Eine Frage, die Generationen beschäftigt

Noch immer ein Rätsel – Unterschiedliche Betrachtungen zum Holocaust in einem lesenswerten Sammelband. Von José García

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin. Stelenfeld mit Besuchern. Foto: Priske
Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin. Stelenfeld mit Besuchern. Foto: Priske

Gegen die immer wieder zu hörenden Stimmen, die über eine mediale Übersättigung mit dem Nationalsozialismus und insbesondere mit dem Holocaust klagen, versammelt Harald Roth in „Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten“ die auf eigenen Erfahrungen oder auch auf wissenschaftlicher Arbeit basierende Erwiderung von 38 Autoren (einer der Beiträge wurde von zwei Wissenschaftlern verfasst). Das Buch wendet sich vorwiegend an junge Menschen, so der ehemalige Lehrer Harald Roth im Vorwort zu seinem Sammelband. Unmittelbar an die Adresse derjenigen, die eine weitere Beschäftigung mit dem Holocaust für überzogen halten, richtet Roth das Argument: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung“.

Diesen Gedanken führen in „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“ gleich mehrere Autoren weiter, so etwa auch Aleida Assmann, Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz: „Wie können wir uns an etwas erinnern, das wir gar nicht selbst erlebt haben? So fragen viele Jugendliche, die inzwischen in der dritten und vierten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust geboren wurden. Sie haben alles Recht, so zu fragen, und in ihrer Situation sind ja auch bald alle anderen Menschen.“

Sehr breit gefächert nimmt sich die Auswahl der Autoren aus. Im unterschiedlichen Alter vom 1913 geborenen (und 2012 gestorbenen) Edward Kossoy bis zum 1985 geborenen Johannes Kiess spiegeln sich vier Generationen wider. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Erfahrungen und die Beschäftigung der Autoren mit dem Holocaust: Inge Deutschkron überlebte den Krieg versteckt in Berlin, der bereits erwähnte Edward Kossoy konnte von Polen in die Sowjetunion und von dort über Teheran nach Palästina emigrieren, Max Mannheimer überlebte Auschwitz, Warschau und Dachau. Zu den in der Ich-Form verfassten Erinnerungen der Betroffenen erzählen andere Autoren die Erlebnisse von Verfolgten nach. Einen allgemeinen Überblick über die Lager und die Ghettos bietet Sybille Steinbacher, wobei sie auch die Rolle der „Judenräte“ anspricht: „Als die Transporte in die Vernichtungslager begannen, wurden die Judenräte gezwungen, die Namenslisten derer zusammenzustellen, die deportiert werden sollten. Damit standen sie vor einem unlösbaren Dilemma. Viele kooperierten, um, wie sie meinten, Schlimmeres zu verhindern und weil sie dachten, zumindest einen Teil der Bewohner retten zu können. Aber die Juden im Ghetto lebten und handelten unter Bedingungen, die für sie kein Überleben vorsahen.“ Über das Schicksal der drei Sinti Josef Muscha Müller sowie Hugo und Mano Höllenreiner berichtet Anja Tuckermann in „Weil wir Sinti sind“: Sie lebten als Kinder mehr als zwei Jahre lang in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern.

Über Menschen, die ihr Leben riskierten, um sich dem Nazi-Regime zu widersetzen, referieren etwa Hermann Vinke in einer kurzen Biografie von Wilm Hosenfeld, der den Pianisten Wladyslaw Szpilman und viele andere Menschen rettete, sowie Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Beitrag über Axel Busche und Fritz-Dietlof von der Schulenburg.

Den meisten Beiträgen ist trotz unterschiedlicher Blickpunkte die Frage gemeinsam: „Hätte man den Holocaust verhindern können?“, so der Titel des Beitrags von Hans-Jochen Vogel. Zusammenhängend damit fragt Bernward Dörner: „Was wussten die Deutschen vom Völkermord an den Juden?“. Der Bezug zur Gegenwart spielt eine ebenso bedeutende Rolle, etwa im Text von Wolfgang Seibel „Was hat die ,Banalität des Bösen‘ mit mir zu tun?“. Darin untersucht er die Beschäftigung mit dem Holocaust in den Jahrzehnten nach dem Krieg. Lange Zeit habe sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR eine Ideologie dominiert, so Seibel, „dass die Massenverbrechen des Nazi-Regimes von einer kleinen Clique – in der DDR sagte man: von Faschisten, im Westen: von SS und Gestapo – verübt worden waren und dass der gemeine Mann nicht das Geringste damit zu tun gehabt habe. Keiner fragte, wie die Registrierung, Kennzeichnung, Ausplünderung, Verhaftung, Verschleppung und Ermordung von sechs Millionen Menschen von einer kleinen Clique hätten organisiert und vollstreckt werden können.“

Dem Thema „Nach Auschwitz an Gott glauben?“ widmet sich Karl-Josef Kuschel im gleichnamigen Beitrag. Kuschel zitiert einerseits aus einem Gespräch des „Spiegels“ mit Max Horkheimer 1970: „Theologie ist – ich drücke mich bewusst vorsichtig aus – die Hoffnung, dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge … Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.“ Ähnlich argumentiert Emil Fackenheim, den Kuschel ebenfalls anführt: „Sich als Jude nach den Erfahrungen des Holocaust dem Atheismus auszuliefern, hieße, Adolf Hitler und seinen Schergen noch nachträglich einen ,posthumen Sieg‘ zu verschaffen.“

Die Frage, die sich Generationen stellen werden, auf die es womöglich gar keine befriedigende Antwort gibt, formuliert Inge Deutschkron folgendermaßen: „Fragt man Überlebende nach ihrem Begreifen, stehen auch sie heute noch vor einem Rätsel, wie es möglich war, dass Tausende von oft bürgerlich wohlerzogenen und gebildeten Deutschen sich dem Morden anschlossen, als ob sie nur ein paar Unkräuter ausrissen.“ Obwohl „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“ nicht vorwiegend auf unbekannte Aspekte des Themas zielt, handelt es sich bei Roths Sammelband um eine lohnende Lektüre – nicht nur für Jugendliche.

Harald Roth (Hg.), „Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten“. Pantheon, 304 Seiten, EUR 14,99