Erlösung von der Coolness

Bei seiner ersten Ansprache nach dem Urlaub hat Papst Benedikt XVI. an die Bedeutung des Gebets erinnert. In Anlehnung an den hl. Alfons Maria de Liguori unterstrich der Papst, dass nur durch das Gebet eine personale Beziehung zu Gott möglich sei. Der Mensch brauche diese Nähe. Denn: „Wer betet, wird sicher gerettet, wer nicht betet, geht sicher verloren.“ Was bei einer Generalaudienz einleuchtend klingt, spiegelt sich in der modernen Kultur nicht unbedingt wider – oder doch? Eine spirituelle Bestandsaufnahme. Von Stefan Meetschen

Vom Schweigen zum Glockenspiel-Stil: Auch auf moderne Künstler hat das Gebet Einfluss und damit auf die Kulturgenießer. Foto: dpa
Vom Schweigen zum Glockenspiel-Stil: Auch auf moderne Künstler hat das Gebet Einfluss und damit auf die Kulturgenießer. Foto: dpa

Ein bisschen Pathos, ein bisschen Kritik – der Schriftsteller Ralf Rothmann („Stier“, „Milch und Kohle“) hat schon vor zehn Jahren versucht, die Sprache des Alltags und die Sprache der Kirche miteinander zu versöhnen. In seinem Gedichtband „Gebet in Ruinen“ wimmelt es von Widersprüchen, gebrochenen Sprachspielen, Metaphern und Metonymien, doch die Sehnsucht ist da. Die Bitte um Erlösung von der eigenen Coolness. „Mein ganzer Mensch, / er zeuge der Sprache das Wörtchen Ja, / damit sie nicht länger wie Kunststoff klingt.“ Längst ist lästig und eng geworden, was als modische Verheißung und befreiendes Lebensgefühl begann. Der Duktus der seichten Negativität, der intellektuellen Kritik. Deshalb schließt der Gedichtband mit einem erhabenen „Zuspruch“: „Komm zur Ruhe, sei Gebet. Reinige den Tempel mit einem Lächeln.“

Rothmann, 1953 in Schleswig geboren und mit dem ganzen katholischen Bildungsprogramm des damaligen Arbeitermilieus im Ruhrgebiet aufgewachsen, scheut sich nicht, in seinen Werken immer mal wieder den Ton des Erhabenen anzuschlagen, innezuhalten und die Schönheit hinter den Dingen zu loben, den Romanfiguren einen Blick nach innen und nach oben zu gönnen. Wobei nicht feststeht, wer und ob überhaupt jemand sicher gerettet wird, gerettet werden muss. Deutlich ist in diesem literarischen Panoptikum nur, dass man Abstand zur Gesellschaft und ihren Trends halten muss, sich nicht vereinnahmen lassen darf. So wie der frühere Kameramann Simon DeLoos in Rothmanns Roman „Hitze“, der als rätselhaft-scheiternde Figur durch die Großküchenwelt von Berlin zieht und den Menschen als Hilfskoch dient. „Die Leute freuen sich, wenn der Mann mit dem Essen kommt. Was sollte ich sonst tun?“

Stille, Freude und ein Lächeln, vielleicht sind es die kleinen Früchte des inneren Lebens, die modernen Künstlern heute als wesentliche transzendente Orientierung dienen, als erstrebenswertes Ja zum eigenen Lebensweg, zum eigenen Schaffen. Mit all seinen Brüchen und Belanglosigkeiten. Wobei das Gebet, kaum gesprochen, kaum formuliert, zu einer freien, weitestgehend selbstbestimmten Kontemplationsübung wird. Im Unterschied zu den dramatisch um das Seelenheil ringenden literarischen Himmelsstürmern der Renouveau catholique, die vom 19. bis hinein in das 20. Jahrhundert eine radikale Hinwendung zu den Werten und Riten des konservativen Katholizismus lebten und predigten.

Ob Charles Pierre Péguy und Léon Marie Bloy oder später T. S. Eliot und Bruce Marshall, Reinhold Schneider und Gertrud v. Le Fort – den Dichtern dieser von Frankreich ausgehenden internationalen Bewegung, heute würde man verächtlich von künstlerischen Vorreitern des Feuilleton-Katholizismus sprechen, ging es ums existentielle Ganze: um Tod und Leben, Himmel und Hölle – was wohl auch damit zusammenhängt, dass diese Generation in sozial weniger abgefederten Verhältnissen lebte als heutige postmoderne Dichter und die schmerzvolle Realität des Ersten und Zweiten Weltkrieges handgreiflich vor Herz und Augen hatte. Bis hin zum Verlust des eigenen Lebens.

Dimensionen des Schreckens und Leidens, in die sich zeitgenössische Dichter mit Hilfe der Phantasie nur schwer hineinversetzen können, wenn sie es denn wollten, und nicht lieber den bequemen Weg der Ironie wählen würden. Das Kreisen um Trivialitäten, wie es der britische Romanautor Robert Harris in seinem Buch „Erzengel“ (Archangel) ausgedrückt hat. „War es möglich, dass die Abwesenheit des Krieges – so wunderbar diese, unnötig zu erwähnen, natürlich war – die Menschen in Wahrheit aber trivialisiert hatte? War heutzutage nicht alles unglaublich trivial? Dies war doch das Zeitalter des Trivialen. Politik war trivial. Worüber sich die Menschen Sorgen machten, war trivial – Hypotheken und Renten und die Gefahren des passiven Rauchens. Jesus!“

Tatsächlich bestand schon immer ein Zusammenhang nicht nur zwischen Gebet und existentiellen Widrigkeiten („Not lehrt beten“), sondern auch zwischen Gebet, Widrigkeiten und Kultur. Je größer die Not und persönliche Angst, desto niedriger die Hemmschwelle bei der deutlichen Formulierung von Gebeten im öffentlichen künstlerischen Raum. Was jedoch nicht vor falschen Lippenbekenntnissen aus Opportunismus schützt. Niemand hat diesen Zusammenhang so deutlich und anschaulich formuliert wie Heinrich Böll in der später zu einem Hörspiel umgearbeiteten Erzählung „Dr. Murkes Gesammeltes Schweigen“.

Böll, Kriegserfahren und trotz gelegentlicher Seitenhiebe gegen das kirchliche Establishment ein religiöser Mensch, siedelte diese Erzählung beim Rundfunk an. Der Intendant des Senders gewährt einem renommierten Schriftsteller namens Bur-Malottke akustischen Raum für Kommentare. Plötzlich überfallen Bur-Malottke „religiöse Bedenken“. Er verlangt, dass in seinen in der frühen Nachkriegszeit produzierten Vorträgen nachträglich das Wort „Gott“ durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“, ersetzt wird. Selbstverständlich in allen dazu nötigen verschiedenen Deklinationsfällen. Der Intendant stimmt zu und der Radio-Mitarbeiter Dr. Murke macht sich ans Schneiden und Neuproduzieren. Mit innerer Rebellion. Ihm missfällt Bur-Malottkes neumodische antikirchliche Haltung. Er selbst hat ein Herz-Jesu-Bildchen mit der frommen Widmung („Ich betete für dich in Sankt Jacobi“) in seinem Büro hängen. Abends spielt er sich zur Erholung die zusammenmontierten Schnipsel vor, auf den lediglich Bur-Malottkes Schweigen zu hören ist. „Ich klebe sie aneinander und spiele mir das Band vor, wenn ich abends zu Hause bin. Es ist noch nicht viel, ich habe erst drei Minuten – aber es wird ja auch nicht viel geschwiegen.“

Am anderen Tag stößt ein Regisseur der Hörspielabteilung zufällig auf die ebenfalls aufbewahrten Schnipsel mit dem Wort „Gott“. Er fügt sie in das Hörspiel über einen Atheisten ein, der zwölf verzweifelte Fragen in einer leeren Kirche ausspricht. „Wer denkt noch an mich, wenn ich der Würmer Raub geworden bin?“ Auf jede Frage folgt nun die Antwort aus dem Off: Gott, der vermeintlich tot ist. Die metaphysische Leere verwandelt sich auf überraschende, unvorhersehbare Weise in Dialog, in Gebet.

Wie brüchig und damit offen für Gottes Ansprache die postmoderne Kulturwelt tatsächlich ist, hat auf drastische Weise der Tod des Regisseurs und Ironie-Provokateurs Christoph Schlingensief (1960–2010) gezeigt, der sich in seinen letzten Aufführungen, in seinem Tagebuch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ und in Interviews nicht nur öffentlich mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzte, sondern sich in Rückbesinnung auf seine katholischen Wurzeln geradezu einen Gebets-Ringkampf mit Gott lieferte. Bis hin zu der auch in manchen kirchlichen Kreisen unpopulären Erkenntnis, dass man Gott nicht auf den Faktor des Verwöhn-Aromas reduzieren darf: „Durch den Krebs ist alles in den Boden gerissen worden. Früher dachte ich immer: ,Gott liebt mich. Der mag mich als Mensch und als Künstler. Egal, was ich so tue.‘ Nun frage ich mich, auf das Leben zurückblickend: ,Was hast du denn da eigentlich geglaubt, Alter? Das war doch alles nur ein einziger Märchenpark! Das ist doch nicht der wirkliche Gott.‘“ Schlingensief halfen auf den letzten Lebensmetern die Schriften des mittelalterlichen Theologen Meister Eckhart, die ihm ein befreundeter christlicher Philosoph empfohlen hatte. „Dieser Philosoph schenkt mir, wenn er mich besucht, auch immer eine ordentliche Ladung Realismus ein. Zum Beispiel, dass es falsch ist, ,gütiger Gott‘ zu sagen. Denn dieser Gott ist nicht nur gütig.“

Nicht nur gütig und doch von einer höheren Warte aus gesehen die Güte in Person, in drei Personen. Eine geheimnisvolle Ambiguität, ein mystisches Wechselspiel, das seit 40 Jahren den estländischen Komponisten Arvo Pärt musikalisch herausfordert. Der heute 77-Jährige geriet nach der Ausbildung am Moskauer Konservatorium in den 1960er Jahren in eine persönliche und kreative Krise, weil er sich nicht länger den rigiden kommunistischen Kompositionsvorschriften beugen wollte. Acht Jahre verstummte Pärt, dann trat er zu Beginn der 1970er Jahre der russisch-orthodoxen Kirche bei. Eine spirituelle Neuorientierung, die sich auch musikalisch ausdrückte. Zurück aus dem Schweigen trat Pärt, inzwischen geschult am Gregorianischen Gesang, mit einem völlig neuen persönlichen Stil auf. Dem sogenannten Tintinnabuli-Stil. Abgeleitet von Tintinnabulum, dem lateinischen Wort für Glöckchenspiel, reduziert der in Berlin lebende Musiker die für seine Kompositionen benötigten Chorstimmen und Klänge auf das Wesentliche. Eine musikalische Askese, die jedoch durchaus Raum für komplexe Zwei- und Dreiklangtöne lässt. Die große Ruhe, die seine Musik, die textlich immer wieder Bezug zur Bibel und zu Heiligenlegenden nimmt, ausstrahlt, kann man als Repräsentation der Ewigkeit auffassen, während die einfachen Melodien die Vergänglichkeit der irdischen Zeit symbolisieren.

„Der Mensch braucht die Beziehung zu Gott. Und wie soll er sie haben, wenn nicht anders als dadurch, dass er mit ihm spricht“, hat Papst Benedikt XVI. bei seiner ersten Ansprache nach dem Sommerurlaub in Castel Gandolfo gesagt. Diese Beziehung ist für jeden Menschen wichtig. Auch für Künstler und Kulturschaffende. Sie tragen sogar eine ganz besondere Verantwortung, weil sie mit ihren Werken die Gefühle, Bilder und Sehnsüchte vieler Menschen prägen und gestalten. Ein Künstler, der betet, kann einen Beitrag leisten, dass Menschen durch sein Werk dazu angeregt werden, die Kommunikation mit dem Himmel aufzunehmen. Schöner, tiefer und authentischer. Ganz ohne Kunststoff.