Es gibt auch Aufbruchsstimmung

Podiumsdiskussion in Berlin über die Situation der Familien. Von Katrin Krips-Schmidt

Die Wirklichkeit der Familie wird von den Medien nicht widergespiegelt, weil die meisten Journalisten Singles oder kinderlos sind, hieß es beim „Forum Familie 2013“. Foto: dpa
Die Wirklichkeit der Familie wird von den Medien nicht widergespiegelt, weil die meisten Journalisten Singles oder kinde... Foto: dpa

Auch wenn sich die negativen Schlagzeilen rund um die Befindlichkeit der Familie in der Berichterstattung deutscher Zeitungen häufen, gibt es doch auch so etwas wie einen positiven „Aufbruch“ zu verzeichnen. Dort nämlich, wo es zu Begegnungen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft kommt, und man die Situation analysiert und gemeinsam Lösungswege zu erarbeiten sucht.

So geschehen am vergangenen Dienstag. Es war der Vorabend des von den Vereinten Nationen deklarierten „Internationalen Tages der Familie“, der zwar sang- und klanglos an den Mainstreammedien vorüberrauschte, hier in der Neuen Mälzerei im Berliner Stadtteil Mitte vor einem gut besuchten Plenum jedoch auf umso mehr Zustimmung stieß.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Kurzreferate von Experten, Politikern und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die auf dem „Forum Familie 2013“ zusammentrafen, zu dem die vor vier Jahren gegründete „Initiative Familienschutz“ erstmals geladen hatte. Diese verfügt nach den Worten ihrer Sprecherin Hedwig von Beverfoerde bereits über eine breite Mitgliederbasis im fünfstelligen Bereich, was sie dazu befähigt, die Anliegen von Familien durch Initiativen und Kampagnen an Politik und Medien gebündelt heranzutragen.

Dass das von den Medien vermittelte Familienbild derzeit nämlich komplett an der Realität vorbeigeht, ist für den Kommunikationsberater Richard Schütze nicht verwunderlich. 70 Prozent der Journalisten sind alleinerziehend, geschieden oder kinderlos, sodass sich deren persönliche Situation in ihren Beiträgen widerspiegelt. Eine Studie des Adolf-Grimme-Instituts habe laut Schütze ergeben, dass die Familie in nur einem Prozent der audiovisuellen Medien überhaupt eine Rolle spiele. Auch die Darstellung von Vätern und Müttern in Film und Fernsehen repräsentiere nicht die bundesdeutsche Familienwirklichkeit, so etwa, wenn das dort entworfene Männerbild drei Viertel der männlichen Großstadt-Protagonisten als kinderlose, sozial inkompetente, leicht verwahrloste Gestalten vom Typus Til Schweiger skizziert. Ein solches Bild prägt natürlich die Vorstellungen innerhalb der Gesellschaft. Und es ist mitverantwortlich für die Stimmung im Lande. Wie scharf der Wind der Familie bereits ins Gesicht weht – befeuert durch jahrelange familienfeindliche Manipulation – konnte man dieser Tage auch in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken erleben. Hinweise auf den Muttertag wurden da zynisch kommentiert, anerkennende Worte zu Ehren mütterlichen Engagements als „Mutterideologie“ herabgewürdigt. So entfachte der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger bei Facebook einen regelrechten „Shitstorm“, als er an diesem Datum nicht über die Krippenbetreuung schrieb, sondern die Mütter allgemein einfach einmal lobte. Denn für den Vater von zwei Söhnen gehört zur „Wahrnehmung der eigenen Freiheitsrechte nicht zuletzt auch die Erziehung der eigenen Kinder. Wenn der Staat die Erziehung von Kindern sukzessive in die eigene Regie überführt, beschneidet er dadurch die Freiheit seiner Bürger.“

Krippenbetreuung Jüngster ist „Fortsetzung von Karl Marx“

Eine mehr oder weniger lautlose, nur von wenigen beobachtete und als solche wahrgenommene Kulturrevolution ist da im Gange, wie auch der Sekretär der Parlamentarischen Arbeitsgruppe „Familie, Kinderrechte und Solidarität zwischen den Generationen“ im Europäischen Parlament, Tobias Teuscher, konstatierte. Anschaulich demonstrierte er, wie die von der Europäischen Union geförderte Entmündigung der Familien immer weiter voranschreitet. Erstaunlich ist für den im Spreewald geborenen 37-Jährigen, wie unbemerkt sich dieser Wandel vollzieht, ist doch die Barcelona-Strategie beim Ausbau der Krippenbetreuung für die Unter-Dreijährigen nichts anderes als die „Fortsetzung von Karl Marx“. Und, so Teuscher: „Familienpolitik in Europa ist Arbeitsmarktpolitik.“ Die EU brauche die Frau im gebärfähigen Alter, die möglichst viele Kinder bekommt – aber gleichzeitig Karriere macht. Da zähle es eben nicht, dass das, was Frauen zuhause „erwirtschaften“, ein enormer Wirtschaftsfaktor ist: Der Ökonom Gary Becker erhielt 1992 den Wirtschaftsnobelpreis für sein Werk, in dem er unter anderem untersuchte, wie die Tätigkeit im Haushalt das Bruttosozialprodukt bereichert. Daher deckte sich Teuschers Feststellung: „Wahlfreiheit ist politisch nicht gewollt“ mit dem, was die Publizistin Birgit Kelle in ihrem Vortrag „Zivilgesellschaftliches Engagement für Familien“ erläuterte: In der Familienpolitik gehe es zunehmend nicht mehr darum, was Frauen wollen, sondern was sie sollen. Hochproblematisch sei, dass sich die Lebenswege von Frauen denen der Männer anzugleichen hätten – ohne Rücksicht auf die Unterschiede der Geschlechter. Dabei stehe eben nicht mehr der Wunsch von Müttern im Mittelpunkt, etwa mehr Zeit für ihre Familie haben und in Teilzeit arbeiten zu wollen.

Familien empfinden starken Druck durch die Medien

Die Devise lautet nunmehr, so Kelle: „Wir sollen gefälligst das tun, was die Männer tun.“ Neuerdings auch vollzeittätig sein, denn Familienministerin Schröder und ihre Kollegin aus dem Arbeitsministerium von der Leyen kämpfen jetzt für das „Recht auf Vollzeit“ für Frauen. Für die vierfache Mutter Kelle ist das ein trauriger Beweis dafür, „wie wir Frauen wieder gelenkt werden“, und sie fragte sich, ob Eltern überhaupt noch das Recht haben sollen, zuhause bei ihren Kindern zu bleiben.

Stefan Fuchs von der Universität Bonn verdeutlichte mit seinem Referat mit dem Titel „Leise Revolutionen: Ehe und Familie im Spiegel von Forschung und Statistik“, dass die Bevölkerungsabnahme ein globaler Trend und nichts spezifisch Deutsches ist. Das Beispiel Korea verweise am drastischen Rückgang seiner einstmals hohen Geburtenrate von weit über fünf in den sechziger Jahren auf 1,2 zu Anfang des Jahrtausends auf die dramatischen Folgen. Auch in Deutschland drohten der Gesellschaft durch die Alterung ernste Konsequenzen beispielsweise für die sozialen Sicherungssysteme.

Bei der Frage der „Profilschärfung“ ging es in der sich anschließenden von Alexandra Maria Linder moderierten Fragerunde auf dem Podium lebhaft zu, saß dort doch ein Vertreter jener „C“-Partei, die zuletzt durch einen Streit um die steuerliche Gleichstellung der sogenannten Homo-„Ehe“ auf sich aufmerksam machte. Hedwig von Beverfoerde signalisierte ihre Austrittsbereitschaft aus der CDU, sollten sich die Befürworter der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft durchsetzen. Am selben Tag erschien in der Magdeburger „Volksstimme“ auch ihr Plädoyer, in dem es hieß, dass damit „das Maß endgültig voll“ sei. „Dann wäre auch noch der letzte Rest vom ,C‘ in der CDU beseitigt."

Eine beim Kinder- und Jugendgesundheitsdienst in Berlin angestellte Frau, die Mütter von Neugeborenen betreut, beklagte die unzureichenden Informationen, die in den Medien über die Bedürfnisse von Kindern vermittelt würden. Die jungen Frauen erzählten ihr bei ihren Hausbesuchen, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen könnten, ihr Kleinkind nach Ablauf des Erziehungsjahres in eine Einrichtung „wegzugeben“, aber der Druck des gesellschaftlichen Umfeldes sei enorm, so die Familien-Beraterin weiter.

Um einen Wandel in Gesellschaft und Politik herbeizuführen, rieten die auf dem Podium vertretenen Experten und Praktiker den Fragestellern aus dem Publikum, sich einzumischen – durch das Schreiben von Leserbriefen an Zeitungen und von Briefen an Abgeordnete in Bundestag und EU-Parlament, um den Interessen der Familien mehr Nachdruck zu verschaffen.

Denn schon der von Dörflinger zitierte Adolph Kolping erkannte: „Die Zukunft der Familie ist über kurz oder lang die Zukunft des Staates.“