Eine oberflächliche Sicht der Religion

Die Verfilmung von Evelyn Waughs „Wiedersehen mit Brideshead“ bietet viele Schauwerte – Doch den Kern des Romans trifft sie nicht

Der 1930 zum Katholizismus konvertierte britische Schriftsteller Evelyn Waugh veröffentlichte 1945 seinen Hauptroman „Wiedersehen mit Brideshead“ („Brideshead Revisited“), in dem der Verfasser – wie Waugh selbst 1959 in einem Vorwort schrieb – „die Wirkung der göttlichen Gnade auf den Kreis seiner Hauptfiguren“ habe untersuchen wollen. Der von Time Magazine in seine „All-time 100 Novels“-Liste aufgenommene Roman wurde Anfang der achtziger Jahre als elfstündige BBC-Fernsehserie verfilmt, und mit großem Erfolg weltweit ausgestrahlt.

„Der Film bleibt an der Oberfläche haften:

Er zeichnet Lady Marchmain als verbitterte Fanatikerin, die

durch ihren strengen Katholizismus zunächst die Liebe ihres Mannes verlor, der mit einer

italienischen Geliebten in Venedig lebt, und dann das Glück ihrer Kinder zerstörte. Dies entstellt die Grundaussage des Romans“

Nun hat Regisseur Julian Jarrold den Stoff auf etwas mehr als zwei Stunden Spielfilmdauer verdichtet, was zwangsläufig dazu führt, dass viele der interessanten Nebenthemen auf der Strecke bleiben. Jarrolds Film konzentriert sich auf die „Dreiecksbeziehung“ zwischen dem bürgerlichen Charles Ryder (Matthew Goode) und dem Geschwister-Paar Julia (Hayley Atwell) und Sebastian Flyte (Ben Whishaw), den Kindern von Lord und Lady Marchmain (Michael Gambon, Emma Thompson), die zum katholischen Hochadel Englands gehören.

Der bürgerliche Charles Ryder lernt in Oxford den adeligen Sebastian Flyte kennen, der an der Universität ein ausschweifendes Leben führt. Von Sebastians Exzentrik angezogen, lässt er sich allzu gerne ins Familienschloss einladen. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Agnostiker wird in eine für ihn neue Welt eingeführt, die ihn fasziniert. Auf Brideshead lernt Charles aber auch die aparte Schwester Sebastians Julia kennen, in die er sich verliebt. Nach einer Reise nach Venedig, bei der sich sehr zum Missfallen Sebastians Charles und Julia näher kommen, schreitet die erzkatholische Mutter, Lady Marchmain, ein: Ein Atheist kommt für ihre Tochter nicht in Frage, die den neureichen, zum Katholizismus konvertierten kanadischen Geschäftsmann Rex Mottram heiraten muss. Sebastian flieht seinerseits nach Marokko, wo er dem Alkohol endgültig verfällt.

Nach einigen Jahren begegnen sich Julia und Charles wieder. Keiner von beiden ist in seiner Ehe glücklich, und ihre Liebe füreinander flammt erneut auf. Als sich Julia bereits scheiden lassen will, um Charles zu heiraten, kommt ihr Vater aus dem selbstgewählten Exil in Venedig zum Sterben auf Brideshead zurück. Der Tod ihres Vaters, der in allerletzten Sekunde zum Glauben zurückfindet, lässt Julia erkennen, dass ein Leben in Sünde sie nicht glücklich machen würde.

Julian Jarrolds Verfilmung lebt größtenteils von der überaus stilvollen Ausstattung. Wie etwa zuletzt in „Abbitte“ (DT vom 08.11.2007) schwelgt die Kamera in den prachtvollen, lichtdurchfluteten Gängen des Familienschlosses Brideshead. Das gute Spiel der Darsteller täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass die Grundfragen der Romanvorlage hier lediglich zur Ausstaffierung benutzt werden. Denn der Film bleibt an der Oberfläche haften: Er zeichnet Lady Marchmain als verbitterte Fanatikerin, die durch ihren strengen Katholizismus zunächst die Liebe ihres Mannes verlor, der mit einer italienischen Geliebten in Venedig lebt, und dann das Glück ihrer Kinder zerstörte.

Dies entstellt indes die Grundaussage des Romans bis zur Unkenntlichkeit. Denn die „Wirkung der Gnade“, die Evelyn Waugh untersuchen wollte, zeigt sich im Roman lediglich vorübergehend in göttlicher Strafe. Wenn sich etwa Julia und Sebastian oder auch Lord Marchmain in existenziellen Widersprüchen verfangen, dann deshalb, weil sie zunächst einen Weg der Gottesferne wählen. Nach und nach finden sie jedoch durch Leiden hindurch zu Gott und zum Glück zurück. Besonders deutlich wird es in der tätigen Buße, die Sebastian als Pförtner in einem marokkanischen Kloster ableistet, die im Film ausgespart wird. Der Seelenschmerz der Romanfiguren geht nicht auf den Einfluss des Katholizismus zurück, sondern vielmehr auf ihre Abwendung von Gott.

Davon weiß – im Roman – insbesondere die jüngste Schwester von Julia und Sebastian, Cordelia, die nach einem gescheiterten Versuch, in einen Orden einzutreten, ihre Berufung als Krankenschwester entdeckt. Als sie von ihrem Besuch bei Sebastian berichtet, sagt sie: „Kein Mensch kann je ohne Leiden heilig sein. Bei ihm hat es diese Form angenommen... Ich habe in den letzten paar Jahren viel Leiden gesehen; und jetzt kommt bald so viel Leiden für alle. Es ist die Quelle der Liebe...“

Mit solchen Aussagen kann Regisseur Julian Jarrold offenkundig wenig anfangen. Wohl deshalb gerät die Rolle der Cordelia in seiner Verfilmung so knapp. Aus demselben Grund ist seine Verfilmung eine schön fotografierte Fassade geworden, die den eigentlichen Kern des Romans von Evelyn Waugh jedoch kaum streift.

Zum Filmstart ist der Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ bei Ullstein & List Taschenbuch (352 Seiten, 8,95 Euro) neu erschienen.