Eine gut gemeinte Hilfe

Im Kino: Das deutsche Drama „Die Farbe des Ozeans“ und die amerikanische Komödie „Lachsfischen im Jemen“. Von José García

Zola (Hubert Koundé) landet mit seinem siebenjährigen Sohn Mamadou (Dami Adeeri) und anderen Flüchtlingen aus Senegal auf den Kanarischen Inseln. Die deutsche Urlauberin Nathalie versucht, ihm zu helfen. Foto: movienet
Zola (Hubert Koundé) landet mit seinem siebenjährigen Sohn Mamadou (Dami Adeeri) und anderen Flüchtlingen aus Senegal au... Foto: movienet

Jahr für Jahr versuchen tausende Afrikaner die „Festung Europa“ zu erreichen. Viele ertrinken oder verdunsten auf der Überfahrt von Libyen nach Italien oder von Senegal auf die kanarischen Inseln. Wer es jedoch nach durchschnittlich zehn Tagen schafft, etwa auf einer der kanarischen Insel zu landen, tut gut daran, seine Herkunft zu verschleiern. Denn ohne bekanntes Stammland keine Abschiebung. Sie dürfen dann im Land bleiben, obwohl sie keine Arbeitserlaubnis erhalten. In Maggie Perens nun anlaufendem Spielfilm „Die Farbe des Ozeans“ weigert sich denn auch Zola (Hubert Koundé), der mit seinem siebenjährigen Sohn Mamadou (Dami Adeeri) und anderen Flüchtlingen aus Senegal die Kanareninsel erreicht hat, beharrlich, sein Geburtsland preiszugeben. Allerdings hat Zola nicht mit dem unerbittlichen Polizisten José (Alex Gonzalez) gerechnet, dem die dortigen Verhältnisse, aber auch familiäre Probleme jedes Mitgefühl gegenüber den Bootsflüchtlingen geraubt haben. Mitleid erwecken Zola und sein Sohn freilich bei der deutschen Urlauberin Nathalie (Sabine Timoteo), die zusammen mit ihrem Freund Paul (Friedrich Mücke) über Sylvester einige Tage auf den Kanaren verbringt. Da sie bereits Zeugin der Ankunft des senegalesischen Boots geworden und in Kontakt mit Zola getreten war, bittet er sie um finanzielle Hilfe, um auf das spanische Festland zu gelangen, als ihm die Flucht aus dem Internierungslager gelingt.

In ihrer zweiten Regiearbeit entwirft die mehrfach ausgezeichnete deutsche Drehbuchautorin Maggie Peren eine komplexe Geschichte, die drei unterschiedliche Handlungsstränge miteinander verknüpft: Neben dem Drama um Zola und seinen Sohn Mamadou beleuchtet sie das von Misstrauen und Härte diktierte Handeln Josés sowie die naive, vom schlechten Gewissen der Überflussgesellschaft diktierte Einstellung Nathalies. Dass alle drei Handlungsstränge in einem dramaturgisch stimmigen Gleichgewicht zueinander stehen, ist ohne Zweifel das Verdienst des von der Regisseurin selbstverfassten Drehbuchs, aber sicherlich auch des Schnitts von Simon Blasi, der das richtige Tempo für die Figuren- und Handlungsentwicklung findet. Weil sich im Gegensatz zur Gutmenschen-Einstellung Nathalies gut gemeinte Hilfe als wenig hilfreich erweist, stellt Perens Film durchaus aktuelle moralische Fragen.

Mit „Lachsfischen im Jemen“ verfilmt der schwedische, seit langem in Hollywood arbeitende Regisseur Lasse Hallström den gleichnamigen Roman von Paul Torday. Dass im Jemen Lachse fischen zu wollen ziemlich abstrus klingt, gibt Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor), ein internationaler Experte in Lachs- und Forellenzucht, zu bedenken, als Harriet Chetwode-Talbot (Emily Blunt) mit einem solchen Angebot an ihn herantritt. Sie handelt im Auftrag von Scheich Muhammad ibn Zaidi bani Tihama (Amr Waked), einem passionierten Fliegenfischer aus dem Jemen, der nordeuropäische Lachse in den Wadis des Wüstenstaates ansiedeln möchte. Wobei selbstverständlich die Kosten überhaupt keine Rolle spielen. Der im Ministerium arbeitende Wissenschaftler verwirft zwar die Idee als völlig widersinnig, muss aber in den sauren Apfel beißen, als die PR-Beraterin des britischen Premierministers, Patricia Maxwell (Kristin Scott Thomas), von dem Projekt erfährt. Denn für sie ist es eine willkommene Chance, die Medien von den zumeist unerfreulichen Nachrichten aus dem Nahen Osten abzulenken. Dr. Jones muss also einen Weg finden, um zehntausend schottische Lachse lebend in die Wüste zu bringen und dort ideale Voraussetzungen zum Laichen zu schaffen.

Regisseur Lasse Hallström stellt die zwei Hauptcharaktere betont gegensätzlich dar: Arbeitet die modern gekleidete Harriet in einem weiträumigen Büro, so scheint der etwas altmodische auftretende Alfred seinen Arbeitsplatz in einer Art Kabuff zu haben. Weil sich im Film aber die Gegensätze anziehen, kommen sich Miss Chetwode-Talbot und Dr. Jones ziemlich vorhersehbar bald näher. Zumal Drehbuchautor Simon Beaufoy und Regisseur Hallström Alfreds Ehe in eine handfeste Krise hineingeraten und Harriets Freund als vermisst in Afghanistan gelten lassen. Dadurch stellt „Lachsfischen im Jemen“ die Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, wozu der Regisseur teilweise schmachtende Filmmusik und ausgesucht wunderschöne Landschaftsaufnahmen einsetzt – was allerdings einen geradezu süßlichen Beigeschmack erhält. Schwerer wiegt es jedoch, dass es Lasse Hallström kaum gelingt, diese unterschiedlichen Tonarten miteinander zu vereinbaren. Dennoch: Dialoge mit hintergründigem Humor, die wunderbar ironische Kristin Scott Thomas und die zwei großartig agierenden Hauptdarsteller Ewan McGregor und Emily Blunt, die aus ihren holzschnittartigen Rollen das Beste herausholen, entschädigen für die vorhersehbaren Wendungen in der Dramaturgie.