Ein verlorener Weinliebhaber

Paul Torday erzählt eine britische Geschichte

„Wilberforces Blick ging zur Decke, so dass er anscheinend nicht merkte, wie das volle Glas an seine Lippen kam und das leere wieder hinunter.“ Achtung, Weinliebhaber: ein Roman, der mit diesem Zitat beginnt, birgt Gefahren in sich. Möglicherweise entwickelt man während der Lektüre eine heftige Abneigung gegen den Abendschoppen und sich selbst zum Abstinenzler.

Frankie Wilberforce, die Hauptperson von Paul Tordays dramatischer Geschichte „Bordeaux“, ist Anfang dreißig und mit seinem IT-Unternehmen so erfolgreich, dass für ein Privatleben keine Zeit bleibt. Alkohol interessiert ihn nicht, er mag ihn nicht einmal – bis er eines Tages den älteren exzentrischen Landlord Francis Black kennenlernt, schließlich befinden wir uns in England.

Diese Begegnung verändert alles. Wilberforce fühlt sich zu dem Guts- und Weinkellerbesitzer hingezogen, wird in die feine Gesellschaft junger und hedonistischer Adliger eingeführt, er verliebt sich in eine Frau aus der Clique, die eigentlich einem anderen zugehört und stürzt sich Hals über Kopf in ein Leben, von dessen Existenz er bis dahin nichts ahnte. Vor allem aber wird er von Francis Black in die Kunst des Weintrinkens eingeführt.

Der bis dato desinteressierte Asket entwickelt eine obsessive Leidenschaft für Wein, hauptsächlich für teuren Bordeaux. Er verkauft seine Firma, um Haus und Wein von seinem kranken väterlichen Freund übernehmen zu können, der ihn als Nachfolger auserkoren hat, wohl erkennend, ein dankbares Opfer gefunden zu haben.

Frankie Wilberforce ruiniert sich innerhalb dreier Jahre vollständig, finanziell, körperlich und geistig. Die geliebte Frau, die er dem Freund abspenstig macht und die ihn gegen den Widerstand ihrer Familie und ihrer Freunde heiratet, fährt er betrunken in den Tod, ist aber zu diesem Zeitpunkt schon so demoralisiert, dass er keinerlei Schuldgefühle verspürt.

Dieser äußerst raffiniert gebaute Roman beginnt mit dem Ende im Jahre 2006 und arbeitet sich zurück in das Jahr 2002, in dem die schicksalhafte Begegnung von Frankie Wilberforce und Francis Black stattfindet.

Das torkelnde Wrack, dem wir gleich zu Anfang begegnen, hat nur noch ein Ziel: einen seltenen 82er Château Pétrus, der für 3 000 Pfund in einem Feinschmeckerlokal angeboten wird. Das letzte Bargeld, das er irgendwo aufgetrieben hat, gibt er dafür aus – die Konten sind restlos überzogen, der Mann ist schwer krank, süchtig, besessen und ausgeliefert. Das ist abstoßend, gleichzeitig aber auch faszinierend in seiner Unbedingtheit. Man möchte erfahren, welches Schicksal, welche Eigendynamik diesen Menschen auf den Weg zu seiner ganz persönlichen Hölle gebracht haben, aus der es für ihn kein Zurück gibt.

Und das gelingt im Rückblick. Der junge Mann, der sein Leben ausschließlich der Arbeit widmet, verfällt einer neuen Sucht – der Leidenschaft für den Wein. Er erfährt – zunächst – Zuneigung und Interesse von einer Welt, die ihm bis dahin verschlossen war und die ihn als neues Spielzeug, als Hofnarren und Abwechslung in ihren erstarrten Ritualen willkommen heißt. Und er lässt sich überwältigen, liefert sich aus, ohne Selbstkontrolle, bis zur völligen Zerstörung, nicht nur seiner selbst.

Es ist eine Geschichte von Obsession, Sucht, Leidenschaft, Loyalität und der Macht des Schicksals, ein fast viktorianischer Schauerroman, verlegt in die Jetztzeit. Sehr britisch, sehr humorvoll, sehr sarkastisch, aber auch sehr ernsthaft. Und sie zwingt den Leser zur Selbstreflektion über eigene Gewohnheiten, Abhängigkeiten und das Vertrauen in sich selbst – und in die höhere Macht, die unser Leben begleitet und uns immer wieder vor die Entscheidung stellt, welchen Weg wir gehen wollen.

Der Autor Paul Torday, geboren 1946, studierte Englische Literatur in Oxford. Seit über dreißig Jahren arbeitet er als Unternehmer im Ingenieurwesen. Sein erster Roman Lachsfischen im Jemen wurde zu einem internationalen Bestseller. Paul Torday lebt in Nordengland.