„Er grenzt weder aus noch ein“

Streit ums Abendland: Christen brauchen sich des Evangeliums nicht zu schämen. Von Gerhard Kardinal Müller

Das christliche Abendland hat von ungewohnter Seite Widerspruch bekommen. Dabei hat es als geschichtliche Erscheinung gar keine zustimmende oder ablehnende Haltung verdient. Mit dem Verfall des weströmischen Reiches und der Etablierung neuer Königreiche auf seinem Territorium stellte sich die Frage nach dem christlichen Erbe der Antike. Indem der fränkische König als Haupt des stärksten germanischen Reiches 596/8 den katholischen Glauben angenommen hatte und die heilige Taufe empfing und mit ihm sein Gefolge, begann eine neue Epoche im Abendland und ein neuer Typ der Verwirklichung der katholischen Kirche. Über die karolingische Renaissance bildete sich im Mittelalter in Mystik und Scholastik, der christlichen Kunst, Architektur und Staatsphilosophie die Gemeinschaft der Völker in Westeuropa aus zur Gestalt der abendländischen Christenheit unter der Führung der römischen Kirche und des Papstes. Wesentlich für das Selbstverständnis war die eschatologisch-endzeitliche Auffassung der Geschichte als Ort und Prozess der Durchsetzung des Reiches Gottes und der Bürgerschaft in ihr gegenüber dem irdisch-weltlichen Reich und Denken. Am Ende wird Christus siegen über das Böse, die Sünde und den Teufel und jede einzelne Menschen-Seele ist Schauplatz der menschlichen Freiheit, die sich mit Hilfe der Gnade zu Christus bekennt oder auch durch Unglauben und Sünde gegen Gott ihr Heil verlieren kann.

Seit der Aufklärungszeit ist dieses Bild der Geschichte auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen. Man suchte ein Menschen-Reich ohne Gott, ein Paradies auf Erden ohne seine Gnade zu errichten. An die Stelle Glaubens an Gott trat bei vielen der Glaube an das Gute im Menschen, an den Fortschritt und die Selbstvollendung des Menschen durch Wissenschaft, Technik, globale Kommunikation.

Man erkennt den Zweifel an der Einzigartigkeit Jesu

Die Christen haben jedoch keinen Grund, sich des Evangeliums zu schämen und sich für ihre Geschichte, von der das christliche Abendland nur ein Ausschnitt ist, vor einem irreligiösen oder andersgläubigen Tribunal zu rechtfertigen. Wir dürfen nicht Jesus verleugnen aus Angst, als zu dogmatisch, rechtgläubig oder unaufgeklärt verschrieen zu werden. Zur Religionsfreiheit gehört es auch, nicht seine eigene Vernunft als die Vernunft schlechthin auszugeben. Wer bestimmt, was die Moderne ist, an der sich alle andern zu messen haben? Waren Pater Maximilian Kolbe oder Dompropst Lichtenberg weniger modern und aufgeklärt, gebildet, auf der Höhe der Zeit als ihre dummdreisten Schergen, die sie verhört und umgebracht haben? Oder ist ein kommunistischer Chefideologie des Kremls, der natürlich im historischen und dialektischen Materialismus die Notwendigkeit der Geschichtsentwicklung zu kennen „glaubt“, intellektuell und sittlich höherstehend als der heilige Franziskus, nur weil er das heliozentrische Weltbild kannte?

Der Terminus „christliches Abendland“ als Bezeichnung eines kulturgeschichtlichen Phänomens und als kirchengeschichtliche Phase entfaltet mehr bei denen eine ausgrenzende Wirkung, die den christlichen Glauben ablehnen oder relativieren als bei denen, die in ihm die bleibende Verpflichtung sehen, das Evangelium Christi allen Menschen zu bezeugen und vorzuleben.

Was hinter dem Nebel so vieler politisch korrekter und doch theologisch so absurder Stellungnahmen auftaucht, ist der Zweifel an der Einzigkeit Jesu Christi. Ein beachtlicher Teil der gemäßigten Aufklärungsphilosophie (Lessing, Kant) wollte vom Christentum durchaus die Universalität und den Humanismus festhalten (Schiller: „Seid umschlungen Millionen“), konnte aber sich mit der Ärgernis nicht abfinden, dass Gott konkret in diesem einzelnen, konkreten Menschen Jesus von Nazareth Mensch geworden ist. Jesus, der Gott-Mensch, ist das Universale in der Konkretheit seiner Geburt, des Kreuzes und der Auferstehung (universale concretum). „Denn einer ist Gott, Einer auch der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“ und nur durch diesen Einzelnen „will Gott, dass alle Menschen gerettet und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1. Tim 24f). Er grenzt weder aus noch ein, sondern überwindet die Grenzen der endlichen Vernunft, die Gott auf ihr Maß herabsetzen will und sogar Gott beraten will, wie er seinen Heilswillen auch ohne Christus verwirklichen könnte. Sogar dem heilige Paulus wurde es einmal zu viel, als er ausrief: „Ihr unvernünftigen Galater, wer hat euch verblendet? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich als der Gekreuzigte vor Augen gestellt worden?“ (Gal 3, 1)