Würzburg

Erfolgreiche Einbahnstraße

Der Protestantismus war in deutschen Landen zunächst noch ziemlich katholisch – in Abgrenzung zum Calvinismus. Eine kleine provozierende historische Reflexion aus Anlass des „Reformationstages“

Gottesdienst zum Reformationstag
Immer diese Katholiken mit ihrem Heiligenkult? Nein, dieses thüringische Medaillonfenster zeigt den Reformator Martin Luther. Foto: dpa

Der Katholizismus hat die Mark niemals verloren, weil er die Mark niemals besessen hat. (…) Erst in der neuen Form wurde das Christentum dem märkischen Bauerngeschlecht annehmbar; es wurde an demselben Tag christlich und lutherisch.“ Die Botschaft, die der deutschkonservative Abgeordnete Albert von Levetzow am 1. November 1889 äußerte – es war der 350. Jahrestag der Reformation in Brandenburg – stand stellvertretend für die Mentalität des Kaiserreichs. Die Reformation, die mit Martin Luthers 95 Thesen begann, fand fruchtbaren Boden, weil die Menschen den Katholizismus nicht verinnerlicht hatten. Sein Erbe schwand im Angesicht des reformatorischen Morgengrauens. Er hinterließ keine Spuren, weder in der Geschichte, noch in der Mentalität.

Luthers Stilisierung zum Nationalcharakter führte zur Faustformel

Die preußische Geschichtsschreibung, die im Zuge der Reichsgründung von 1871 zur nationalen Geschichtsschreibung avancierte, fundamentierte das Bild einer vom Volk getragenen Reformation, die über Nacht weite Teile Mittel- und Ostdeutschlands für immer veränderte. Luthers Stilisierung zum Nationalcharakter führte zur Faustformel: lutherisch sein, das heißt deutsch sein. Der Katholizismus: nur eine Patina, die sich auf die ostelbischen Gebiete gelegt hatte. Die Deutschen warteten indes auf ihre „eigentliche Religion“. Der Protestantismus war die Bestimmung des Deutschtums, seine Einführung eine erfolgreiche Einbahnstraße.

Gegenstimmen wie die von Nikolaus Müller, der bereits damals eine „Übergangsphase“ postulierte, erkannte die Forschung nicht an. Erst mit dem Abwurf des preußisch-protestantischen Nationalideals nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Ernst Walter Zeeden mit der Deutung durch, dass sich eine Kontinuität katholischer Traditionen in den protestantischen Glaubensgemeinschaften flächendeckend bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges erhielt. 1989 zeigte Andreas Tacke am Beispiel des Reliquienschatzes der brandenburgischen Hohenzollern auf, dass die Markgrafen noch lange auf die Fürsprache der Heiligen vertrauten.

Denn ausgerechnet Brandenburg, das Herzland des späteren Preußens, führte die Reformation nur sehr oberflächlich durch. Das galt für das Volk wie seine Kurfürsten. Joachim II. (1505–1571), der ab 1536 in der Mark regierte, wertete zu Beginn seiner Herrschaft ein Dominikanerkloster zur Hofkirche der Hohenzollern auf und erweiterte sie um zwei Türme. Für das Innere beauftragte er Lucas Cranach den Älteren mit einem Passions-Zyklus und stellte den kostbaren Reliquienschatz seines Hauses auf dem Altar aus.

Reformation war vor allem eine Verteilung von Reichtum

Nur drei Jahre später feierte Joachim die Messe in beiderlei Gestalt, 1540 folgte eine evangelische Kirchenordnung. Die Domschätze und Reliquien Brandenburgs ließ er wegen „Abgötterei“ aus den Klöstern Brandenburgs in die Doppelstadt Berlin-Cölln schaffen. Darunter fällt auch die imposante Wunderblutglocke aus dem Wallfahrtsort Wilsnack, die in die Stiftskirche überführt wurde. Die Reformation war damit vor allem eine Verteilung von Reichtum: die Kostbarkeiten, die sich vorher auf die ganze Mark und verschiedene Institutionen verteilten, wurden nun in der Hand des Fürsten zentralisiert. Aber war es auch das Ende der „Abgötterei“?

Zweifel sind berechtigt. Denn während die sächsischen Wettiner ihr „Heiltum“ nur wenige Jahre nach der Reformation veräußert hatten, wuchs die Reliquiensammlung der Hohenzollern sogar. Nach dem Tod des Magdeburger und Mainzer Erzbischofs Karl Albrecht von Brandenburg wanderte dessen berühmter Schatz in den Besitz des reformierten Neffen. Joachims Gemahlin, Hedwig von Polen, die ihrem katholischen Glauben treu blieb, lud den päpstlichen Nuntius 1561 in die Cöllner Stiftskirche ein, wo er sich davon überzeugen konnte, dass die dortigen Reliquien hervorragend erhalten („benissime tenute“) waren. Nicht genug: Hedwig trug dem Nuntius sogar auf, den Papst um eine Kreuzesreliquie für das Haus Brandenburg zu bitten!

Das vorige Kirchenwesen war mehr Pabstisch, dann Evangelisch

Die Reliquien waren nicht allein zur römischen Visite ausgestellt: Sie standen zu allen wichtigen Festen auf dem Altar. Johann Georg, der 1571 auf dem Thron folgte, fühlte sich bis zu seinem Tod an das Erbe des Vaters gebunden. 1580 wurden die ersten Knochen und Schädel entfernt, bis 1598 fand eine „auffsetzung des Silberwercks“ statt. Erst in diesem Jahr machte Joachim Friedrich – der Enkel Joachims II. – reinen Tisch. Dessen Kirchenkommission kam im selben Jahr zum Schluss: „Nun vermercken wir gleichwol, dass das vorige Kirchenwesen dem augenschein nach mehr ein Pabstisch dann Evangelisch ansehen gehabt hat.“

Auch die Tradition, zu Christi Himmelfahrt lebensgroße Goldstatuetten der zwölf Apostel, der Jungfrau Maria und Christus auszustellen, von denen die Jesusfigur mithilfe einer speziellen Vorrichtung nach oben gezogen werden konnte, wurde 1598 abgeschafft. Der konservierte katholische Prunk veranlasste den Chronisten, der die Schätze Brandenburgs auflistete, peinlich berührt hinzuzufügen, dass trotz allem Achtung und Respekt vor dem „gereinigten Evangelium“ bestünde. Die Kirchenschätze lagerten anschließend im kurfürstlichen Schloss, bis sie – mit wenigen Ausnahmen – im Dreißigjährigen Krieg eingeschmolzen wurden.

Weihrauch gehörte auch zur evangelischen „Messe“

Nicht nur in Berlin, auch in ganz Brandenburg lebten Heiligenfeste, Prozessionen und Reliquienverehrung in einer „halbprotestantisierten“ Gesellschaft fort. Paradoxerweise konservierte das Luthertum alte Formen, um sich gegen die Exzesse des radikalen Calvinismus abzugrenzen. Der wahre Bruch in der brandenburgischen Geschichte vollzog sich fast hundert Jahre nach Luthers Thesenschlag: 1613 trat Kurfürst Johannes Sigismund zum reformierten Glauben über. Der Synkretismus der Hohenzollern rächte sich nun. Die lutherischen Berliner formulierten ihren Protest gegen den Kurfürsten, indem sie sich an ihre überlieferten Traditionen hielten. Um 1600 sind noch jährlich 100 Prozessionen in Berlin nachweisbar, der „zeremonielle Traditionalismus wurde (…) zum Beweis lutherischer Rechtgläubigkeit“ (Agnes Winter). Und während in Wittenberg das Fronleichnamsfest bereits 1524 verschwunden war, wurde dieses „allerschädlichste Jahresfest“, wie es Luther nannte, zu einem Symbol bei seinen Berliner Anhängern.

Auch der Berliner Tumult 1615 hatte seine Wurzeln wohl im katholischen Substrat der lutherischen Bevölkerung. Die Calvinisten entfernten Bilder, Taufstein und Hochaltar aus jener Stiftskirche, die Joachim II. so prachtvoll gestaltet hatte, um dem „papistischen Unflat“ ein Ende zu bereiten. Als sich die Bilderstürmer zusätzlich am Altarkreuz mit dem Heiland vergriffen, sah das Volk darin einen Angriff auf Christus selbst. Die Krawalle in der Hauptstadt gerieten so außer Kontrolle, dass der Kurfürst die Calvinisierung des Landes auf den Hofstaat begrenzt.

Religiöses Bewusstsein Alteuropas wurde neuerlich erschüttert

Der Fall Brandenburg ist nur einer von vielen. Weihrauchfässer begleiteten die evangelische Messe noch jahrhundertelang in den Gemeinden Frankens, Thüringens und Sachsens; in Hessen hielt sich das „Räucherfass“ vereinzelt bis zum 2. Weltkrieg. In Hannover überlebten liturgische Messgewänder bis ins 18. Jahrhundert, in Schlesien sogar bis 1811. In Lübeck kam es sogar kurz nach der Reformation zu einer konservativen Reaktion, die nicht nur Latein als Gottesdienstsprache, sondern auch den Zölibat im Domstift erneut vorschrieb. Überall im Reich beugten Protestanten noch die Knie, feierten Prozessionen oder führten Heiligenspiele auf, lange, nachdem Luther und Calvin verstorben waren. Vielleicht ist es eine letzte Ironie der Geschichte, dass in dem Moment, da sich die reine Lehre in der Masse verbreitet hatte, bereits die Aufklärung an die Türe klopfte, um das religiöse Bewusstsein Alteuropas neuerlich zu erschüttern.