Er wollte die Spaltung des Christentums durch seine Vorväter sühnen

Der Eintritt von Friedrich Alfred Prinz von Sachsen-Meiningen in den Kartäuserorden war ein Lebensopfer für Thüringen

Alle Welt kennt Otto von Habsburg und seine nicht minder beeindruckende Frau Regina, die ihm sieben Kinder geboren hat. Wer aber weiß schon, dass die geborene Prinzessin von Sachsen-Meiningen, die eigentlich einem evangelischen Hause entstammt, einen älteren Bruder besaß, der in jungen Jahren zur katholischen Kirche konvertierte und Mönch, ja sogar Kartäuser wurde? Über dieses erstaunliche Leben ist nun ein Buch erschienen, und zwar aus der Feder einer anonym bleibenden Frau, die sich Peregrina, die Wanderin oder Pilgerin, nennt und selbst vor Jahren konvertierte.

Der Deckname weist zurück auf das Kartäuser-Ideal des „Namenlosen“, aber auch auf die Streifzüge der Autorin nach der Wende vom bayerischen Franken in die hinter Coburg angrenzenden thüringischen Gefilde, in die Nähe des Stammsitzes der Sachsen-Meiningen, der Veste Heldburg bei Hildburghausen. Ebenso wie sich schon in „Peregrina“ ein persönliches Angesprochenwerden verrät, lebt auch der lebendige Erzähl-Stil des Buches ganz aus der Empathie mit der herzoglichen Familie. Die Autorin wurde nämlich von einer älteren Dame, ursprünglich Lehrerin und mit dem Schicksal der Familie Sachsen-Meiningen bekannt, auf den nach außen hin fast unbekannten Weg des Prinzen und Kartäusers hingewiesen und begab sich, davon aufs Tiefste berührt, auf die Spurensuche bis zurück in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. So lebt das Buch von der fast kriminalistischen Spurensicherung an den Orten, über die ja mittlerweile Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und die DDR großenteils zerstörend hinweggingen. Ortsbesichtigungen, Gespräche mit noch lebenden Kindheitsgespielen, auch den bürgerlichen Freundinnen Reginas, Suche nach Photos und Totenzetteln, Erinnerungen von Mitbrüdern: Das Buch bietet durchgehend und gut geschrieben ein spannendes Miterleben der familiären Herkunft und der Motivsuche für den Ordenseintritt, bebildert durch wenige, aber ausdrucksstarke Photographien.

Herzog Georg III., der Vater, und Herzogin Clara Marie geborene Gräfin von Korff, die Mutter aus dem katholischen Adel Westfalens, boten den drei Kindern, den beiden älteren Söhnen und der jüngsten Tochter (eine Tochter war gestorben), in Jena und auf dem Stammschloss in Heldburg ein behütetes Zuhause. Die konfessionelle Spannung zwischen den Eheleuten wirkte sich nicht schädlich aus; die Mutter erlangte offenbar – mit Duldung des Vaters – den stärkeren religiösen Einfluss auf die Kinder. Die Familie, der man das Glück und die Wohlerzogenheit der Kinder auf den Photos ansieht, geriet freilich bald in tiefes Unglück. Der älteste Sohn und Erbprinz Anton Ulrich fiel bereits im Mai 1940 wenige Tage nach dem Einmarsch in Frankreich; im Herbst des Jahres 1945 wurde der Vater, Jurist von Haus aus, von den Russen verschleppt und starb bereits Anfang 1946 in einem Lager. Die Witwe, aller Güter enteignet, flüchtete mit den beiden jüngeren Kindern auf das einzig verbliebene Gut im Österreichischen. Umso bestürzter war sie ebenso wie die ganze Verwandtschaft, als der Stammhalter, Friedrich Alfred („Fritz“), geboren 1921 in Jena, die Linie nicht durch Heirat fortsetzen wollte. Genau genommen misslangen zwei Verlobungen – oder wirkte hier bereits ein verborgener, noch nicht eingestandener Entschluss mit? Jedenfalls überraschte dieser einzig verbliebene Sohn und „schöne junge Mann“ nach anfänglichem Studium der Forstwissenschaft und Philosophie 1947 die Familie durch den Wunsch, Priester zu werden. Nach einem Theologiestudium in Bamberg und Innsbruck trat er 1950 bei den Benediktinern in Niederaltaich ein, von wo er nach drei Jahren in die Grande Chartreuse bei Grenoble in Frankreich wechselte und den Namen Dom Marianus Marck annahm.

Von dieser französischen Urzelle der Kartause aus wurde er nach England und später in die Kartause Vermont in den Vereinigten Staaten versetzt, wo er im September 1997 – immer noch weithin nur unter seinem Decknamen bekannt – in der selbstgewählten Einfachheit, zuletzt von Alzheimer gezeichnet, starb. Der ehemalige Prior von Dom Marianus, Father Lorenzo Maria, gab ihm das Zeugnis: „Wenn ich die Tugend nennen sollte, in der er am meisten hervorragte, würde ich sagen: Reinheit des Herzens. Beim ersten Kontakt war man von anderen Dingen beeindruckt: sein großes und schlankes, elegantes und gut aussehendes Äußeres, sein zugleich edles und militärisches Betragen. Aber wenn man ihn näher kennenlernte als einen Mann Gottes, war man ergriffen von seiner Herzensreinheit, immer mehr, je näher man ihn kennenlernte.“

Was aber aufs Tiefste erstaunt und weswegen sich die Lektüre dieses Buches lohnt, ist der eigentümliche Beweggrund des Prinzen, in den überaus strengen Orden des Schweigens und der Buße einzutreten. Es handelt sich in der Tat um ein Lebensopfer, bei dem der begabte Sänger und Tänzer insbesondere die Liebe zur Musik – im eigenen Musizieren und im Hören – aufgeben muss: Die Kartause des heiligen Bruno ist ein Ort durchgängiger Stille, abgesehen von den (auch in seinen Ohren wenig geschulten) Gesängen des Gottesdienstes. Die Erinnerung einer Bekannten, die den Mönch einmal mit dem Wagen zu fahren hatte, gibt den Eindruck einer Mahler-Sinfonie im Autoradio auf den Kartäuser wieder: Er habe zugehört „wie ein Verdurstender“. Warum dann aber dieser Verzicht? Hier berührt das Buch eine unerhörte geistliche Tiefe. Sie muss freilich richtig aufgenommen werden: Der Prinz wollte das mit der Reformation eingetretene Unrecht der Spaltung des Christentums, das seine Vorväter in den Reformationsländern Sachsen und Thüringen mit zu verantworten hatten, sühnen. Ursprünglich lief sogar der Wunsch mit, mit dem noch verbliebenen Vermögen Klöster an der damaligen Zonengrenze zu gründen. Welch ein Gedanke! Der Stammhalter tauchte in die Unbekanntheit, auch innerhalb des Ordens, unter – in die Namenlosigkeit und den glanzlosen, auf alle Herkunft verzichtenden Stand des einfachen Mönches, um „sein Land“ zurückzuführen zur Einheit der Kirche.

Morgenröte des Kommenden

Er zählte es zu den wenigen „sichtbaren Erfolgen“ seines Lebens und erlebte es tief bewegt als große Tröstung, als er erfuhr, nach der Wende habe eine Gruppe von Priestern im südlichen Thüringen gemeinsam das Messopfer dargebracht. Dies scheint ihm wie eine Morgenröte des Kommenden aufgeleuchtet zu sein. Und dies ist auch der Grund, auf diese unbekannte Biographie hinzuweisen: Welch großer geistiger und geistlicher Gesten ein solches Haus in seinen letzten Vertretern fähig war – und wie unerschöpft dieser Thesaurus christlicher Stellvertretung ist. Dass seine Schwester Regina dem Haus Habsburg durch ihr fruchtbares Leben Blüte und Zukunft geschenkt hat, gehört wohl in denselben Zusammenhang. Geht das Lebensopfer ihres Bruders in die geheimen „Verrechnungen“ ein, die der mittlerweile weithin glaubenslosen Mitte Deutschlands eine ungeahnte Zukunft schenken könnten? Es ist jedenfalls ein wunderbar bewegender Gedanke, dass sich der frühere Adel der Herrschaft in diesem fast namenlosen Leben und Sterben als Adel der Hingabe zugunsten eines ganzen Landes auswirken wollte.