Er widmete sich den Mühseligen und Beladenen

Vor 85 Jahren schrieb der einstige Messdiener Georges Simenon seinen ersten Roman über „Maigret“. Von Norbert Breuer-Pyroth

„Es war wie in einer Sakristei. In seiner Kindheit, als er noch Messdiener in der Dorfkirche war, hatte Maigret die gleiche Beklommenheit verspürt, wenn er darauf wartete, dem Pfarrer zu dem von flackernden Kerzen beleuchteten Altar zu folgen. Er vernahm die Schritte der unsichtbaren Gläubigen, die ihre Plätze einnahmen, und das Kommen und Gehen des Küsters.“

Jeden Morgen, bei Wind und Wetter, räkelte sich im Lütticher Stadtviertel Outremeuse ein aufgeweckter Zwölfjähriger namens Georges aus dem Bett und eilte – im Winter auf dunklen Straßen etwas ängstlich – zur Frühmesse. Hinüber in die Kapelle Saint-Augustin, im Volksmund „Kapelle von Bayern“ genannt, wo er um 6.00 Uhr als Ministrant (enfant de choeur) diente.

Inwieweit kindliche Frömmigkeit oder sein Wunsch, sich ein wenig Taschengeld für ein Fahrrad zusammenzusparen, Grund für seine Verlässlichkeit waren, mag dahingestellt bleiben. Er war nicht das Lieblingskind seiner Mutter, sein Vater verstarb recht früh. Jedenfalls fuhr jener Messdiener später als Erwachsener Rolls-Royce und nahm sich als belgischer „Flüchtlingskommissar“ Zehntausender seiner Landsleute an, die 1940 vor den deutschen Truppen nach Frankreich geflohen waren; wobei er beachtliche organisatorische Qualitäten und viel unbekümmerten Mut zeigte. Zumal die Nazi-Häscher vermeinten, sein Name Simenon rühre vom jüdischen Simon her.

Im Jahre 1930 schrieb dieser junge und erfolgshungrige Georges Joseph Christian Simenon (1903–1989) im Paris nahegelegenen Morsang-sur-Seine seinen ersten Maigret-Roman, in welchem ein brummiger, dabei aber – selbst im Zorn – stets menschlicher, psychologisch hochbegabter Kommissar erstmals ermitteln sollte: „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“. Sein Terrain war das Paris der Schleppkähne, der Bérets, der langen weißen Kittelschürzen der Ober und der Reklameschilder in den Bistros, der filterlosen Gauloise im Mundwinkel, der hölzernen charrettes (= Bauernhandwagen) auf den Märkten, der stillen Angler, der jauchzenden Musettes, der geplagten Straßenmädchen, der lauten Schmieden, des Pastis. Das mondäne Paris war es nicht. Es waren eher die Mühseligen und Beladenen der Bibel, denen sein Verständnis galt.

In seinen Romanen wirkt das Wetter melancholisch

In die Vita seines Protagonisten Jules Amédée François Maigret (mitunter auch Jules-Joseph Anthelme – Simenon kritisierte ironisch an sich selbst, „Daten zu verwechseln“) fügte Simenon den Mosaikstein des ehemaligen „Chorknaben“ ein; Väter schätzen es eben, wenn ihre Kinder Züge aufweisen, in welchen sie sich selbst wiedererkennen. Bis 1972 ließ er seinen Sprössling, den körperlich wuchtigen, hochgewachsenen und später beleibten Liebhaber der Gartenarbeit, 103 Mal ermitteln. Doch nicht mit Strohhut, sondern mit Borsalino und Mantel, eine optisch dunkelschattierte Persönlichkeit, in Bermudashorts unvorstellbar. Immer dabei: die Pfeife. Kaum dabei: die Pistole, die über alle Romane hinweg ziemlich arbeitslos bleibt. Des ungeachtet war selbst der über die Maßen schuss- und kampffreudige Ernest Hemingway erklärter Maigret-Fan.

Simenon nimmt Rang drei unter den meistgelesenen Schriftstellern französischer Sprache aller Zeiten ein. Bis heute haben sich nahezu 600 Millionen Exemplare seines Gesamtwerks in 47 Sprachen verkauft. Erstaunlich, dass er mit einem Wortschatz von 900 bis 2 300 Wörtern ausgekommen sein soll. (Goethe brillierte hingegen mit 90 000, Shakespeare begnügte sich mit 29 000.) Dominique Fernandez, Mitglied der Académie française, versucht das Geheimnis der Maigret-Werke zu ergründen: „Seine Romane sind vor allem atmosphärische Texte; die Handlung ist bloß ein Vorwand, um ein Klima zu erzeugen, das den Leser einlullt und ihn durchdringt wie eine Droge.“

Genau – das Klima ist es, freilich im zwiefachen Sinne. Denn: in allen Maigret-Romanen spielt das Wetter, zumeist das schmuddelige (außer in sonnigen, südlichen Gefilden, etwa in Saint-Tropez), eine dramaturgisch eminente, oft melancholisch stimmende Rolle. „Maigrets Gedanken irrten zum Regen ab, diesem ganz besonderen Regen, der stets der eigentlichen Winterkälte vorangeht und die Gabe hat, sich in den Mantelkragen zu stehlen, die Schuhe zu durchdringen und in großen Tropfen von der Hutkrempe fällt; ein schmutziger und trauriger Schnupfenregen, der den Menschen die Lust am Ausgehen nimmt.“

Dazu als altmodische Beigabe: „Seit seine Besucherin da war, hatte Maigret schon dreimal in seinem Ofen gestochert, dem letzten Ofen im Hause, den er mit viel Mühe gerettet hat, als hier am Quai des Orfevres die Zentralheizung eingebaut worden war.“ Zum abendlichen Ausklang: „In dem breiten Flur fegten die Putzfrauen, und er winkte ihnen zu. Wie immer um diese Zeit zog es dort, und die Treppe, die er mit Janvier hinabstieg, war kalt und feucht. Es war Mitte November, und es hatte den ganzen Tag geregnet. Seit acht Uhr morgens war Maigret nicht aus seinem überheizten Büro herausgekommen, und ehe er durch den Hof ging, schlug er seinen Mantelkragen hoch. – Er stand dann auf der Straße draußen im Nebel, der noch dichter und kälter geworden war.“ Seine sich selbstbestellt habenden Biographen wissen viel zu berichten und ihn durch sein Umfeld gar beschimpfen zu lassen: er sei ein übler Egoist, sei durch seine kirchliche Prägung zum Antisemiten geworden. Vor allem war Simenon, der durchaus zu flunkern vermochte, ein besessener Schreiber. Einen „Maigret“ schrieb er meist in etwa einer Woche. Angesichts seines schriftstellerischen Schaffens hätte er eigentlich zweimal leben müssen, um sein Pensum zu bewältigen, zumal er stets selbst tippte – erst zum Ende seines Schaffens diktierte er. Jürg Altwegg erfuhr von ihm: „Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, begann ich zu schreiben, stets ein Kapitel, jedes genau zwanzig Seiten umfassend, maschinengeschrieben, und das gab dann einen Roman. Bis zum letzten Kapitel hatte ich keine Ahnung, wie die Geschichte ausgehen würde. Es wäre mir auch völlig unmöglich gewesen, einen Roman um fünf Uhr nachmittags zu beginnen. Ebenso konnte ich nie mitten im Kapitel aufhören, und wenn ich dennoch dazu gezwungen wurde, musste ich das Manuskript fortwerfen.“

Nein, Maigret ist kein origineller Unterhalter wie Philip Marlowe, kein amüsant spitzfindiger Analyst wie Sherlock Holmes. Er ist eher plebejisch denn dem Bürgertum verhaftet, bescheiden, sachlich, gütig, bedauernd, mitleidend – fürwahr ein „Mords-Sozialarbeiter“. Hat er es mit der Hautevolee zu tun, die ihn nicht selten ihre gesellschaftliche und vermeintlich intellektuelle Überlegenheit spüren lässt, obsiegt er am Ende doch, indem er sich beharrlich auf sein Gespür, aber auch seine fachlichen Instrumente konzentriert und in seinen Mitarbeitern, die ihn respektvoll „Patron“ (= Chef) heißen, engagierte Unterstützung findet.

Mätzchen sind tabu, zu lachen gibt es nur alle drei Romane einen Satz. Dafür aber sympathisch Bewegendes: im Roman „Maigret s'amuse“ (= Maigret amüsiert sich) ist der Kommissar auf Anraten seines Arztes missmutig im Urlaub; eigentlich wollte er ja ans Meer, bleibt jedoch inkognito zu Hause. Sein Inspektor Albert Janvier leitet die Ermittlungen, doch Maigret ermittelt verdeckt und spielt seinem gelehrigen rothaarigen Zögling ebenso fürsorglich wie vergnügt peu a peu dienliche Resultate zu – anonym, vermeinend, dieser wähne ihn weit weg. Janvier schließt seine – allererste eigene – Untersuchung erfolgreich ab. Maigret begibt sich derweil mit seiner Frau endlich in Urlaub, in einen zufällig ausge-wählten Gasthof am Ufer des Loing. Drei Tage später erhält er dorthin eine anonyme Postkarte, auf der in Druckbuchstaben zu lesen ist: „Merci, Patron“.