Würzburg

Eine simple Formel

Die Papst-Reise nach Japan könnte prophetisch sein. Zeigt die Geschichte des Landes doch, dass das Glaubensleben unter beschwerlichsten Umständen und mit wenigen Geistlichen aufrechterhalten werden kann.

"Silence"
Im Film „Schweigen“ von Martin Scorsese ist die rare Präsenz von Missionaren in Japan genauso ein Thema wie existenzielle Glaubensentscheidungen. Foto: Kerry Brown (Concorde)

Der Japan-Besuch führt Papst Franziskus in ein Land, in welchem die Zahl der Katholiken nur ein Prozent ausmacht – doch dieser verschwindend kleinen Minderheit gelang es trotz Repressalien, ihren Glauben während der 250 Jahre dauernden Abschottung Japans ab dem 17. Jahrhundert zu bewahren. In Zeiten, wo in Amazonien und anderswo aufgrund von Priestermangel über den Einsatz von „viri probati“ nachgedacht wird, zeigt die Geschichte Japans, dass das Glaubensleben unter beschwerlichsten Umständen und mit ganz wenigen Geistlichen aufrechterhalten werden kann. Der Grundstein hierfür wurde im 16. Jahrhundert durch eine gute und solide Belehrung gelegt – wir würden es heute Katechese nennen.

Die Jesuiten, allen voran Franziskus Xaver, hatten im Land der aufgehenden Sonne fundamentale Arbeit geleistet. Xaver, ein Weltreisender in Sachen Glauben, ein Wegbahner und Vorkämpfer mit einer Feuerseele, landete 1549 von Malakka kommend auf Japans südlicher Insel Kyushu. Der erst 1527 zum Priester geweihte junge Mann hatte sich – 1506 in Navarra geboren – dem Heiligen Ignatius von Loyola angeschlossen und war anfangs als päpstlicher Legat nach Indien gereist. Von dort aus hatte er seine großartige Missionstätigkeit im Fernen Osten begonnen – zunächst im zu der Zeit üblichen Stil: Predigten, Massentaufen und Zerstörung der heidnischen Tempel.

Japan bot günstige Voraussetzungen für die Missionierung

Das dezentralistisch angelegte Japan der Muromachi-Ära bot günstige Voraussetzungen für die Missionierung. Das Land war in etwa 200 Territorien mit autonomen Herrschern aufgesplittert und sehr bald konnten etliche dieser lokalen Feudalherren für das Christentum gewonnen werden, viele von ihnen ließen sich sogar taufen. Erste christliche Gemeinden entstanden auf Kyushu, wenige Jahre später auch um Kyoto herum, der ehemaligen Hauptstadt Japans.

Franz Xaver verstand sich sehr gekonnt darauf, das Christentum auf verschiedene Weise Herrschern und Volk nahezubringen. Dem kunstsinnigen Daimyo (= Fürst) Ouchi Yoshitaka in der Provinz Yamaguchi stattete der sonst auf Äußeres wenig bedachte Xaver in feiner Seidenkleidung einen Besuch ab und überreichte ihm kostbare Geschenke aus Goa und Malakka, die eigentlich für den Kaiser bestimmt gewesen waren. Begeistert bot ihm Fürst Ouchi Gold und Silber aus seinem eigenen Besitz an, doch der Jesuit lehnte ab und bat lediglich um die Erlaubnis für freie Glaubensverkündigung in seinem Herrschaftsgebiet – was ihm gewährt wurde.

Um die Menschen zu verstehen, lernet er die Sprache

Dank des Wohlwollens des Fürsten konnte Xaver nun auf seine ganz eigene Art und mit Werken der Barmherzigkeit die einfachen Menschen gewinnen – wie er dies schon an anderen Orten der Welt getan hatte. Am Morgen suchte er Spitäler auf, am Nachmittag zog er mit einem Glöckchen durch die Straßen und erklärte singend, betend und in ständiger Wiederholung die christliche Lehre. Er begann mit dem Kreuzzeichen, dem Credo, dem Vater unser und dem Ave Maria, dann folgten weitere Teile des Katechismus, wie die Zehn Gebote, er sprach über die Tugenden und die sieben Todsünden.

Dabei verkörperte Franz Xaver nicht den Typus des schlichten Wanderpredigers. Skeptikern stand der Jesuit schlagfertig Rede und Antwort – die gebildeten Kreise in der Kulturstadt Yamaguchi hielten ihn für einen großen Gelehrten Europas, das Klostergebäude, welches Xaver mit seinen Gefährten bezogen hatte, wurde zu einer Art katholischer Akademie. Die westliche Religion stellte somit auch ein Gegengewicht zur Macht der buddhistischen Klöster dar.

Letztendlich aber war es eine simple Formel, auf die Xaver seinen missionarischen Erfolg gründete: Um die Menschen verstehen zu können, bemühte er sich – wo immer er war – ihre Sprache zu erlernen oder schaltete einen Übersetzer ein. Sein heiteres, natürliches Gemüt und der tief verwurzelte Wunsch, möglichst viele Menschen zu Gott zu führen, taten ein Übriges.

Anfang der 1580er Jahre, also dreißig Jahre nach Beginn der Missionierung Japans, waren bis zu 200 000 Japaner zum Christentum übergetreten, Tendenz steigend. Um 1600 zählte man 300 000 Christen, manche Quellen sprechen sogar von über 700 000. Dann wendete sich das Blatt. Bereits 1597 waren 26 Christen auf Befehl des Feldherrn Hideyoshi Toyotomi in Nagasaki gekreuzigt worden. General Hideyoshi war es dann auch, der die Einigung Japans herbeiführte und sich dafür aussprach, die Missionare des Landes zu verweisen. Inzwischen waren auch Franziskaner und Dominikaner in Japan eingetroffen.

Christentum in Japan überlebte durch „kakure kirishitan“

Der Nachfolger Hideyoshis griff nun mit aller Gewalt durch: Tokugawa Ieyasu bündelte die Machtverhältnisse, indem er sich 1603 vom Tenno zum Shogun ernennen ließ und sperrte sein Land gegenüber allen äußeren Einflüssen ab. Nur die Niederländer wurden weiterhin auf einer kleinen Insel vor Nagasaki geduldet. Eine beispiellose Verfolgung aller Christen begann. Wer grausamer Folter entgehen und überleben wollte, musste sich der e-fumi-Zeremonie unterziehen: Als Beweis für die Abkehr vom Glauben sollten das Antlitz Christi oder christliche Symbole mit den Füßen getreten werden. Hierzu wurden insbesondere Priester – durch Gewaltanwendung – gezwungen, um die Glaubensfestigkeit anderer Christen zu schwächen.

Das war psychologisch listig, denn schon Franz Xaver hatte festgehalten, dass bildliche Darstellungen aufgrund der Sprachbarrieren von hohem Wert waren. Die japanischen Christen hatten im Laufe der Zeit eine große Verehrung für Devotionalien entwickelt, die nun sprichwörtlich mit Füßen getreten werden sollten. Trotzdem überlebte das Christentum in Japan durch die Entstehung der „kakure kirishitan“, versteckte Christen: Der Glaube wurde mündlich weitergegeben, man verzichtete auf Kreuze und christliche Symbolik oder verpasste Heiligenstatuen einen „buddhistischen Look“.

Zurück zu den Wurzeln durch die Verkündigung des Evangeliums

Zwar konnte es keine Sonntagsgottesdienste geben, doch die Hochfeste – allen voran die Geburt Jesu und die Auferstehung wurden gefeiert. Nur im weitesten Sinn kann man von einer Priesterschaft sprechen: Leiter der Zeremonien oder der Taufen sowie eine Assistenzfunktion. Bernard-Thadée Petitjean entdeckte 1865 in der Nähe von Nagasaki rund 50 000 solcher verdeckten oder „Altchristen“, von denen sich die meisten der Kirche anschlossen. Ein großartiges Zeugnis für Glaubenstreue und unermüdliche Missionsarbeit 250 Jahre zuvor.

Aus dem heutigen Japan hört man, dass die Zeiten vielleicht andere seien und die Kulturen nicht zu vergleichen – aber sei nicht eine solche Glaubenstreue auch in Amazonien möglich? Im fernen Osten haben Christen über Jahrhunderte ohne geweihte Priester, ohne Kirche und ohne Strukturen ihren Glauben bewahrt. Vielleicht könnte ein Blick zurück in diese Geschichte den allzu „struktur- und ämterverliebten“ Christen helfen, zu den Wurzeln zurückzukehren: zur Verkündigung des Evangeliums, der frohen Botschaft des menschgewordenen Gottes, der sich nicht zu schade war, zu dienen.

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