Ein ungetrübter Ort zum Sein

Botho Strauß zeigt uns die Straßen seiner „Herkunft“ – Das Buch ist ein großartiges Stück literarischer Erinnerungskultur. Von Björn Hayer

Sprachnot und Kommunikationsprobleme charakterisieren immer wieder die Figuren in den Stücken von Botho Strauß. Hier die australische Schauspielerin Cate Blanchett in „Groß und Klein“. Foto: dpa
Sprachnot und Kommunikationsprobleme charakterisieren immer wieder die Figuren in den Stücken von Botho Strauß. Hier die... Foto: dpa

„Man altert, trotz der sozialen Bedeutungslosigkeit von Tradition, immer noch geradewegs in das hinein, was man einst als rettungslos veraltet empfand. Vielleicht sucht man auch nur die letzten Spuren einer Überlieferung für sich selbst zu sichern, und dann tut sich auf einmal unter dem klapprigen, zugigen Verschlag einer deutschen Nachkriegsherkunft ein fester Boden auf.“ Was bleibt von einem Leben, einer Kindheit, einem Ort des Aufwachsens? Ungewöhnlich nah lässt uns Botho Strauß in seinem schmalen Buch „Herkunft“ an seine Jugendjahre in Bad Ems heran, erzählt von Schulfreunden, ersten Konzerten und offenbart in schillernder Klarsichtigkeit, was Erinnerung zu leisten vermag: Selbstvergewisserung und Identität, eben die Freilegung eines „festen Boden“.

Darüber liegt jedoch noch manch Unsortiertes, Loses, eine Schicht differenten Materials, worin sich erst allmählich eine Ordnung bringen lässt. Allen voran die Figur des Vaters zieht sich wellenförmig und in aller Widersprüchlichkeit durch das Memorandum. Es ist ein Mann, den, wie wir erfahren, das Leben gezeichnet hat, ein Kriegsinvalider und Spätenttäuschter über die desillusionierende Wirklichkeit an der Front.

Vater – „zuverlässig, untadelig, gewohnheitsstiftend“

Was auf das knappe Überleben folgt, ist eine kleinbürgerliche Existenz im Rheinland. „Die Schritte, die Geräusche, die Stimme des Vaters im Flur, zuverlässig, untadelig, gewohnheitsstiftend“ – so verlaufen die Tage im Westen, wo das Familienoberhaupt als studierter Pharmazeut mit Medikamentengutachten den Lebensunterhalt verdient. „Mein Vater war Alchemist. Er stand in der Verwandlung der Stoffe. Er wusste: was ist, ist kombinier-, legierbedürftig zu dem, was besser wäre. Dieses Programm, einmal angenommen, bekommt man so schnell nicht wieder aus dem Blut. Mit ihm gelangt man niemals zu beständiger Festigkeit.“ Dass Strauß offensichtlich Zeit seines Lebens nie eine ganz zweifelsfreie Beziehung zu diesem ehrgeizlosen Bürokraten der chemischen Mixturen gefunden hat, wird an so einprägsamen Sätzen wie diesen deutlich. In ihnen wohnt eine leise Bewunderung. Sie zollen Respekt für das, was erreicht ist. Und doch verschweigt sein literarisches Denkmal an keiner Stelle das Scheitern an der Mittelmäßigkeit.

Wie in fast all seinen Büchern ringt der Kulturkritiker um einen konsistenten Nukleus, sucht nach dem überzeitlichen Moment und fragt nach Tradition und Werten. Auch auf diesem sehr intimen Spaziergang in die Vergangenheit bleibt sich der am 2. Dezember 1944 geborene Autor treu. Mehr noch: Er führt uns an die Wurzeln seines Denkens und Weltverständnisses. Wenn er heute in seine „Frühe wie in die blaue Kugel des Magiers“ blickt, sticht neben Schulkameraden auch sein Lehrer Telkrath als frühes Bildungsidol hervor, der den späteren Poeten „vom ,Bravo‘-Leser zum ,Tristan‘-Schwärmer veredelte“. Hinzu kommen die ersten Kulturkontakte: Aufgewachsen zwischen Grimms Märchen und Karl May, beginnt der Knabe bald schon mit dem Schreiben, entwickelt sich zum begeisterten Comic-Leser, besucht im Kursaal Gastspiele wie „Zar und Zimmermann“ oder „Boeing-Boeing“.

Bad Ems erscheint in der Nachkriegszeit als Stadt, wo die Moderne noch keine Expansion gezeitigt hat, wo eine beinah unglaubwürdige Langsamkeit der Tage zu beobachten ist. Alles wirkt gediegen und noch vom Nebel alter Zeiten eingehüllt: Da der Kolonialladen von Herrn Becker, wo der Junge abends zumeist einige Bierflaschen für die Eltern besorgt, dort „mein geliebtes Kursaaltheater“, barock und überzeitlich. Nachdem Strauß seit Anbeginn seines Schaffens gegen die epochalen Moden anschreibt, dient ihm die Erinnerung dieses feinfühligen Neulings als Modus der Bewahrung. Aus den beschaulichen Verhältnissen seines Heranwachsens entspinnt er eine Poetik der besinnlichen Konservierung. Er rettet in Sprache, was der Wind der Zeit samt all seiner medialen und wirtschaftlichen Umbrüche wegzufegen droht.

Und gleichzeitig hat man nur selten den Eindruck, man würde einen Abgesang auf die rheinland-pfälzische Kur-Provinz lesen. Zwar kehrt der Ich-Erzähler dorthin zurück, weil er die elterliche Wohnung räumen muss. Doch sein Gedächtnis und das darin angelegte Album einer lange zurückliegenden „Damaligkeit“ ist uns näher als die unmittelbare Realität. Natürlich schwingt in den Zeilen überall ein Blues des nostalgisch begleiteten Verdämmerns mit. Einstmals logierten dort „Liszt, Lassalle, Gogol, Jenny Lind und Alfred Krupp. Nie wieder wird es hier berühmte Kurgäste geben.“ Doch die Rührseligkeit bezwingt der Autor in der literarischen Kreation. Die Perspektive vergangener Tage überwölbt das Hier und Heute, wodurch keine Larmoyanz über etwas Verlorenes entsteht. Denn es realisiert sich erneut im Schreiben und der Lektüre.

Schreiben ist Stabilisierung im An- und Gedenken

Pointiert lesen wir von Durchdringungen von Zeit und Raum, ja, von Multiperspektivität: „Die Zeit unseres Erlebens läuft nicht in eine Richtung ab wie die Lebenszeit. Sie springt vor und zurück; innerhalb des unvermeidlichen Fort-Schritts gibt es Frei- und Stauräume, in denen zeitliche Unordnung herrscht, Gegenwart und Vergangenheit ihre Richtungspfeile verlieren, und das, was längst zum Bestandenen gehört, taucht noch einmal unbestanden auf.“

So sind Mutter, Vater und Oma, diese „Gespielin meiner Kindertage. Die Gütige, die Unbewegliche“ ungemein gegenwärtig. Selbst die Sänger und Schauspieler des Kursaaltheaters erstehen vor unserem geistigen Auge zu neuem Leben. So reiht sich Strauß' bewegende wie sprachlich virtuose „Vergangenheitsüberwältigung“ in eine neue Form der zeitgenössischen Erinnerungsliteratur ein. Ihr Anliegen ist es weniger, die deutsche Geschichte für die Nachkommenschaft festzuhalten, als vielmehr dem Bleibenden einen Raum innerhalb einer beschleunigten Gesellschaft einzuräumen. Schreiben bedeutet demzufolge Innehalten, Stabilisierung im An- und Gedenken. Solche Bücher erweisen sich als imaginäre Orte der Beständigkeit. Kein Lob genügt, um Wahrhaftigkeit und Größe von „Herkunft“ ausreichend zu erklären. Es holt uns schlichtweg an jenen Punkt zurück, wo freies Menschsein wieder möglich wird.

Botho Strauß: Herkunft. Hanser Verlag 2014, 96 Seiten, EUR 14,90