Es schien die Chance seines Lebens zu sein

Roman über die Geschichte eines Boxers, der als Sinto während der Zeit des Nationalsozialismus nicht siegen konnte. Von Mario Erhart

Johann Wilhelm Rukelie Trollmann war ein außergewöhnlicher Boxer. Sein unorthodoxer Stil und sein Charisma machten ihn zu einem der populärsten Sportler seiner Zeit in Deutschland. Seine Zeit, das war das Ende der Zwanziger und der Beginn der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Berlin. Doch seine Zeit meinte es nicht gut mit ihm, denn er war Sinto. Der aufkommende Nationalsozialismus machte ihm das Leben und das Boxen zunehmend schwer, und mit Hitlers Machtergreifung war sein Niedergang praktisch besiegelt.

Die Schriftstellerin Stephanie Bart hat mit Hilfe eines Stipendiums des Deutschen Literaturfonds das Leben dieses fast vergessenen Sportlers recherchiert und einen brillanten Roman daraus gemacht. Ja, es ist ein Roman über das Boxen, der das Kampfgeschehen im Ring, die Trainingsmethoden und die Machenschaften hinter den Kulissen detailliert beschreibt. Das allerdings gelingt der Autorin so treffend und glaubwürdig, dass auch der diesem Metier nicht zugeneigte Leser es mit Spannung verfolgt. Doch das ist nur eine Ebene des Romans. Die zweite, viel wichtigere, ist die zeitgeschichtliche. Wie die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik funktionierte, wie sich das rassistische Denken ausbreitete, wie „gesäubert“ wurde, wie kleine Spießbürger die Zeichen der Zeit erkannten und ihre Chance auf ein bisschen Macht rücksichtslos ergriffen, dies zeigt uns Stephanie Bart anhand der Ereignisse weniger Monate im Jahr 1933 in überzeugender Manier.

Die Handlung setzt ein im März 1933. Der erste Vorsitzende des Verbands Deutscher Faustkämpfer streicht selbstzufrieden jüdische Namen von der Mitgliederliste. Sein Name wird bewusst nicht genannt, denn er ist eine exemplarische Figur und steht für den Typus des kleinbürgerlichen Mitläufers, der etwas Größeres sein möchte. Im weiteren Verlauf des Geschehens wird er geradezu verzweifelt versuchen, seinen Einfluss zu erweitern. Er gründet einen neuen „rassisch sauberen“ Verband, ringt bei anderen Funktionären um Anerkennung und empfindet jede Kritik als persönliche Niederlage. Auch Andere im Umfeld dieses Verbandes passen sich wie Chamäleons den Gegebenheiten an und versuchen, ihre Vorteile daraus zu ziehen.

Der Führer favorisiert das Boxen, heißt es immer wieder, und so sehen sie sich in der Pflicht, einen eindrucksvollen Kampfabend zu veranstalten, mit dem Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht als Höhepunkt. Nach dem Lizenzentzug für mehrere jüdische Boxer stehen sie allerdings vor dem Problem, einen geeigneten Herausforderer für den amtierenden deutschen Meister Adolf Witt zu finden. Johann Trollmann ist aufgrund seiner Sinto-Herkunft rassisch bedenklich, aber andererseits der einzige Kandidat, der einen großen sportlichen Wettkampf verspricht. Schließlich beißen sie in den sauren Apfel und lassen ihn zum Titelkampf zu, was ihm vorher jahrelang – trotz sportlicher Qualifikation – verwehrt wurde. Der 1907 geborene Trollmann hatte sich schon Ende der Zwanziger Jahre einen Namen gemacht.

„Er begriff, dass er eine Grenze überschritt“

Er war seinen Gegnern vor allem in Sachen Schnelligkeit meist deutlich überlegen, hatte eine bessere Beinarbeit und war beweglicher im Oberkörper. Seine taktische und technische Überlegenheit ließen ihn oft übermütig werden und mit seinen Gegnern spielen. Diese „Mätzchen“ waren neben seiner boxerischen Klasse der Grund für seine große Popularität. Für die Nazis im Verband ein Dilemma, das nur durch seine vernichtende Niederlage im Ring gelöst werden konnte. Für Trollmann ist es die Chance seines Lebens und seine Vorbereitung ist so intensiv und konzentriert wie nie zuvor. Der Kampf gegen Adolf Witt am 9. Juni 1933 – zum Duell arisches Blut gegen Sintoblut stilisiert – wird sehr ausführlich Runde für Runde geschildert, jede Aktion der Boxer, jede Handlung der Betreuer wird kommentiert. Nicht weniger interessant ist das Geschehen außerhalb des Ringes. Mit Hilfe einiger fiktiver Figuren im Publikum, die uns während des gesamten Romans begleiten, schafft Stephanie Bart eine Rahmenhandlung, die den Leser tief in das Geschehen eintauchen und die besondere Atmosphäre dieses Abends spüren lässt. Zwei Bäckereiverkäuferinnen, große Fans von Trollmann, die stolz darauf sind, dass er bei ihnen im Laden war und Autogramme geschrieben hat. Der englische Geschäftsmann, der schon alle Vorbereitungen getroffen hat, das Land zu verlassen, um dem Naziterror zu entgehen. Einige Ullstein-Lehrlinge, von denen sich einer am Rande des Ringes verliebt. Und schließlich ein übler SA-Schläger, permanent betrunken, der eine Rolle spielen wird bei einer SA-Sonderaktion zur Sommersonnwendfeier, bei der Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Juden brutal verprügelt und gefoltert wurden, viele bis zum Tode. „Er begriff mit jeder Faser seines Herzens und mit jeder Zelle seine Hirns, dass er eine Grenze überschritt, und es war leicht, es war bloß ein einziger Schritt. Er war frei, es ging immer weiter, er ging immer weiter, es kostete nichts, er hatte nichts zu befürchten, er war in Sicherheit auf der Seite der Macht, die sich in jedem seiner Schläge ganz und gar entfaltete.“

Das ist die Psychologie, die die eigentlich unerklärlichen, schrecklichen Ereignisse der folgenden zwölf Jahre erklärt. Einen Sinto als Deutschen Meister können sie auf keinen Fall zulassen, und so werden, als sich Trollmanns Sieg abzeichnet, Vorkehrungen getroffen. Der Siegerkranz wird weggeschafft und der Ringrichter wird angewiesen, Trollmann zwar zum Sieger, aber nicht zum Deutschen Meister zu küren. Der Titel wird ihm aus fadenscheinigen Gründen („ungenügende sportliche Leistung“) nicht zugestanden. Stattdessen soll er im Juli einen weiteren Titelkampf gegen Gustav Eder bestreiten, allerdings unter Auflagen, die einen Sieg für ihn unmöglich machen. Trollmann ist klar, dass er gegen die Nazis keine Chance hat und fügt sich in sein Schicksal. Er tritt gegen Eder an, mit weiß gepuderter Haut und blond gefärbten Haaren, als Karikatur eines arischen Boxers, und lässt sich ohne Gegenwehr K.O. schlagen. Diese Farce beendet seine Karriere. Den Rest seines Lebens fasst der kurze Epilog im Buch zusammen: „1939 wurde Trollmann zur Wehrmacht eingezogen, 1942 entlassen und ins Konzentrationslager Neuengamme deportiert. 1944 wurde er im KZ Wittenberge ermordet. Ehre seinem Andenken, Friede seiner Asche.“

Stephanie Bart: Deutscher Meister. Roman. Hoffmann und Campe, 2014, 383 Seiten, ISBN: 978-3-455-40495-1, EUR 22,–