„Es geht ihnen um die Eroberung der Welt“

Intellektuelle im Ausland reagieren auf den Terror von Paris – hier schweigt man Von Stefan Meetschen

Auch mit 88 Jahren liest Martin Walser auf Literaturveranstaltungen aus seinen Büchern vor, doch ein Wort zu den Anschlägen von Paris kann man von ihm nicht hören. Navid Kermani, der bei der diesjährigen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels seine Zuhörer zum Gebet führte, ist ebenfalls lesend unterwegs. Auch er hat sich bisher nicht zur Pariser Terrornacht des 13. November geäußert. Ebenso wenig wie der Philosoph Peter Sloterdijk, der sich in diesen Tagen freut, seine Neuübersetzung der Geschichte des „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry vorstellen zu können. Die öffentlichen Intellektuellen Deutschlands – nach den Anschlägen von Paris vor einer Woche scheinen sie auf einem anderen Stern zu leben. Weit entfernt von dem, was die Menschen derzeit fühlen, fragen und fürchten. Auf Orientierungshilfen durch Wortmeldungen Intellektueller, auf mutigen Protest oder gar Widerstandsaufrufe von Schriftstellern gegen den islamistischen Terror wartet man hierzulande bisher vergeblich.

Ganz anders ist es, wenn man die Reaktionen aus dem Ausland betrachtet. Allen voran der algerische Schriftsteller Boualem Sansal („2084“), der diese Woche in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kein Blatt der Selbstzensur vor den Mund nahm, sondern in aller Deutlichkeit vor den Eroberungsabsichten der Islamisten warnte. „Die Islamisten sind dabei, sich in Europa einzurichten“, sagt der 66-Jährige, der 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, und konstatiert nüchtern: „Am Freitag haben sie in Paris zugeschlagen, morgen wird es woanders sein. Sie werden nicht aufhören. Die Strategie der Anschläge weist dabei auf ein Ziel hin, das man benennen muss: Es geht ihnen um die Eroberung der Welt.“ Dabei kritisiert Sansal, der sich selbst als säkularisierter Muslim bezeichnet hat und trotz vieler Drohungen weiter in Algier lebt, die Schwäche des Westens, die in Form einer „psychologischen Unterwerfung“ erkenntlich sei. Immer noch würde man in Europa die islamistische Gefahr unterschätzen und die „wahre Dimension“ dieser wohl erst begreifen, wenn „eine Art urbaner Guerrillakrieg ausbricht“.

Auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, dessen Roman „Unterwerfung“ hellsichtig die Expansion des Islam schildert, hat sich mit einem Artikel in der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ zu den Anschlägen von Paris geäußert. Darin findet der scheue Autor wenig Lob für diejenigen, die derzeit und in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten in Frankreich politische Verantwortung getragen haben und die aktuellen Schutzmaßnahmen. Die Grenzen niederzureißen bezeichnet der Schriftsteller als „Wahn“. Lob findet Houellebecq für die französische Bevölkerung: Diese habe „ihr Vertrauen und ihre Solidarität in ihre Streitkräfte und ihre Polizei stets aufrechterhalten“ und „mit Entrüstung den Standpauken der linken Moral (Moral?) über die Pflicht zur Aufnahme der Flüchtlinge und Migranten stattgegeben“. Die Bevölkerung sei von ihren Regierungen in „militärische Abenteuer“ hin-eingezogen worden, habe diese aber „nie ohne Argwohn akzeptiert“.

Auch der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie (68), der aufgrund seines Buches „Die Satanischen Verse“ vor 26 Jahren im Iran zum Tode verurteilt wurde, lobt die Franzosen. „Ich fühle Stolz für die Menschen in Paris“, sagte er beim Literaturfest München. „Sie verstecken sich nicht zu Hause, sie gehen weiter aus.“ Dafür, dass heute vielfach die Unvernunft herrsche, machte Rushdie auch sich und seine Generation verantwortlich. Er sei ein typischer 68er und habe die Zeit, in der vor allem „Sex, Drugs and Rock'n'Roll“ galt, in vollen Zügen genossen. „Während diese Generation sich den schönen Dingen hingab, rissen die uncoolen Menschen die Macht an sich“, sagte Rushdie. „Das war unsere Schuld.“ Mit Material von dpa