in der Wildnis im zentralen Westen Brasiliens entstand: „Es sind die großen Monumente, die überleben.“ Inzwischen rüstet sich Brasilia für die Feiern zum 50-jährigen „Geburtstag“. Und der Baumeister, Oscar Niemeyer, ist inzwischen 102 Jahre alt, fährt bis heute jeden Tag in sein Büro an der Avenida Atlántica in Rio de Janeiro – mit Blick auf die Copacabana und den Zuckerhut. Noch immer arbeitet der brasilianische Nationalarchitekt an großen Projekten: Im Oktober 2008 etwa wurde in der argentinischen Stadt Rosario mit dem Bau des Musikzentrums „Puerto de Música“ begonnen. Für die Stadt Avilés, Spanien, lieferte Niemeyer das Konzept für ein Kulturzentrum, ein Geschenk an die Stiftung „Premio Principe des Asturias“ („Kulturpreis des Prinzen von Asturien“). Die Einweihung ist noch für dieses Jahr geplant. Außerdem ist der berühmte Architekt eingeladen, ein öffentliches Gebäude in Sao Paulo zu entwerfen – es soll unter anderem das Museum für zeitgenössische Kunst der Universität Sao Paulo beherbergen.

Mehr als 600 Projekte realisierte Oscar Niemeyer während seiner mehr als 70-jährigen beruflichen Tätigkeit. Die neue Hauptstadt Brasilia – mit der Metropolitankathedrale, Nationalkongress, Regierungspalast, Ministerien und Oberstem Gerichtshof – bleibt ohne Zweifel die bis heute spektakulärste Schöpfung des brasilianischen Baumeisters.

Weitere große Bauwerke sind mit seinem Namen verbunden: das Nationalstadion in Rio de Janeiro (1941), die Kirche Sao Francisco in Pampulha, Brasilien (1946), außerdem das 1953 entstandene Edificio Copan (Copan-Gebäude) in Sao Paulo – ein Wohnhaus für 5 000 Menschen in geschwungener, wellenförmiger Ästhetik. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Niemeyer auch mit im Planungsgremium für das UN-Hauptquartier in New York – unter Leitung seines Lehrers und engen Kollegen, des Schweizer Architekten Le Corbusier. Das Hauptgebäude der Vereinten Nationen wurde 1952 fertiggestellt. In Europa schuf Niemeyer unter anderem den Hauptsitz der Kommunistischen Partei Frankreichs und das sogenannte Interbau-Wohnhaus im Berliner Hansa-Viertel. Außerdem lieferte der Brasilianer die Entwürfe für die Universität der algerischen Stadt Constanine.

Bis heute ist Oscar Niemeyer eine in der brasilianischen Öffentlichkeit bewunderte, aber zugleich auch umstrittene Persönlichkeit. Politisch sorgte die öffentlich geäußerte Stalin-Begeisterung des unbeirrten Kommunisten immer wieder für Irritationen. Uneingeschränkt ist auch Niemeyers Bewunderung für Kubas Fidel Castro. Für seine politische Überzeugung nahm Niemeyer in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur immerhin das Exil in Kauf: 1966, zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs, die übrigens sehr ungern in die von ihm geschaffene, futuristische Hauptstadt Brasilia einzogen, ging Oscar Niemeyer wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nach Frankreich und kehrte erst 1982 endgültig nach Brasilien zurück. Kritiker werfen dem Stararchitekten allerdings vor, sich – trotz seiner linken Überzeugung – durchaus auch mit rechten Machthabern arrangiert zu haben, wenn es für ihn opportun war.

Tatsächlich arbeitete Niemeyer in den 30er Jahren für den Diktator Getulio Vargas, der das Modell eines „Estado Novo“, einer Modernisierung Brasiliens, vorantrieb. Vargas war erwiesenermaßen ein Sympathisant des Dritten Reiches, ließ sogar verschiedentlich Juden aus Brasilien an die Nationalsozialisten ausliefern. Mit dem Vargas-Regime kannte Oscar Niemeyer keine Berührungsängste.

Umstritten ist der Stararchitekt teilweise auch, weil er sich bei der Umsetzung seiner Pläne stets ausschließlich leiten ließ von der ihm eigenen, maßgeblich durch die Natur beeinflussten und von gerundeten Linien geprägten Ästhetik. Funktionalität – ob also seine Architektur für den Menschen zweckdienlich, das heißt, bewohnbar war und ist – diese Frage spielt aus Niemeyers Sicht keine Rolle. „Man muss gegen die funktionalistische Architektur ankämpfen, die sich des armierten Beton bedient, um rechtwinklige und öde Räume zu gestalten.“

Für Walter Gropius, den Protagonisten des Bauhaus, hat Oscar Niemeyer noch heute nur spöttische Worte übrig, wenn er davon erzählt, wie dieser – bei einem Besuch in Niemeyers von diesem selbst entworfenen Haus in Rio de Janeiro – feststellte: „Es ist wunderschön, aber man kann es nicht in Serie bauen. Man kann nicht darin wohnen.“ Gropius habe nicht verstanden, dass es auf Funktionalität in der Architektur nicht ankomme. Das gesamte Bauhaus war – so Niemeyers Urteil – ein „Paradies der Mittelmäßigkeit“.

Auch der von ihm geschaffenen Hauptstadt Brasilia haftet bis heute der Makel einer künstlichen, eigentlich nicht für Menschen geschaffenen Stadt an, einer Stadt, aus der Regierungsbeamte und Diplomaten, die dort arbeiten mussten, über viele Jahre am Wochenende flohen und die erst in jüngster Zeit nach und nach von Menschen wirklich erobert wird. „Es sind die großen Monumente, die überleben...“