Er wollte vermitteln, nicht verkünden

Den Menschen begegnet und ihre Lebenswirklichkeit enthüllt – Ein Nachruf auf Peter Scholl-Latour. Von Jürgen Liminski

Der Journalist Peter Scholl-Latour am Schreibtisch in seiner Wohnung in Berlin, im Februar dieses Jahres. Foto: dpa
Der Journalist Peter Scholl-Latour am Schreibtisch in seiner Wohnung in Berlin, im Februar dieses Jahres. Foto: dpa

Mitte der achtziger Jahre tauchte in der Redaktion der Tageszeitung „Die Welt“ das Gerücht auf, Peter Scholl-Latour sei zum Islam konvertiert. Herbert Kremp, der damalige Chefredakteur und Freund von Scholl-Latour, erklärte den jungen Redakteuren den Sachverhalt mit einem Satz: „Meine Herren, Sie verwechseln Wissen mit Identität.“ Scholl-Latour wisse so viel über den Islam, dass unkundige Beobachter meinen könnten, er identifiziere sich mit ihm und für schlichtere Gemüter bedeute das eben, er sei konvertiert. Journalisten sollten Wissen und Sein aber auseinanderhalten können. In der Tat, wer das nicht kann, der musste Peter Roman Scholl-Latour mal für einen Muslim, mal Sunnit, mal Schiit, für einen Juden, einen Maroniten, einen Orthodoxen oder sonst einen Russen, Araber, Afrikaner, Vietkong, Libanesen, Palästinenser, einen Chinesen, Kurden, Tartar oder Fremdenlegionär halten, für einen Franzosen sowieso. Über all diese Völker und viel mehr hat er jahrzehntelang in Bild und Ton berichtet, unzählige Artikel und später Bücher geschrieben. Er war ein Kosmopolit, ein Connaisseur aus eigener Anschauung, ein Gelehrter aus Erfahrung. Das machte seine Identität und Unverwechselbarkeit aus, das machte ihn zum Grandseigneur des Journalismus.

Es gibt vermutlich kein Land dieser Welt, das er nicht bereist oder aus dem er nicht mit Persönlichkeiten gesprochen hätte. Dennoch war er kein Weltenbummler, denn er reiste nicht einfach so durch die Gegend, sondern er recherchierte und das bedeutete für ihn immer Begegnung mit Menschen, lange Gespräche und Teilnahme an deren Leben. Nur so kann man Land und Leute verstehen. Das war Scholl-Latours Methode: Begegnung mit Menschen an deren Lebens- und Wirkungsstätte. Er hat die so gesammelte Erfahrung aufbereitet und in Geschichten für alle, in Beispiele des Lebens verwandelt.

Er tat das mit einer nüchternen, lakonischen Sprache, fast wie unbeteiligt an den selbst erlebten Abenteuern. „Wir sind noch einmal heil und unversehrt da rausgekommen“ – meinte er einmal am Rand eines Bürgerkriegs in Afrika, und legendär wurden seine Bilder, Filme und Berichte über die Vietcong, in deren Gefangenschaft er mit seinem Kamerateam geriet. Er sah bei seinen Berichten und Büchern die Menschen nicht nur als Akteure des Moments, er sah auch ihre Potenziale und Perspektiven und das hob ihn aus der Masse der fabulierenden, kommentierenden und unreflektiert moralisierenden Journalisten hinaus. Scholl-Latour trieb nicht im Mainstream, vielfach schwamm er gegen den Strom, weil seine empirisch gewonnenen Erkenntnisse ihm das geboten. Er wollte vermitteln, nicht verkünden. Insofern war er, anders als viele Kollegen vor allem in den audiovisuellen Medien, ein Mann, der Wirklichkeiten beschrieb und enthüllte, oder ein Mann der Wahrheit, denn Wahrheit ist, um es mit Josef Pieper zu sagen, „Enthüllung der Wirklichkeit“.

Hinzu kam seine ungewöhnliche Schaffenskraft. Zahllos sind seine Filme, Bücher, Artikel und Auszeichnungen. Seine Biographie ist entsprechend lang, einiges wurde in dieser Zeitung anlässlich seines 90. Geburtstages Anfang März schon aufgeführt (DT vom 8.3.2014). Es war auch diese Fülle eigener Beobachtungen und Erkenntnisse, die ihn davor bewahrte, politische Korrektheiten geradezu zu verachten. Fremd blieb ihm immer jene ängstliche Beachtung des Mainstreams, die Sorge, nur ja im „behaglichen Gefühl der Majorität“ zu verbleiben, wie Goethe schon seinem treuen Freund Eckermann das Verhalten der Mainstream-Masse beschrieb. So schrieb er seit Jahren in der konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, wissend, dass die linksliberale Medienschickeria ihn deshalb ächten würde – was ihr aber nicht gelang, denn er trat weiter in Talkshows auf, faute de mieux, würden die Franzosen sagen, weil sie keinen Besseren fanden. Es reicht eigentlich, sich nur mal die Liste der Auszeichnungen anzuschauen: Zwei Ehrenprofessuren, Adolf-Grimme-Preis, Goldener Bambi, Goldene Kamera, Henri-Nannen-Preis, Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis für Publizisten, Ehrenlegion, Verdienstorden, insgesamt ein Dutzend Auszeichnungen für sein Gesamtwerk, seine journalistischen Tugenden, seine Beiträge zur Klärung von Begriffen wie Sicherheit, Frieden, deutsch-französische Freundschaft. Kurzum: Peter Scholl-Latour war eine Institution.

In den letzten Jahren hat sich Peter Scholl-Latour vorwiegend mit dem Zustand der „Welt aus den Fugen“ beschäftigt, mit den Schlachtfeldern der Zukunft und der „Welt in Auflösung – vor den Trümmern der neuen Friedensordnung“, so einige der letzten Buchtitel. Das war in gewissem Sinn eine Rückkehr zu den Anfängen, wenn man so will zum gaullistischen Denken. Sein Blick auf die Weltmacht USA blieb kritisch, vor allem im Nahen Osten. Ebenfalls kritisch, aber mit historischem Verständnis war sein Blick auf Russland. Es ist wie ein bitteres Lächeln der Geschichte, dass Peter Scholl-Latour, der jahrzehntelang den öffentlichen Diskurs in Deutschland über Frankreich und die Weltpolitik mitbestimmte, ausgerechnet jetzt stirbt, da mehrere seiner Befürchtungen und Prophezeiungen, insbesondere in der islamischen Welt und auch über die Entwicklung in Europa, sich bewahrheiten. Die „europäische Selbstbehauptung gegenüber den Supermächten und mehr noch gegenüber dem beängstigenden Gären der Dritten Welt“ ließ ihm, der seine letzten Jahre am liebsten im Kloster verbracht hätte, wie er einmal in kleinem Freundeskreis meinte, keine Ruhe. Jetzt hat er sie gefunden, nach einem unruhigen, aber erfüllten Journalistenleben.