„Er liebte die Menschen und hatte doch keinen Freund“

Vor 300 Jahren starb der Philosoph und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz. Von Veit-Mario Thiede

Gottfried Wilhelm Leibniz lebte nach dem Grundsatz, für das öffentliche Wohl zu arbeiten. Er bekannte: „Ich glaube, dass man damit Gott nachahmt, der sich um das Wohl des Universums sorgt, egal ob die Menschen es anerkennen oder nicht.“ Der Wahlspruch des rastlos tätigen Philosophen und Universalgelehrten lautete: „Ein Stück des Lebens ist verloren, sobald eine Stunde vergeudet wird.“ Die lateinische Fassung dieses Mottos war Aufschrift des schwarzen Samttuches, das am 14. Dezember 1716 während Leibniz' Begräbnisfeier in der Neustädter Hof- und Stadtkirche von Hannover seinen Sarg bedeckte.

Genau einen Monat vor der Trauerfeier – am 14. November – war der an Gicht und Nierensteinen leidende Leibniz mit 70 Jahren in Hannover gestorben. Bis in seine letzten Tage arbeitete der 1646 in Leipzig geborene Gelehrte an der Verwirklichung seiner lebenslang verfolgten Projekte. Das veranschaulicht die ihm in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek von Hannover gewidmete Sonderschau „1716 – Leibniz' letztes Lebensjahr“ anhand von ihm verfasster Dokumente und an ihn gerichteter Briefe. Er tat sich besonders als Mathematiker, Physiker, Historiker und auf theologischem Gebiet hervor. Bis zu seinem Lebensende bemühte sich der bekennende Lutheraner um die Einung der Katholiken und Protestanten.

Im Gegensatz zu landläufiger Meinung war das letzte Lebensjahr von Leibniz keineswegs durch Hinfälligkeit und Isolation gekennzeichnet. Der 1676 in den Dienst des Welfenhauses aufgenommene Hofrat und Leiter der herzoglichen Bibliotheken von Hannover und Wolfenbüttel erfüllte nach wie vor seine Aufgaben – und pflegte Briefkontakt mit Gelehrten, Theologen und Regierungsvertretern in ganz Europa. Sein schriftlicher Nachlass befindet sich lückenlos in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. Er umfasst an die 100 000 von Leibniz beschriebene Blätter, darunter die Manuskripte aller seiner Schriften, und rund 15 000 Briefe. Leibniz hatte weit mehr als 1 000 Briefpartner. Sein schriftlicher Nachlass ist noch längst nicht vollständig veröffentlicht – und lässt noch so manche Überraschung erwarten.

Während viele seiner wissenschaftsgläubigen Zeitgenossen die Existenz Gottes bezweifelten, war Leibniz bestrebt, Vernunft und christlichen Glauben in Einklang zu bringen. Seine Hauptschriften zu diesem für ihn zentralen Thema sind die 1710 veröffentlichte „Theodicée“ und das 1714 verfasste französische Manuskript zur „Monadologie“. Letzteres erschien 1720 in deutscher Übersetzung. Laut Leibniz sind die Monaden die kleinsten, unteilbaren Einheiten, aus denen Gott die Welt und das Universum geschaffen hat. Gott selbst ist die Urmonade. Als besonders hoch entwickelte Monaden hat Gott die menschlichen Seelen hervorgebracht. Sie sind in der Lage, Einsicht in die ewigen Wahrheiten zu gewinnen. Bereits mit 22 Jahren entwarf Leibniz einen umfassenden Plan zur Vervollkommnung der Menschheit.

Zu der Bestattungsfeier am 14. Dezember 1716 hatte Leibniz' Vertrauter und engster Mitarbeiter Johann Georg Eckhart die gesamte Hofgesellschaft eingeladen. Aber niemand von ihr fand sich ein. Auch sein Alleinerbe – der Neffe Friedrich Simon Löffler, Pastor zu Probstheida bei Leipzig – blieb der Bestattungszeremonie fern. Er war bereits auf der Heimreise. Eigene Nachkommen hatte der unverheiratete Leibniz nicht. Aber er bemühte sich um einvernehmliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen. Sein Vertrauter Eckhart urteilte: „Er sprach von jedermann Gutes, kehrte alles zum Besten.“ Der Leibniz-Biograph Eike Christian Hirsch ergänzt: „Er liebte die Menschen und hatte doch keinen Freund.“

Lange war Leibniz' Grab unbezeichnet. Da jedoch ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer mehr Leibniz-Jünger nach der genauen Lage fragten, finanzierte die Kirchengemeinde 1790 eine Aufschrift für die Grabplatte: „OSSA LEIBNITII“, was „die Gebeine von Leibniz“ bedeutet. Während einer Kirchenrenovierung 1902 bis 1904 öffneten Sachverständige das Grab und betteten die sterblichen Überreste in einen kleinen Metallsarg. Heute befindet sich die Grabstätte in einer Seitennische rechts vom Chorraum. Die Grabplatte ist nun aufgerichtet. Davor steht der Metallsarg. Ihn ummantelt eine Steinkiste mit der nüchternen Aufschrift: „Gottfried Wilhelm Leibniz, 1.7.1646 – 14.11.1716“.

Mehr Informationen findet man unter: www.hannover.de/leibniz