„Es menschelt, da will ich mal nachfragen“

Das Jahr 2011 geht heute zu Ende. Kein Silvester ohne Jahresrückblick. Sandra Maischberger hat dafür fünf Prominente in ihre gleichnamige Fernsehtalkshow „Menschen bei Maischberger“ in der ARD geladen: Heiner Geißler, Renate Künast, Oskar Lafontaine, Marcel Reich-Ranicki, Peer Steinbrück und Winfried Kretschmann. Wir waren bei der Aufzeichnung der Sendung exklusiv dabei und haben ein Protokoll angefertigt. – Doch Vorsicht, alles ist Satire! Diese Sendung ist fiktiv. Es hat sie nie gegeben. Von Johannes Seibel

Sandra Maischberger – bei uns leitet sie eine fiktive Talkrunde. Foto: dpa
Sandra Maischberger – bei uns leitet sie eine fiktive Talkrunde. Foto: dpa

Sandra Maischberger: Guten Abend und herzlich willkommen zu unserer Sendung ... (wird unterbrochen)

Marcel Reich-Ranicki: Was heißt hier herzlich willkommen? Diese Banalitäten im Fernsehen sind einfach unerträglich. Ich weigere mich, hier herzlich willkommen zu sein ... (fuchtelt mit dem Zeigefinger)

Sandra Maischberger: Aber Herr Reich-Ranicki, lassen Sie mich doch erst einmal ausre ... (wird unterbrochen)

Heiner Geißler: Genau. Die Politik muss endlich begreifen, dass das der Bürger nicht mehr mit sich machen lässt. Ich habe schon 2003 in meinem Buch „Was würde Jesus heute sagen“ geschrieben, dass ... (wird unterbrochen)

Oskar Lafontaine: Ach, Herr Geißler, hören Sie doch auf. Sie haben gar nichts begriffen. Der Kapitalismus ... (wird unterbrochen)

Geißler: Ja, ja, ich weiß, den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

Maischberger: Aber, aber, meine Herren ... (wird unterbrochen)

Renate Künast: (schaut direkt mit zusammengekniffenen Augen und Mund in die Kamera) Da sind wir doch bei dem Thema 2011, Frau Maischberger. Das ist doch ein Armutszeugnis, dass diese schwarz-gelbe Bundesregierung noch nicht einmal eine verbindliche Frauenquote für die Führungsetagen der deutschen Unternehmen hinbekommt. Frau von der Leyen und Frau Schröder hätten doch längst ... (wird unterbrochen)

Geißler: Ich habe schon 1986 in meinem Buch „Abschied von der Männergesellschaft“ für eine verbindliche Quote plädiert, Frau Künast, ich bin ja mit Ihnen einer Meinung, dass die patriarchalistische Gesellschaft nicht mehr zukunftsfähig ist. (Der Kopf senkt sich tief zwischen beide Schultern). Aber Sie müssen erst einmal ihren eigenen Laden in Ordnung bringen. Berlin haben Sie gigantisch vergeigt, weil Sie sich unklugerweise zuvor geweigert haben, eine schwarz-grüne Koalition überhaupt in Erwägung zu ziehen. Sie haben ein strukturelles Problem, Sie sind auch satt geworden, schauen Sie sich die Piraten an. Ich habe schon damals als Sozialminister in Rheinland-Pfalz ... (wird unterbrochen)

Winfried Kretschmann: Lieber Herr Kollege (räuspert sich), so einfach können wir uns das nun doch nicht machen. Da muss man schon differenzieren. In Baden-Württemberg haben die Bürgerinnen und Bürger gewusst, für was die Grünen stehen. Wir haben das Für und Wider von Stuttgart21 in einem fairen internen Meinungsbildungsprozess abgewogen und uns dann entschieden. Das ist moderne, partizipative Demokratie. Deshalb sind wir Grünen in Regierungsverantwortung gekommen. Ich sage hier ganz bewusst Verantwortung. Und ich respektiere dabei ausdrücklich alle diejenigen, die die Grünen nicht gewählt haben. Auch die haben in unserer Demokratie das Wesen der Demokratie verstanden. Deshalb werden wir auch nach der Volksabstimmung zu Stuttgart21 ... (wird unterbrochen)

Peer Steinbrück: Herr Kretschmann, wären Sie von Anfang an bei Stuttgart21 dem Kurs der SPD in Baden-Württemberg und Nils Schmid gefolgt, und da ist Helmut Schmidt, ich habe vorhin noch mit ihm telefoniert, mit mir ganz einer Meinung, dann hätten Sie heute keine Probleme. Rot-Grün kann diese Bundesregierung doch nur ablösen, wobei die Frage der Kanzlerkandidatur völlig offen ist, solange ich mich offiziell nicht erklärt habe, da ist Helmut Schmidt auch ganz einer Meinung mit mir ... (wird unterbrochen)

Geißler, Künast, Maischberger (gleichzeitig): Stuttgart21 ... (werden unterbrochen)

Reich-Ranicki: Das hier langweilt mich zutiefst. Die Politik in Deutschland ist ein ungeheuerlicher Abgrund an Papperlapapp. Daraus könnte selbst ein Thomas Mann, den ich im Übrigen für völlig überschätzt halte, keinen Funken mehr schlagen. Und es ist heute noch eine Schande, dass dieser Günter Grass den Literaturnobelpreis erhalten hat. (Kurze Stille)

Maischberger: Zurück zu Stuttgart21. Wutbürger ist eines der Wörter ... (wird unterbrochen)

Reich-Ranicki: Ein schreckliches Wort, ein dummes ... (baut sich im Sessel kurz auf, wird unterbrochen, sackt in sich zusammen)

Geißler: Herr Reich-Ranicki, das Bildungsbürgertum, das sie so stolz vor sich hertragen, das gibt es doch längst nicht mehr. Die CDU war nie konservativ. Ich habe schon damals als Generalsekretär der CDU, und da kann ich unserer Partei den Vorwurf nicht ersparen ... (wird unterbrochen)

Lafontaine: Bildungsbürger, Bildungsbürger! Ja, in welchem Wolkenkuckucksheim wohnen Sie denn? Der Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Es ist doch ein Skandal, wenn Sie sehen, was ein Investmentbanker verdient und dafür arbeitet, und was eine Krankenschwester arbeitet und dafür verdient, da kann ich doch nur Bertolt Brecht ... (wird unterbrochen)

Reich-Ranicki: Ha! (reißt beide Arme hoch) Krankenschwester, Krankenschwester? Sie meinen wohl diese Sarah Wagenknecht? Schauen Sie, das ist eine hochintelligente Frau, aber das Gift der Ideologie, der Marxismus, das verhärmt den Menschen schnell. Christa Wolf, ich gebe zu, ich habe Sie lange Zeit unterschätzt, hat darüber gescheite Bücher geschrieben, ganz gescheite Bücher. Verehrter Herr Lafontaine, Sie sollten mit Ihrer neuen Frau nicht den späten Marx des Kapitals lesen, der frühe Marx ... (wird unterbrochen)

Lafontaine: Frau Wagenknecht ist nicht meine Frau, sie ist eine gute Freundin. (Kurze Stille)

Maischberger: Jetzt menschelt es aber, da will ich doch mal nachfragen ... (wird unterbrochen)

Lafontaine: Nachfrage, das ist das richtige Stichwort. (wackelt mit dem Kopf) Deshalb ist ja die SPD mit der Agenda 2010 der Totengräber des Sozialstaats und damit der Demokratie in Deutschland geworden. Das ist die Ursache der ökonomischen Krise, die sich immer mehr verschärfen wird, bis sie in eine revolutionäre ... (wird unterbrochen)

Steinbrück: (lacht jovial) Das haben Sie jetzt aber von der Wagenknecht ... (wird unterbrochen)

Lafontaine: ... bis sie in eine revolutionäre Situation umschlägt. Wenn jetzt die kleinen Leute die Suppe auslöffeln sollen, die uns die großen Gauner der Banken und Multis eingebrockt haben, dann bricht die Nachfrage endgültig ein, dann gute Nacht, Deutschland. Das habe ich schon vor der Wiedervereinigung gesagt. Nur die Linke ... (Maischberger möchte etwas sagen, aber ...)

Steinbrück: Ich und Helmut Schmidt sind hier ganz einer Meinung, dass in der gegenwärtigen globalen Staatsschulden- und Eurokrise Deutschland Führung braucht. Wir müssen zuerst den Euro stabilisieren, dann die Staatsschulden abbauen. Das ist alte hanseatische Kaufmannssitte, ich kann nur ausgeben, was ich zuvor eingenommen habe. Wir müssen in Europa die Führung übernehmen, dabei müssen nicht alle Deutsch sprechen (grinst). Angela Merkel kann Kanzler nicht. Ich bin mir da mit Helmut Schmidt völlig einig. Und die FDP ist ja schon der Treppenwitz der Geschichte ... (wird unterbrochen)

Kretschmann: Liebe Kollegen, so fair sollten wir doch sein und deshalb möchte ich hier anmerken, und ich glaube, darüber sind wir uns in dieser Runde einig, dass hier kein Vertreter der FDP sitzt. Deshalb sollten wir hier jede Schärfe rausnehmen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten von uns Politikern und Politikerinnen, dass wir Sachpolitik machen und achtsamer miteinander umgehen. Auch mit der FDP. Burn-Out ist keine Modeerkrankung, wir müssen da genau hinhören und das ernstnehmen. (Betroffenes Schweigen)

Maischberger: Ja, wir haben bei der FDP einen Gast nachgefragt, aber ... (wird unterbrochen)

Künast: Es geht doch hier nicht um die FDP. Wir haben doch ganz andere Probleme in diesem Jahr 2011: Das Herumeiern dieser schwarz-gelben Bundesregierung in den entscheidenden Fragen der Energiewende nach Fukushima, die ungelöste Endlagerfrage, der Rechtsterrorismus. Nichts ist gut in diesem Land ... (wird unterbrochen)

Maischberger: (strahlt in die Kamera) Das haben Sie jetzt aber von der Margot Käßmann. Vorsicht. Ich sage nur Plagiatsaffäre ... (wird unterbrochen)

Steinbrück: Ja, da kann das bürgerliche Lager mit dem feinen Freiherrn zu Guttenberg ... (wird unterbrochen)

Reich-Ranicki: (erhebt den Zeigefinger) Alle gute Literatur ist abgeschrieben. Dieser deutsche Kult um den Genius, der aus dem Nichts schafft: Das ist doch einfach nur lächerlich, romantischer Quatsch. Goethe ... (wird unterbrochen)

Geißler: (beugt sich nach vorne, wendet sich erst nach rechts, dann nach links, der Kopf reckt sich aus den Schultern) Der moralische Zustand der politischen Klasse ist erbärmlich. Sie hat keinerlei Kraft mehr zur Utopie. Das können Sie alles in meinem Buch „Ou Topos: Suche nach dem Ort, den es geben müsste“ nachlesen. Wir brauchen ein neues Weltethos. Dazu arbeite ich derzeit mit meinem Freund Hans Küng an einem neuen Buch, das im Frühjahr bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Dazu hätte ich mir im September etwas von Papst Benedikt XVI. vor dem Bundestag erwartet. Da ist aber nichts gekommen. Von diesem Papst wird auch nichts mehr kommen. Und wenn ich jetzt im ZDF gefragt werden würde, würde ich sagen, die katholische Kirche fährt gegen die Wand, wenn ... (wird unterbrochen)

Kretschmann: Ach, Herr Geißler, also da muss man doch auch als Katholik ganz pragmatisch den Papst in Rom lassen und ... (wird unterbrochen)

Künast: Ich habe bei der Rede des Heiligen Vaters im Bundestag sehr genau hingehört, Herr Geißler. Ich habe das so verstanden, dass die Natur immer recht hat und wir als ökologische ... (wird unterbrochen)

Lafontaine: (schnippisch) Der Papst hat eindeutig den globalisierten Kapitalismus ... (wird unterbrochen)

Steinbrück: Aber jetzt lassen Sie die Kirche mal im Dorf. Ich bin erst aus der evangelischen Kirche aus-, und später aus moralphilosophischen Gründen wieder eingetreten und da ist Helmut ... (wird unterbrochen)

Maischberger: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, das war unser Jahresrückblick 2011. Wir wünschen Ihnen ein frohes Neues Jahr 2012, einen guten Rutsch ... (wird unterbrochen)

Reich-Ranicki: Verehrtes Fräulein Maischberger, Sie sind eine reizende Person, aber hören Sie doch endlich mit diesen öffentlich-rechtlichen Banalitäten auf, ich weigere mich, irgendwo auszurutschen ... (die Regie blendet aus).