Entschieden gegen Zwangssterilisierung

Die ambivalente Persönlichkeit zeigt sich auch in den späten Tagebucheinträgen: Das Tagebuch Kardinal Faulhabers aus dem Jahr 1945 ist online zugänglich. Von Hermann Rössler

Nach Kriegsende war Kardinal Faulhaber einer der wichtigen Ansprechpartner der amerikanischen Besatzer. Foto: Erzbischöfliches Archiv München

Michael Kardinal von Faulhaber (1869–1952) erlebte den Anfang des Deutschen Reichs 1871 bis zum seiner völligen Zerstörung 1945. Der Bäckerssohn, der 1913 in den Adelsstand erhoben wurde, ab 1921 Kardinal war und über drei Jahrzehnte das Amt des Bischofs von München und Freising ausübte, war als Priester, Bischof und Kardinal immer nah am Geschehen der Zeit. In seinen Tagebüchern lassen sich das Zeitgeschehen aus Faulhabers Sicht verfolgen und Einblicke in seine Gedankenwelt erlangen. Seit 2013 werden diese in einer Projektzusammenarbeit des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster und dem Institut für Zeitgeschichte der Ludwigs-Maximilian-Universität München unter Leitung der Professoren Hubert Wolf und Andreas Wirsching transkribiert und her-ausgegeben. Die Tagebücher sind auch online unter www.faulhaber-edition.de einsehbar.

Herr Professor Wolf, Sie haben sechs Jahre am Forschungsprojekt der Tagebücher von Faulhaber gearbeitet. 2015 sagten Sie der „Süddeutschen Zeitung“, Ihr Bild von Faulhaber sei weniger eindeutig geworden. Hat es inzwischen wieder an Schärfe gewonnen?

Je schärfer wir die Details sehen, desto bunter wird das Gesamtbild. Die Besuchstagebücher Faulhabers stellen eine einmalige Quelle dar, wie es sie für keinen anderen deutschen Bischof der Epoche gibt. Sie ermöglichen tiefe Einblicke in die Persönlichkeit Faulhabers – und diese erscheinen manchmal widersprüchlich. In den vergangenen Jahren ist deutlich geworden: Gerade die Ambivalenzen sind charakteristisch für den Münchener Erzbischof. Um nur ein Beispiel anzuführen: Faulhaber wandte sich einerseits entschieden gegen Zwangssterilisierungen geistig behinderter Menschen, wie sie die Nationalsozialisten durchführten. Andererseits stellte er dem Direktor der Münchener Frauenklinik Heinrich Eymer, der an solchen Operationen maßgeblich beteiligt war, nach 1945 einen Persilschein aus, in dem er den Arzt von jedweder Verantwortung freisprach.

Wie lässt sich das Verhältnis Faulhabers zu Hitler und seinem Regime erklären?

Faulhaber wies die NS-Ideologie eindeutig und scharf zurück, etwa in seinen bekannten Adventspredigten aus dem Jahr 1933, aber auch in späteren Predigten aus der Weltkriegszeit. Dennoch befürwortete er die revisionistische Dimension der Außenpolitik Hitlers. Eine deutsche Kriegsniederlage wünschte er sich folglich nicht. Damit war Faulhaber übrigens nicht alleine, er teilte seine Einstellungen mit vielen anderen deutschen Bischöfen.

Auch wenn er gegen die rassistische und antisemitische Ideologie der Nazis predigte, war sein Verhältnis zu Juden ambivalent. Was kommt in den Tagebüchern davon zum Vorschein?

Faulhabers Tagebucheinträge der Jahre 1933 bis 1935, die unter www.faulhaber.edition.de bereits online zugänglich sind, bestätigen diese Ambivalenzen nachdrücklich. Nehmen wir das bekannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, durch das die Nationalsozialisten jüdische Beamte vom Dienst suspendieren konnten. Faulhaber argumentierte gegenüber einem davon betroffenen katholisch getauften Juden, dass die katholische Kirche zwar immer konsequent handele, er aber dennoch nichts für ihn tun könne. Schließlich müsse er sich immer fragen, „ob nicht größeres Übel“ daraus resultiere. „Das würde entstehen, wenn ich eintrete, weil dann ein Grund wäre, gegen die Jesuiten den Spieß zu drehen und gegen die Juden erst recht. Das will er nicht einsehen.“

1945 ist der Massenmord an den europäischen Juden kein bestimmendes Thema in seinen Tagebüchern. Auch das ist ja eine Erkenntnis. Eine Reflexion über die eigene Schuld am Mord an den Juden sucht man vergebens.

Aus den folgenden Jahren haben wir erst wenige Einträge gesichtet. Es deuten sich aber wieder Ambivalenzen an. Faulhaber wünschte sich eine „Normalisierung“ des Verhältnisses der katholischen Kirche und Deutschlands zum Judentum. Wichtiger waren ihm aber Aussprachen mit Protestanten in den USA und das Verhältnis zur orthodoxen Kirche in der Sowjetunion.

Das neu edierte Tagebuch von 1945 beschreibt die Zeit zum Kriegsende. Was ist die spannendste Erkenntnis daraus?

Mich hat überrascht, dass Faulhaber im Gegensatz zum Kriegsende und der Revolution 1918/19 keine tieferen theologischen Reflexionen anstellte oder diese zumindest nicht in seinem Tagebuch notierte. Als 1918 die Monarchie in Bayern stürzte, brach für ihn eine Welt zusammen, was er als biblische Anti-Schöpfung deutete. 1945 finden sich keine vergleichbaren Interpretationen in seinem Tagebuch, wobei doch in der Münchener Innenstadt kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war.

Gibt es einen speziellen Eintrag vom achten Mai 1945? Welche Sorgen, welche Hoffnungen werden gegen Kriegsende ersichtlich?

Am 8. Mai 1945 notierte Faulhaber: „Heute, 15.00 Uhr, erklärt Churchill, der Krieg ist aus … und 24.00 Uhr ist der Krieg faktisch zu Ende. Michaels-Erscheinung im Maimonat!“ Der Erzengel Michael steht hier für den Frieden, eigentlich ist der Michaelistag der 29. September.

In München endete der Krieg bereits am 30. April, als die US-Amerikaner die Stadt besetzten. Faulhaber notierte nüchtern: „Am letzten April etwa 18.00 Uhr ist der Krieg zu Ende… Heute ein besonderes Deo gratias.“ Aus einem Beiblatt vom 1. Mai, auf dem er ein Gespräch mit einem deutschstämmigen Amerikaner festhielt, werden seine Pläne für den religiösen Wiederaufbau deutlich: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wir fangen klein an, auf religiöser Grundlage. Diözesanverbände, teilweise auch Pfarrverbände zerschlagen, aber wir fangen wieder an.“

Für die Zeit ab dem 1. Mai ist es dann spannend zu sehen, wie er sofort zum bevorzugten Ansprechpartner der Besatzer wurde. US-Amerikaner gaben sich bei Faulhaber die Klinke in die Hand. Es ging beispielsweise um die Lebensmittelversorgung, aber auch um die „geistige Umschulung“ der im Nationalsozialismus aufgewachsenen Jugend.

Worin drückte sich diese Umerziehung aus? Wie stand Faulhaber zu den Besatzungsmächten und deren Agenden?

Faulhaber war schon in den 1920er Jahren in die USA gereist und hatte dabei viele Kontakte geknüpft. Diese konnte er nun reaktivieren. Auch deswegen gab es ein enges Vertrauensverhältnis, allen Meinungsverschiedenheiten, etwa über die Kollektivschuldthese und die Entnazifizierung, zum Trotz. Nach zwölf Jahren NS-Herrschaft wollten sowohl die US-Amerikaner als auch Faulhaber die Jugend in einem neuen Geist erziehen. Re-Education nannten die Amerikaner das. Sie meinten aber nicht immer dasselbe wie Faulhaber. Während die Besatzer etwa an liberale bekenntnisfreie Schulen dachten, machte sich Faulhaber für traditionelle katholische Bekenntnisschulen stark. Hier waren neue Konflikte vorprogrammiert.

Welche Konflikte bekam er als Bischof von der Bevölkerung mit?

Im Luftschutzkeller agierte er als Seelsorger, der während der Bombenangriffe die Absolution spendete.

Spannend sind auch die Umstände der Kapitulation: Als die US-amerikanische Armee näherrückte, wurden in Bayern immer wieder weiße Fahnen gehisst, in der Hoffnung, dadurch die Zerstörung der Dörfer zu vermeiden. Faulhaber fragte sich, ob er dazu aufrufen sollte, von allen Kirchtürmen auf diese Weise ein Zeichen der Kapitulation zu geben. Doch noch am 22. April 1945 befürchtete er, das würde einen Bürgerkrieg auslösen, weshalb er davon absah. Am 30. April wehte dann eine weiße Fahne ohne Wissen Faulhabers auf der Münchener Frauenkirche. Als der Dompfarrer sie entfernen ließ, schimpften die Leute, wie Faulhaber notierte. Später wurde wieder eine kleine weiße Fahne auf dem Dom gehisst. Auch wenn Faulhaber das nicht befürwortete, schrieb er am Abend erleichtert: „Zehn Geschwader wären bereitgestanden, München in einen Trümmerhaufen zu verwandeln, wenn es sich nicht übergeben hätte.“