Eine literarische Verfolgung der Kirche

Tadeusz Brezas „Audienz in Rom“: Verstörende Neuausgabe eines kommunistischen Propaganda-Werkes. Von Stefan Meetschen

Der Roman von Tadeusz Breza ist ein Angriff auf die Kirche und eine Verhöhnung der Opfer des kommunistischen Totalitarismus. Foto: dpa
Der Roman von Tadeusz Breza ist ein Angriff auf die Kirche und eine Verhöhnung der Opfer des kommunistischen Totalitaris... Foto: dpa

Wie schnell vergeht der Ruhm der Welt, wie schnell der Ruhm einer Epoche, eines ideologischen Systems. Vor 50 Jahren kannte fast jeder Leser jenseits des Eisernen Vorhangs den polnischen Schriftsteller Tadeusz Breza. Er war ein Star der neuen Ordnung, wie sich das kommunistische System zuzeiten selbst bezeichnete. Heute ist Breza, der 1905 in einer bürgerlichen Familie zur Welt kam und 1970 starb, weitestgehend vergessen. An seinen Werken haftet trotz seiner unbestreitbaren literarischen Fähigkeiten die Patina der Agitation, der Propaganda. Huldigte Breza doch mit manchmal brachialen, manchmal allerdings auch subtilen Mitteln der kommunistischen Ideologie und der totalitaristischen Diktatur seines Heimatlandes, der damaligen Volksrepublik Polen.

Auch in seinem bekanntesten Werk, dem Roman „Audienz in Rom“, der 1960 in der DDR unter dem Titel „Das Amt“ bei „Volk & Welt“ erschien und erstaunlicherweise in diesem Jahr bei Berlin University Press neu veröffentlicht worden ist. Darin erzählt Breza, der von 1959 bis 1964 als Kulturattaché an der polnischen Botschaft in Rom weilte, mit verführerischem Federstrich die Geschichte des jungen Mannes aus Thorn (pl. Torun), der zu Besuch in der Ewigen Stadt ist. Mit einem merkwürdigen Anliegen. Der Vater des Mannes ist Justiziar des Klerus in Thorn und hat das Vertrauen des dortigen Bischofs verspielt. Während einer Erkrankung des Bischofs hatte der Justitiar dessen Aufgaben übernommen und Zugeständnisse an die kommunistischen Herrscher gemacht. Das wird in dem Roman so allerdings nicht beschrieben. Breza bedient sich eines anderen Perspektivstils. „Der Bischof war ein kämpferischer und nachtragender Mann. Er war aus Dachau physisch gebrochen zurückgekehrt. Psychisch und geistig jedoch war er unverändert. (...) Er spie Hass und Galle, er provozierte. Seine Mentalität war mittelalterlich. Der Bischof war kein Diplomat. Er lebte wie ein Heiliger. Er genoss hohe Wertschätzung, vor allem bei denen, die ihn nicht näher kannten.“

Breza versucht also, projiziert auf den Vater des Ich-Erzählers, Sympathien zu entwickeln für einen katholischen Mitläufer, der dem System nicht distanziert genug gegenübersteht, während der heiligmäßige Bischof als aggressives Monster denunziert wird. Ein äußerst perfider literarischer Vorgang. Zumal damals in der Volksrepublik Polen der 1950er Jahre tatsächlich alles gemacht wurde, um Geistliche zu schikanieren und kaltzustellen. Man erinnere sich nur an die Haftjahre Kardinal Stefan Wyszyñskis. Der Roman Brezas, der 1955 den polnischen Staatspreis für Literatur erhielt, spiegelt diesen Geist der Verfolgung und Diskriminierung unverhohlen wider.

Doch: Nicht der kommunistische Unterdrückungs-Apparat wird entlarvt. Stattdessen wird der Vatikan als kafkaeske Institution vorgeführt. Seelenlos. Ohne menschliche Nähe, ohne Bezug zur Transzendenz. Eine anonyme Akten-Maschinerie. Die auftretenden Priester, wie der holländische Geistliche Pater de Vos, sind keine Gnadenspender, sondern distanzierte Bürokraten der Macht. „Die Tür öffnete sich. Pater de Vos stand darin. Als er mich erblickte, trat er stumm zur Seite, um mich einzulassen. (...) Pater de Vos schloss inzwischen die Tür. Er tat das langsam, sorgfältig, als handelte es sich nicht um eine große Tür, sondern um den Deckel einer alten Schatulle. Dann erst begrüßte er mich; aber sein Händedruck war eher eine flüchtige Berührung. (...) Eine Weile herrschte Schweigen.“

Auch andere dem Vatikan nahestehende Personen, wie der Anwalt Campilli und sein polnischer Schwiegersohn Wieœnie-wicz, werden als geschäftstüchtige Katholiken vorgeführt, die zwischen Lust, Luxus und Langeweile ihr dekadentes Dasein fristen. „Er handelt mit verschiedenen Ritterwürden dieses Kreuzordens, für den er arbeitet. Von dem einen nimmt er mehr, von dem anderen weniger, je nach den Umständen.“ Auch die polnischen Emigranten in Rom werden von Breza als misstrauische, kleingeistige Clique dargestellt, denen das Leben im Westen mehr Melancholie als Freiheitsgefühle beschert. Einzig eine Gestalt wird neben dem Vater idealisiert beschrieben: Ein junger Landpfarrer, der nach einer Buchpublikation Probleme mit dem Vatikan hat. Ein Mann mit sozialistischen Gerechtigkeitsideen – Breza schildert ihn mit den wärmsten, mitfühlendsten Impressionen.

Was trieb den Autor neben der Denunziationsabsicht zu diesem Thema? Die Antwort liefert die Biografie. In jungen Jahren war Breza in einem Benediktiner-Kloster in Belgien. Er sollte zum Missionar für die polnische Heimat ausgebildet werden, wo damals keine Klöster der Benediktiner existierten. Doch die Lektüre humanistischer Schriftsteller fesselte den jungen Breza mehr als das spirituelle Leben, das Gebet. Als der Abt davon erfuhr, warf er Breza hinaus. Ein Schock-Erlebnis, das Breza offensichtlich niemals recht verdaut hat. Trotz einer erfolgreichen Laufbahn als Jurist und Beamter und eben als Kulturattaché. Neben Rom verbrachte Breza auch Arbeitsjahre in London.

Die Geschichte des Rechts ist ein weiteres Thema, das in „Audienz in Rom“ auftaucht. Geht es dem jungen Polen doch darum, die etymologische Herkunft der Bezeichnung Rota für den vatikanischen Gerichtshof wissenschaftlich zu ergründen. Am Ende scheitert der junge Mann auch dabei. „Ich habe nichts erledigt. Ich habe das wissenschaftliche Problem nicht gelöst, das, wie es scheint, bald auch ohne mich gelöst sein wird.“ Ein Scheitern, welches das Scheitern des Systems, das er repräsentiert, vorwegnimmt.

Nun kann man Breza posthum keine neuen Vorwürfe für sein kommunistisches Propaganda-Werk machen. Gespenstisch mutet es jedoch an, wenn das verführte und verführerische Denken des Autors im Nachwort von Klaus Lüderssen, einem emeritierten Professor für Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie an der Universität Frankfurt am Main, derart unkritisch kommentiert und Breza sogar in den Rang eines Flaubert, Gombrowicz oder Kafka erhoben wird. Will der Verlag University Press Berlin damit eine neue Stalin-Renaissance einläuten?

Aus Respekt vor den Opfern des Kommunismus gebietet es sich, das Buch in der derzeitigen Fassung vom Markt zu nehmen und es mit einem kritischen Erläuterung zu versehen, wobei die zahlreichen Rechtschreibfehler und die unnötig fehlende Übersetzung polnischer Stadtnamen gleich mit behoben werden könnte. In dieser Form ist das Buch als Neuausgabe ein Skandal. Ein fortgesetzter Angriff auf die Kirche. Eine Verhöhnung der Opfer des kommunistischen Totalitarismus.

Tadeusz Breza: Audienz in Rom. Berlin University Press, 2012, 320 Seiten, ISBN 978-3-86280-026-1, EUR 22,90