Erwachsene erinnern sich an ihre Kindheit

Die Dokumentation deutscher Regisseure „Wiegenlieder“ vermittelt eine optimistische Stimmung

Ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Wiegenlieder“ weckt beim Zuschauer ganz konkrete Erwartungen. Zu Beginn werden diese denn auch erfüllt: Er sieht und hört eine junge, gepiercte Mutter ihrem Kind ein Wiegenlied singen. Die Autoren Tamara Trampe und Johann Feindt fragen auf der Straße Kinder, ob ihnen ihre Mütter Wiegenlieder singen beziehungsweise junge Frauen, ob sie es tun.

Eine neue Wendung nimmt der Dokumentarfilm jedoch, als nun mit Erwachsenen Interviews geführt werden, in denen nach ihrer Kindheit gefragt wird. Einige von ihnen kommen ganz kurz vor die Kamera. Bei anderen verweilen die Autoren aber länger, oder sie kommen immer wieder zu Wort. Es sind Detlef Jablonski, der eine schwierige Kindheit in der DDR durchlebte: Er wurde im Gefängnis geboren und gleich nach der Geburt seiner Mutter weggenommen, kam zuerst ins Heim, dann zu Pflegeeltern. Detlef Jablonski verbrachte die ersten 18 Jahre seines Lebens entweder im Heim oder bei Pflegeeltern, bei denen nicht einmal sein Geburtstag gefeiert wurde, geschweige denn, es hätte ihm jemand Wiegenlieder gesungen.

Ebenfalls keine Wiegenlieder zu hören bekam als Kind der Komponist Helmut Oehring, weil seine Eltern taubstumm waren. Oehring bezeichnet die Gebärdensprache als seine Muttersprache. Einen Kontrapunkt dazu bildet Apti Bisultanov, einst Vizepremier und geliebter Dichter in seiner Heimat Tschetschenien, der sich an eine reine und glückliche Kindheit zurückerinnert. Diese Erinnerung hält übrigens ein Talisman, ein Marienkäfer, aufrecht. Das Plüschtier ist der einzige persönliche Gegenstand in seinem kargen Domizil im Berliner Exil. Aus den vielen Interviewten ragt ebenfalls der junge Santos heraus, der als Kind freiwillig in ein Heim ging, nachdem seine Mutter an einer Überdosis gestorben war. Nach seiner Gefängnis-Erfahrung hofft er auf ein gemeinsames Leben mit seinem Sohn – wie er in seinen Rapsongs zum Ausdruck bringt. Häufig ins Bild kommt schließlich noch die kleine Mila, die von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter ganz offen und reichlich altklug redet.

Als Aspekte, die bei der Auswahl dieser vier Erwachsenen für ihre Funktion als „roter Faden“ durch den Film eine Rolle spielten, nennt Co-Regisseur Johann Feindt: „Wie drängend sind die Fragen, die jemand an sein eigenes Leben stellt in Bezug auf Kindheit, in Bezug zum eigenen Aufwachsen. Wie stringent sind sie, und wie bekommt man sie so komprimiert erzählt, dass für den Zuschauer etwas hängen bleibt, was über diese Figur hinwegreicht.“

Die Verknüpfung von diesen längeren Passagen, ja ganzen Lebensgeschichten mit Figuren, die nur für einen kurzen Augenblick ins Bild gerückt werden, um knapp zu Wort zu kommen oder auch ein Wiegenlied zu singen, sollte offenbar eine Art Mosaik mit einer Leichtigkeit ergeben, die in den immer wiederkehrenden, tanzenden Seifenblasen über der Stadt symbolisiert wird. Nebenbei sollten auch Impressionen aus der Hauptstadt und dem multikulturellen und vielsprachigen Hintergrund der Einwohner Berlins liefern – nicht zufällig singt etwa die eingangs erwähnte Mutter ihr Wiegenlied auf französisch. Allerdings nehmen sich die Berlin-Bilder mit wenigen Ausnahmen, etwa aus einem Hochhaus, ebenso beliebig aus wie die Zusammensetzung der auf der Straße offensichtlich spontan Angesprochenen.

Der ungleichen Gewichtung der Gespräche mit den fünf „Protagonisten“ einerseits und mit den Zufallsbegegnungen andererseits verleiht jedoch die inspirierte Montage von Stephan Krumbiegel eine gewisse Struktur durch wiedererkennbare visuelle Motive.

Was indes die formellen Unzulänglichkeiten von „Wiegenlieder“ aufwiegt, ist die optimistische Stimmung, die durch die Kinder oder etwa auch durch ein Bild mit drei Müttern mit je einem Kinderwagen vermittelt wird. Der Dokumentarfilm von Tamara Trampe und Johann Feindt lebt insbesondere von den Menschen selbst, die hier porträtiert werden, so beispielsweise von der Mutter mit dem kleinen Kind: Zwar sei ihr Leben davor auch nicht schlecht gewesen, aber jetzt habe es doch eine neue Qualität erfahren.

Besonders anrührend ist in diesem Zusammenhang das Gespräch mit einer deutsch-türkischen Frau: Sie, die selbst ungeliebt geboren wurde, weil sie kein Junge war, sieht nun ihr ganzes Glück in der Sorge um ihre eigenen Kinder. Der glücklichste Augenblick in ihrem Leben sei gewesen, als nach einer schwierigen Schwangerschaft und einem Kaiserschnitt ihr Sohn lebend zur Welt kam.