Erzählfreude

Tschechien ist das diesjährige Gastland der Leipziger Buchmesse. Von Gerhild Heyder

Die Tschechen kommen - über Dresden zur Leipziger Buchmesse
Die Tschechen kommen: Ein Mann beklebt Stufe für Stufe einer Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse 2019. Foto: dpa
Die Tschechen kommen - über Dresden zur Leipziger Buchmesse
Die Tschechen kommen: Ein Mann beklebt Stufe für Stufe einer Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse 2019. Foto: dpa

Fast 100 Jahre sind vergangen, seit Jaroslav Hašeks (1883–1923) satirischem Schelmenroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, dessen Handlung am Tag der Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand beginnt, also am 28. Juni 1914, der als Initialzündung für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gilt.

Begibt man sich mit Jaroslav Rudiš, dem 1972 geborenen tschechischen Schriftsteller und Musiker auf „Winterbergs letzte Reise“, vermeint man eine direkte Linie von jenem Ereignis bis in die Wirren des heutigen Mitteleuropas zu erkennen. Rudiš erzählt in seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Roman von einer Eisenbahnfahrt des 1918 im damaligen Reichenberg geborenen Sudetendeutschen Wenzel Winterberg mit seinem Betreuer, dem im böhmischen Winterberg geborenen Altenpfleger Jan Kraus. Kraus begleitet Sterbende in ihren letzten Tagen auf dem Weg zum Tod und bereitet sie auf die von ihm so bezeichnete „Überfahrt“ vor. Wenzel Winterberg war bereits als Passagier für die „Überfahrt“ vorgesehen, er hat aber noch etwas zu erledigen: Er möchte nach Sarajevo reisen, um sich auf die Suche nach seiner großen Liebe zu machen, und zwar auf der Grundlage des Baedekers für Österreich-Ungarn von 1913. Es wird eine Reise von Berlin in die Vergangenheit für beide Männer und für den Leser, denn Winterberg referiert während der Fahrt den gesamten Text des Baedekers. Der atemlose Redefluss ist eine lohnende Herausforderung, gleich einem Strudel zieht er den Leser hinein in die Geschichte, und der Rhythmus des Textes erinnert an das Rollen von Eisenbahnrädern. Eines der interessantesten Bücher dieses Frühjahrs, zu Recht nominiert für den Leipziger Buchpreis.

Auch der bekannte Autor Jáchym Topol, 1962 geboren, hat mit „Ein empfindsamer Mensch“ einen Reiseroman vorgelegt, allerdings eher ein satirisches Roadmovie der grotesken Art. Eine tschechische Schaustellerfamilie wird 2015 von Brexit-Anhängern aus Großbritannien verjagt, reist gegen den Strom der Flüchtlinge ostwärts durch Europa und landet im russisch-ukrainischen Krisengebiet. Auftreten dürfen sie nirgends. Ihre Odyssee führt durchs „Labyrinth der Welt“ und ins „Lusthaus des Herzens“, sie begegnen Gérard Depardieu und noch kauzigeren Freaks als sie selber sind, aggressiven Milizionären und Eigenbrötlern, die über Gott philosophieren, sie kommen kurzzeitig zu Geld und verlieren alles wieder. Topols scharfer Blick auf ein zerrissenes und gefährdetes Europa ist geprägt von düsterer Symbolik, und dafür steht nicht nur der verrottete russische Panzer von der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968, der wieder einsatzbereit gemacht wird.

Die Reise, die Kateøina Tuèková mit „Gerta. Das deutsche Mädchen“ unternimmt, führt zurück in die Zeit des deutschen Protektorats 1938 und in die Nachkriegszeit und schildert die Geschichte der Tochter einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters im mährischen Brünn. Vater und Bruder sind Nationalsozialisten, und die Familie zerfällt wie die Gesellschaft in einen deutschen und einen tschechischen Teil. Gerta wird entweder als Tschechin oder als Deutsche diffamiert und nach dem Krieg wie so viele andere ausgebürgert und im „Brünner Todesmarsch“ vertrieben. Wie die Autorin exemplarisch das Leben dieses Mädchens schildert, das um seine Jugend betrogen wird und grausamen Erfahrungen ausgesetzt ist, ohne daran zu zerbrechen, brennt sich in die Seele ein, und man fragt sich einmal mehr, wie es möglich ist, dass Menschen einander solch unfassbares Leid zufügen können. Kateøina Tuèková verdichtet Fakten und Zeugenaussagen zu einem packenden Roman, der sich der eigenen Geschichte stellt und nichts beschönigt.

Auch der 1967 geborene Marek Toman widmet sich in seinem Roman „Die große Neuigkeit vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles“ einem historischen Ereignis. Ende des 17. Jahrhunderts beschließt der zwölfjährige Jude Šimon Abeles in Prag, zum Christentum zu konvertieren. Kurz darauf ist er tot. Starb er gewaltsam durch die Hand seiner Familie? Der Autor rollt den vergessenen authentischen Fall wieder auf, indem er einen heutigen Anthropologen in der Prager Theynkirche nach dem Grab suchen lässt. Während der Arbeit verschwindet dessen eigener 15-jähriger Sohn Šimon, der sich in dem historischen Computerspiel „Battle Church“ zu verlieren begann. Geschickt verschränkt Marek Toman die Fakten des alten Falles mit der Fiktion, verbunden durch das als realistisch wahrgenommene Spiel, mit dem der Vater seinen Sohn zu finden hofft. Den häufig erhellenden Blick von außen auf ihr tschechisches Heimatland vermitteln die im Ausland lebenden Schriftsteller wie Sylva Fischerová und Stanislav Struhar. Letzterer, 1964 in Gottwaldov geboren, floh 1988 mit seiner Frau nach Österreich und schreibt auf Deutsch. „Fremde Männer. Zwei Erzählungen“ spielt in Wien und handelt von Daniel, dessen Eltern aus Tschechien kamen und von Tillmann, der als Kleinkind mit seinen Eltern aus der DDR geflohen war. Beide Männer sind beruflich wie privat nicht sehr erfolgreich, als sie Frauen begegnen, die sie wieder an den Sinn des Lebens glauben lassen. Behutsam werden die beiden Geschichten erzählt, die Verbundenheit mit den Eltern, dem verlorenen Land und eine verhaltene Religiosität schimmern durch die leisen, präzisen Sätze.

Die 1963 geborene Sylva Fischerová reflektiert in „Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel“ ihre Erlebnisse und Gedanken während einer Lesereise durch die USA 2010 und überträgt das in sich gedrehte Bugholzmöbel auf das immer zu sich selbst zurückkehrende Europa, während sich in Amerika alles im rechten Winkel zu öffnen scheint. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, die inneren und äußeren Welten ihrer amerikanischen Begegnungen mit tschechischen Landsleuten und Künstlern aus aller Welt verraten die subtile philosophische Beobachtungsgabe der Autorin. Und lässt die eigene Position aus einem neuen Blickwinkel betrachten.

Der Leipziger Buchmesse sei gedankt für die Auswahl eines so ungemein erzählfreudigen Gastlandes!

– Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise. Luchterhand Literaturverlag, München 2019, 544 Seiten, EUR 24,–

– Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch, aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 494 Seiten, EUR 25,–

– Kateøina Tuèková: Gerta. Das deutsche Mädchen, aus dem Tschechischen von Iris Milde. Klak Verlag, Berlin 2019, 548 Seiten, EUR 19,90

– Marek Toman: Die große Neuigkeit vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles, aus dem Tschechischen von Raija Hauck. Wieser Verlag, Klagenfurt 2019, 390 Seiten, EUR 24,90

– Stanislav Struhar: Fremde Männer. Wieser Verlag, Klagenfurt 2019, 120 Seiten, EUR 21,00

– Sylva Fischerová: Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel, aus dem Tschechischen von Hana Hadas. Balaena Verlag, Landsberg am Lech 2018, 114 Seiten, EUR 17,90