Es bleibt noch eine Menge zu tun

Statistisches Bundesamt legt Sonderbericht zur Deutschen Einheit vor: Kirchen verlieren Mitglieder – Familien haben weniger Kinder Von Christoph Scholz

Statistiker sind Erbsenzähler, meint der Präsident der Statistischen Bundesamtes Roderich Egeler selbstironisch. 67 Milliarden Erbsen aus deutschem Anbau errechneten die Fachleute des Statistischen Bundesamtes für 2009. Doch neben solchen Kuriositäten erlauben die erhobenen Zahlen und Tabellen nicht zuletzt, gesellschaftliche Entwicklungen nachzuzeichnen. So legte das Statistische Bundesamt am Mittwoch neben dem „Jahrbuch 2010“ auch einen Sonderbericht zur Deutschen Einheit vor. Er zeichnet einerseits die durchaus erfreuliche Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach, zugleich zeigt er aber auch die weiterhin bestehenden Unterschiede.

Nach Egelers Überzeugung gibt es „noch eine Menge zu tun“, um in beiden Teilen Deutschlands auf gleichen Stand zu kommen – zumindest was das Lebensniveau betrifft. Denn blickt man auf die Entwicklung etwa bei der Religionszugehörigkeit oder von Ehe und Familie trübt sich die Freude über das Einheitsjubiläum. Wobei die Gründe für die eher fragwürdigen Tendenzen nicht der Wiedervereinigung als solcher anzulasten sind.

Angleichung der Lebensverhältnisse

Laut Jahrbuch lebten Ende 2008 rund 82 Millionen Menschen in Deutschland, davon 13 Millionen in den alten Ländern, 63,5 Millionen im früheren Bundesgebiet und 3,4 Millionen in Berlin. Damit ging die Bevölkerung im Osten seit 1990 um rund 1,7 Millionen Menschen zurück. Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil der Bürger im alten Bundesgebiet um vier Millionen zu. Den höchsten Zuwachs verzeichneten Bayern und Baden-Württemberg mit einem Plus von jeweils 9,4 Prozent; den stärksten Aderlass hatten Sachsen-Anhalt (minus 17,1 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (minus 13,5 Prozent) zu verkraften. So wanderten in den vergangenen Jahrzehnten 2,7 Millionen Menschen von Ost nach West und 1,6 Million in umgekehrte Richtung.

Die Angleichung der Lebensverhältnisse zeigt sich etwa bei der Lebenserwartung, im Konsumverhalten und der Wohnungsausstattung. Klare Unterschiede gibt es hingegen beim Lohn und den Hartz VI-Beziehern – deren Zahl im Osten derzeit doppelt so hoch ist wie im Westen. Und die Angleichung beim Lohn stagniert seit Jahren; im Osten liegt er derzeit bei 76,5 Prozent des Westniveaus. Entsprechend unterschiedlich ist auch das Familieneinkommen.

Die Formen des Zusammenlebens vervielfältigten sich in den vergangenen Jahrzehnten im gesamten Bundesgebiet. Die Ehe steht dennoch weiter hoch im Kurs. Die Zahl der Trauungen nahm in den neuen Bundesländern sogar um 33 Prozent zu, während sie in den alten Ländern um gut ein Fünftel abnahm. Berlin verzeichnete hier eine Sonderentwicklung mit einem Rückgang um mehr als die Hälfte.

Die meisten Kinder in Deutschland wachsen in Familien mit verheirateten Eltern auf. Im früheren Bundesgebiet sind es 76 Prozent, in den alten Ländern einschließlich Berlin allerdings nur noch 54 Prozent; dort leben 19 Prozent in Lebensgemeinschaften und 27 Prozent bei Alleinerziehenden (gegenüber sechs beziehungsweise 17 Prozent in den alten Ländern).

Deutliche Unterschiede zeigen sich bei den Familiengrößen. In den neuen Bundesländern haben inzwischen mehr als die Hälfte der Eltern nur noch ein Kind. Der Anteil von Ein-Kind-Familien ist im früheren Bundesgebiet mit 39 Prozent genauso hoch wie 1996. Im Osten haben nur noch elf Prozent der Familien drei und mehr Kinder, im Westen sind es immerhin noch 17 Prozent. Außerdem hatten im Westen fast die Hälfte der Familien zwei Kinder. Dennoch ist die Zahl der Kinderbetreuungsplätze im Osten noch aus DDR-Tradition wesentlich höher als im Westen.

Ein Viertel weniger Katholiken im Osten

Besonders für die Kirchen hat die Feier zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit einen Wermutstropfen. Sie mussten seit 1990 deutliche Einbußen bei den Mitgliedern hinnehmen. In der Sonderveröffentlichung des Statistischen Jahrbuchs 2010 über „20 Jahre Deutsche Einheit – Wunsch oder Wirklichkeit“ gehören diese Zahlen eher zur harten Realität. Derweil können die jüdischen Gemeinden statistisch eine positive Entwicklung auf vielen Feldern verzeichnen. Die Muslime sind hingegen bislang aus systematischen Gründen nicht erfasst.

Nach dem Ende des atheistischen Sozialismus bekannten sich laut Jahrbuch 1991 noch 34 Prozent der Menschen in der DDR zu einer Kirche. In Westdeutschland waren es vier von fünf: 24,2 Millionen Katholiken und 27,1 Millionen Protestanten. Im vereinigten Deutschland konnten die Protestanten mit insgesamt 29,2 Millionen Mitgliedern die Katholiken (28,2 Millionen) an Zahl zunächst überflügeln.

Allerdings ging die Zahl der Kirchenmitglieder von seinerzeit 57,4 Millionen auf noch knapp 50 Millionen im Jahr 2008 zurück. Das sind noch gut 60 Prozent der Bevölkerung. Dabei traf die Einbuße durch Austritte, Sterbefälle und weniger Taufen die evangelische Kirche härter. In den neuen Ländern ging die Zahl der Katholiken um ein Viertel, jene der evangelischen Kirche sogar um 38 Prozent zurück. Im früheren Bundesgebiet büßte die evangelische Kirche zwölf Prozent ihrer Mitglieder, die katholische Kirche rund zehn Prozent ein. Damit liegen die Katholiken im gesamten Bundesgebiet inzwischen zahlenmäßig wieder vorne.

Ein Ende der Entwicklung ist noch nicht absehbar. Im Berechnungsjahr 2008 verließen laut Statistik 121 155 Menschen die katholische Kirche. Allerdings traten zugleich 4 388 Gläubige ein und 9 546 nahm die Kirche wieder auf. Die Evangelische Kirche verzeichnete 169 728 Austritte und 56 506 Eintritte.

Jüdische Gemeinde wächst, Muslime nicht erfasst

Die jüdischen Gemeinden konnten nach Angaben der Statistiker in den vergangenen Jahren weiter einen bemerkenswerten Aufwärtstrend verzeichnen. In den Nachkriegsjahren blieb die Zahl der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland relativ konstant und lag 1989 bei rund 30 000 Gemeindemitgliedern. Zu diesem Zeitpunkt zählten die fünf jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik rund 400 Mitglieder. Inzwischen sind es über 104 000 jüdische Gemeindemitglieder in ganz Deutschland. Allein seit 2004 wuchs die Zahl der Gemeinden von 87 auf 108, die Zahl der Rabbiner von 32 auf 50, jene der Synagogen von 74 auf 95.

Die Gemeinschaft der Muslime wuchs zwar in den vergangenen Jahrzehnten deutlich. Bislang liegen aber keine verlässlichen Statistiken vor. Der Grund: Der Islam kennt – anders als die rechtlich verfassten Kirchen – keine offizielle Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von rund 3,5 Millionen Muslimen aus. Susanne Hagenkort-Rieger vom Statistischen Bundesamt will sich diese Zahl aber nicht zu eigen machen. Denn entweder gehen diese Schätzungen von der Zahl der Zuwanderer aus muslimischen Ländern aus, ohne zu unterscheiden, wer sich wirklich zum Islam bekennt, oder sie beziehen sich auf die Mitglieder der Moscheevereine. Aber auch diese sind unzuverlässig, weil nicht alle Muslime auch in derartigen Vereinen organisiert sind.

Das Bundesamt will die Zahl der Muslime bei der 2011 anstehenden Volkszählung erfassen und dabei auch nach Schiiten, Sunniten und Aleviten unterscheiden, so Hagenkort-Rieger. Offen ist somit nicht nur die genaue Zahl, sondern auch, welchen genauen Anteil Zuwanderung, Geburten oder Konversionen an der Zahl der Muslime hat. Ebenso fehlen Erkenntnisse über das Ausmaß der Säkularisierung unter den zugewanderten Muslimen.

Die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach Einschätzung des Präsident des Statistischen Bundesamtes, Egeler, allerdings in den meisten Lebensbereichen so angeglichen, dass sie statistisch etwa in der Bandbreite analoger Unterschiedsmerkmale etwa zwischen Nord und Süd oder Alt und Jung liegen.