„Entscheidung mit Perspektiven für die nächsten Jahrzehnte“

Rund 100 Millionen Euro Kosten für das neue Kölner Stadtarchiv – Gesamtbauzeit wird auf mehr als fünf Jahre veranschlagt

Während Restauratoren in Deutschland und anderen Ländern der Welt weiterhin fieberhaft und schnell an der Rettung wertvoller Dokumente nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Frühjahr arbeiten, hat der Stadtrat endlich und rund sechs Monate später die Entscheidung über die Zukunft der Archivarien getroffen. Ein neues Gebäude soll her, weit entfernt von der Unglücksstelle, wo am 3. März neben dem Archivgebäude auch mehrere Wohnhäuser in Mitleidenschaft gezogen wurden und zwei Menschen ums Leben kamen.

Nicht zuletzt die tragischen Todesfälle trugen zu dem Entschluss bei, den Neubau am Eifelwall nahe der Universität zu errichten. „Ständig an den Ort des Unglücks zurückzukehren, ist nicht zumutbar“, sagte Stadtsprecher Jörg Wehner zu der Entscheidung des Stadtrates. Auch stehe mit dem neuen Gelände eine größere Baufläche zur Verfügung, erläuterte Wehner. Nach bisherigen Planungen soll das Archiv über eine Reservefläche für mindestens 30 Jahre verfügen. „Am alten Standort wären Platzprobleme dagegen bereits jetzt absehbar gewesen. Das ist bei einer solchen Investition natürlich problematisch“, sagte Wehner. Kölns scheidender Oberbürgermeister Fritz Schramma äußerte sich gleichfalls erfreut über den Beschluss, der „Perspektiven für die nächsten Jahrzehnte“ biete. Der neue Standort sei innenstadtnah und habe eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, „gute Voraussetzungen also für unser Ziel, wieder ein modernes Bürgerarchiv bereitzustellen unterstrich Schramma. Für Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia stehen Sicherheitsfragen im Vordergrund. Der Eifelwall sei „gut geschützt und hat einen stabilen Untergrund“. Jetzt könne man mit Hochdruck daran gehen, „das modernste Archiv in Europa“ zu bauen, so Schmidt-Czaia enthusiatisch.

Nach dem dramatischen Einsturz des Stadtarchivs, bei dem Tausende wertvollster Kulturgüter unwiederbringlich verloren gingen, steht die Sicherheitsfrage an erster Stelle. Noch immer streiten sich die Verantwortlichen, wer oder was den Schaden letztendlich verursacht hat. Sicher ist nur, dass das Unglück im Zusammenhang mit der seit Jahren im Bau befindlichen neuen U-Bahnlinie in direktem Zusammenhang steht. Nach den Schuldigen wird immer noch gesucht, Versicherungsgesellschaften sehen sich Millionenforderungen gegenüber – nicht nur seitens der Stadt als Archivbesitzer sondern auch seitens der Hausbesitzer sowie der Dutzende von Privatleuten, die ihre Wohnungen mit ihrem gesamten Hab und Gut verloren haben.

Die Kosten für den Archiv-Neubau werden unterdessen auf knapp 98 Millionen Euro geschätzt und sollen über eine Stiftung eingebracht werden. Die Stadt Köln halt bereits fünf Millionen Euro als Stiftungskapital eingezahlt. Weitere vier Millionen Euro hatte die Stadt zuvor bereitgestellt, um die Bergung und Restaurierung der Archivarien zu finanzieren. Nach Angaben von Schmidt-Czaia sind 85 Prozent des verschütteten Materials gesichtet worden, davon seien 35 Prozent „schwer beschädigt“, 50 Prozent wiesen „leichtere Schäden“ auf und 15 Prozent nur geringe. Sie hoffe, dass noch weitere zehn Prozent der Dokumente aus dem Grundwasser geborgen werden können, aber das sei noch völlig unklar.

Die Restaurierungsarbeiten werden von Fachleuten auf mindestens 30 Jahre angesetzt, über die Kosten gibt es bislang nur völlig ungesicherte Hochrechnungen, ein Betrag von 350 Millionen Euro wird immer wieder als Schätzsumme genannt. Für Schmidt-Czaia ist die Restaurierung „eine nationale Aufgabe“, an der sich auch Bund und Land beteiligen mit „entsprechenden Summen“ beteiligten müssten. Schließlich gehe es um den Wiederaufbau des mehr als 1 000jährigen Gedächtnisses einer Stadt, einer Region und ganz Deutschlands, so die Archivleiterin.

Der Bund hat sich bislang nicht geäußert, so wie es auch grundsätzlich nur wenig Reaktionen auf den Finanzierungsaufruf für das neue Gebäude gibt. Lediglich für die Restaurierung der Dokumente fließen Spenden reichlich, auch aus dem Ausland. Zudem ist der geplante Archivneubau nicht das einzige finanzielle Sorgenkind der Kölner. Der dringend benötigte Anbau des Stadtmuseums steht wieder auf der Kippe, ein Kölner Stifterehepaar hatte kurzfristig die zugesagte Summe von 5,5 Millionen Euro wieder zurückgenommen. Nach einem zehnjährigen Gezerre habe man endgültig genug. Einer ,,immer unsachlicher und bösartiger werdenden Diskussion" mit „persönlichen Angriffen“ wolle und könne man sich nicht länger aussetzen, heißt es in der Erklärung des Ehepaares. Politisches Gezänke und wohl der typische „Kölner Klüngel“ haben sich durchgesetzt, die Kultur bleibt auf der Strecke. Bleibt abzuwarten, wie und vor allem wann das neue Stadtarchiv stehen wird.