Elite für alle

Amerikanische Spitzenuniversitäten nehmen

kein Geld mehr von armen Studenten

Die Jiao Tong Universität in Shanghai listete vor zwei Jahren die besten Hochschulen der Welt auf. Unter den neunzehn ersten Instituten lagen nur Oxford und Cambridge nicht in den Vereinigten Staaten. Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität belegte als beste deutsche Universität einen respektablen 51. Rang. Nicht nur in China sind die amerikanischen Hochschulen das Maß aller Dinge. Auch deutsche Bildungspolitiker orientieren sich jenseits des Atlantiks.

Während der Bologna-Prozess mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen den angloamerikanischen Aufbau des Studiums kopiert, geht es bei den anderen Großmaßnahmen der vergangenen Jahre darum, das finanzielle Ungleichgewicht zu beheben. Von 2006 bis 2012 kommen innerhalb der Exzellenzinitiative 39 Graduiertenschulen, 37 Exzellenzcluster und neun sogenannte Eliteuniversitäten in den Genuss von insgesamt 1,9 Milliarden Euro, die der Bund bei der Versteigerung der UMTS-Lizenzen erlöste. Die neun Eliteuniversitäten verfügen in diesem Zeitraum pro Jahr über 21 Millionen Euro zusätzlich. Außerdem darf das Studium seit kurzem etwas kosten. Pro Semester sind das im Erststudium je nach Bundesland derzeit bis zu 500 Euro.

Studiengebühren sinken

Das große Vorbild Harvard wird damit natürlich nicht erreicht werden. Zum einen, weil Amerikas Topuniversitäten trotz der staatlichen Geldspritze nach wie vor in einer anderen Liga spielen. Das Stiftungsvermögen von Harvard beträgt mit 20 Milliarden Euro das Tausendfache des Elite-Budgets. Hinzu kommt, dass Harvard für weitaus weniger Studenten sorgen muss. Etwa zwanzigtausend studieren am Charles River, an der Isar gut doppelt so viele.

Dass mehr Geld auch mehr Bildung bedeutet, das soll in den Vereinigten Staaten nun anders werden. Das Studieren in Harvard soll künftig nicht teurer sein als an einer staatlichen Universität. Familien mit einem Einkommen von 78 000 bis 117 000 Euro, so hieß es in einer Ankündigung der Hochschulleitung, sollen künftig nur noch zehn Prozent ihres Familieneinkommens für einen Studienplatz entrichten müssen. Damit würde in Studienplatz, der bisher mit 25 000 Dollar im Jahr zu Buche schlägt, erheblich subventioniert. Einige Familien müssen demnächst nur noch die Hälfte überweisen.

Das sei keine Einzelmaßnahme, sondern der Beginn einer sozialen Neuausrichtung, versichert Harvard-Präsidentin Drew Faust. „Wir wollen, dass alle Studenten, die von einer Harvardausbildung träumen, wissen, dass das eine realistische und bezahlbare Option ist. Bildung ist elementar für die Zukunft des Einzelnen und des Landes, und wir sind entschlossen, unseren Teil dazu beizutragen, dass Bildung wieder ein Motor für Möglichkeiten wird, statt Quelle finanzieller Belastungen zu sein.“

Bereits heute erlässt die Universität knapp der Hälfte ihrer Studenten einen Teil ihrer Studiengebühren. Vor drei Jahren wurde zudem ein neues Stipendienprogramm für Bewerber aus ärmeren Familien aufgelegt. Wer weniger als 40 000 Euro in der Familienkasse hat, muss gar keine Studiengebühren mehr zahlen. Mit der neuen Maßnahme vergrößert sich der Umfang der Finanzhilfen von 64 Millionen auf rund 78 Millionen Euro.

Gefahren für die Demokratie

Die kalifornische Stanford Universität will da nicht zurückstehen und hat angekündigt, ab Herbst die Studiengebühren für Familien mit einem Gesamteinkommen von weniger als 45 000 Euro ganz zu streichen. Die Abgabe für Unterkunft und Verpflegung in Höhe von 7 000 Euro bleibt aber. Nur Eltern, die weniger als 40 000 Euro in der Tasche haben, sind mit nur 3 000 Euro dabei.

Einigen Studierenden werden die Ermäßigungen den Zugang zu den Ivy-League-Universitäten der Ostküste sicherlich erleichtern. In Harvard hat sich der Anteil der ärmeren Studierenden schon um ein Drittel erhöht. Zu einer fundamentalen Umwälzung, wie es Unipräsidentin Faust suggeriert, wird es aber nicht kommen. Noch immer stammen drei Viertel der Studenten an den Eliteunis aus den reichsten Schichten der amerikanischen Gesellschaft.

Dieser Club der Reichen beschäftigt mittlerweile auch den Kongress. Diskutiert wird, ob man Universitäten nicht verpflichten sollte, einen gesetzlich festgelegten Teil ihres Stiftungskapitals für die Förderung armer Studenten auszugeben. In Harvard liegt dieser Anteil trotz der millionenschweren Stipendien erst bei mageren 0,4 Prozent. Die jetzt beschlossenen Maßnahmen sind deshalb nicht als Akt der Selbstlosigkeit zu verstehen, sondern eher als Schadensbegrenzung. Mit dem sozialen Manöver soll Kritikern der Wind aus den Segeln genommen werden. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.

Seit Jahren schon sorgen die explodierenden Studienkosten nämlich schon für Stirnrunzeln bei Eltern und Politikern. Selbst bei staatlichen Universitäten fallen im Schnitt bereits 8 500 Euro im Jahr an, an privaten Colleges und Universitäten sind es 20 000 Euro – das ist knapp ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Mit den wachsenden Kosten wächst auch die soziale Kluft. Die Washingtoner Nichtregierungsorganisation Education Trust hat errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus niedrigen Einkommensverhältnissen mit 24 Jahren über einen Bachelor-Abschluss verfügt, mit neun Prozent achtmal niedriger ist als bei Kindern aus wohlhabenden Familien. Bildung wird immer mehr zur Frage des Geldes, resümiert die Organisation, und warnt. „Diese Spaltungen gefährden unsere Demokratie und die Gesundheit unserer Volkswirtschaft.“ Man darf gespannt sein, ob die Veränderungen in Amerika auch die deutsche Bildungs-Debatte wieder anfacht, die nach der letzten Pisa-Runde so friedlich eingeschlafen ist.