Endlich ohne Lebenslüge leben

Das Spielfilmdebüt von Christian Schwochow „Novemberkind“ handelt von der Wahrhaftigkeit der Existenz

Zuweilen gehören Abschlussfilme an deutschen Filmhochschulen und -akademien wegen der sorgfältigen Inszenierung und des offensichtlich in sie hineingelegten Herzbluts zu den sehenswertesten Filmen des Jahres. Ist doch in solchen Filmen oftmals die Entschlossenheit besonders deutlich zu spüren, eine in der Bildgestaltung und vor allem im Erzählduktus von der Fernsehästhetik abgegrenzte, genuine Kino-Filmsprache zu finden.

Herausragende Beispiele dafür lieferten in letzter Zeit etwa der mit dem Deutschen Filmpreis in Gold sowie mit dem Oscar ausgezeichnete „Das Leben der anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck (DT vom 23.03.206), sein Abschlussfilm an der HFF Hochschule für Fernsehen und Film München, sowie Neele Leana Vollmars Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg „Urlaub vom Leben“ (DT vom 02.02.2006). An der Filmakademie Baden-Württemberg studierte ebenfalls Christian Schwochow, dessen Abschlussfilm „Novemberkind“ sowohl beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2008 als auch beim Filmfestival Max Ophüls Preis Saarbrücken 2008 jeweils den Publikumspreis gewann und nun im regulären Kinoprogramm anläuft.

„Novemberkind“ erzählt auf zwei Zeitebenen eine Mutter-Tochter-Geschichte: Warme Farben und grobkörnige Bildern kennzeichnen die im Jahre 1980 angesiedelte Begebenheit, als im mecklenburgischen Malchow ein russischer Soldat aus der Kaserne flieht. Juri (Jevgenij Sitochin) wird von der 20-jährigen Anne (Anna Maria Mühe) versteckt, die mit ihrer kleinen Tochter Inga alleine lebt. Die Details der Geschichte, etwa wer Ingas Vater ist, werden mittels Rückblenden nach und nach enthüllt. Ebenso, wie Anne zusammen mit Juri in den Westen floh, aber Inga zurücklassen musste – in der Hoffnung, das Baby nachholen zu können.

Mit einer Palette aus blaugrauen und erdigen Farbtönen gestalten Regisseur Christian Schwochow und sein Kameramann Frank Lamm die zweite, etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach der ersten angesiedelten Zeitebene, in der eine längst verdrängte Wahrheit zum Vorschein kommt.

Im Jahre 2007 taucht in Malchow Robert (Ulrich Matthes) auf, der in Konstanz kreatives Schreiben lehrt. Nach einem überstandenen Herzinfarkt hat er sich vorgenommen, endlich einen eigenen Roman zu schreiben. Seine Recherchen führen ihn nach Malchow, wo er nach der damals zurückgelassenen Inga sucht. Die nun etwa 27-jährige Inga (ebenfalls Anna Maria Mühe) ist bei ihren Großeltern in dem Glauben aufgewachsen, ihre Mutter Anne sei in der Ostsee ertrunken. Der Literaturprofessor erzählt der jungen Frau davon, dass Anne vor Jahren bei ihm ein Seminar besuchte. Gemeinsam begeben sich auf Spurensuche nach Ingas Mutter.

Obwohl sich die Handlung, für die Christian Schwochow gemeinsam mit seiner Mutter Heide Schwochow das Drehbuch verfasste, bisweilen konstruiert ausnimmt, lassen die ruhigen, von einer zurückhaltenden Klaviermusik unterstützten Bilder, die im Schnitt einen geruhsamen Rhythmus finden, viel Raum für die Figurenentwicklung. Insbesondere Anna Maria Mühe gelingt es, die zwei Charaktere der naiven Mutter und der eigensinnigen, nach der Entdeckung der Wahrheit enttäuschten Tochter auf der Suche nach der eigenen Identität überzeugend zu spielen.

„Novemberkind“ handelt von einem, obwohl etwa in „Good Bye, Lenin!“ (Wolfgang Becker 2002) bereits angeklungenen, so doch eher unbekannten Kapitel der deutschen Vergangenheit: Die Trennung von Familien nach der Flucht eines Mitglieds aus der DDR. In der Verknüpfung der persönlichen Schicksale mit einer allgemein gültigen Geschichte kreist „Novemberkind“ jedoch um eins der großen Sujets des Kinos: die Vergangenheitsbewältigung, die Überwindung einer verdrängten Schuld oder einer Lebenslüge – wie im Falle Ingas. Sicher hat dies auch mit der eigenen Lebensgeschichte des Regisseurs zu tun, der 1989 als 11-Jähriger mit den Eltern „rüber machte“. So führt Christian Schwochow dazu aus: „Ich wollte einen Film machen, mit dem ich mich selber auf eine Suche begeben kann. Mit dem ich mir und anderen Fragen stellen kann, die auch weh tun oder wütend machen. Will ich mit einer Lüge leben, wenn doch alles ganz gut funktioniert oder stattdessen die Wahrheit einfordern, auch wenn damit Schmerz und Enttäuschung verbunden sind?“

Außergewöhnlich an „Novemberkind“ ist indes die Figur des Literaturdozenten, der mit Ingas Empfindungen spielt, um mit seinem Roman weiterzukommen. Die Worte seines Verlegers: „Sag ihr doch die Wahrheit... und bau sie gleich mit ein“ spiegeln die Lügen und Manipulationen des Möchtegern-Intellektuellen wider, dem seine Kunst wichtiger ist als menschliche Gefühle. Ein ebenfalls universales Thema, das der vielschichtige Film von Christian Schwochow zurückhaltend, aber vernehmbar anspricht.