Ein unerhörter Entschluss: Über den Film

Zur Nonne berufen: Die Drehbuchautorin und Regisseurin Anne Wild über ihren Kinofilm „Schwestern“. Von José García

Mit Katies Entschluss, ins Kloster einzutreten, hadern aus unterschiedlichen Gründen sowohl ihre Mutter Usch (Ursula Werner, links) als auch ihre um Einiges ältere Schwester Saskia (Maria Schrader). Foto: farbfilm
Mit Katies Entschluss, ins Kloster einzutreten, hadern aus unterschiedlichen Gründen sowohl ihre Mutter Usch (Ursula Wer... Foto: farbfilm
Ihr Film „Schwestern“ behandelt ein eher ungewöhnliches Thema: Eine junge Frau, die sich zu einem Klostereintritt entscheidet. Wie kamen Sie auf diesen Stoff?

Menschen, die Dinge tun, die ich nicht verstehe, finde ich erst mal sehr interessant. Warum geht eine junge Frau heute ins Kloster? Was ist da passiert? Und so bedingungslos einem Gefühl zu folgen. Seiner Liebe – auch der Liebe zu Gott. Das finde ich großartig. Es interessiert mich, von diesem unerklärlichen Moment zu erzählen.

Der jungen Generation wird nachgesagt, dass sie kaum bindungsfähig sei. Steht nicht eine Entscheidung für das ganze Leben im Gegensatz dazu?

Ja natürlich. Heute haben wir fast unbegrenzte Möglichkeiten. Das ist großartig und erschreckend zugleich. Jede Entscheidung ist von der Angst begleitet, es könnte die falsche gewesen sein. Freiheit lähmt, statt zu beflügeln. Je komplizierter und unübersichtlicher die Welt wird, umso schwerer ist es, einen Instinkt zu behalten für das, was ich eigentlich will und was gut für mein Leben ist. Und eine radikale Entscheidung wie der Eintritt ins Kloster bedeutet natürlich auch den Verzicht auf andere Möglichkeiten.

Über die Entscheidung der von Marie Leuenberger gespielte Kati erfährt der Zuschauer eher wenig. Der Film erzählt eher aus der Perspektive ihrer Familie, die sich mit dieser Entscheidung schwer tut.

Der Glaube Katis ist der Auslöser des Films. Er ist die Projektionsfläche, an der die anderen sich abarbeiten. Etwas Ungreifbares. Das Ensemble bot eine wunderbare Möglichkeit, diese Provokation mit äußerst „weltlichen” Menschen zu erforschen. So verschieden, wie jede der Figuren ist, so unterschiedlich findet jede auch ihre ganz eigene Antwort auf die Frage: Warum hat Kati das getan?

Die unterschiedlichen Figuren aus der Familie reagieren auch verschieden. Onkel Rolle, der Naturwissenschaftler, mag nur daran glauben, was er sieht. Bekommt aber nicht auch sein Weltbild Risse?

Ich habe selbst einen Onkel, der eigentlich an nichts Übernatürliches glaubt, aber in dessen Leben einige unerklärliche Dinge passiert sind. So ist er zum Beispiel aus irgendeiner Eingebung nicht in ein Flugzeug eingestiegen, das abgestürzt ist. Und das ist schon beeindruckend gewesen. Ich glaube, auch für ihn.

Für diese Rolle haben Sie den berühmten dänischen Schauspieler Jesper Christensen verpflichtet. Wie kamen Sie auf ihn?

Ulrike Müller, unsere Casterin, schlug ihn vor. Jesper Christensen hat viele dramatische Rollen, auch als Bösewicht, gespielt. Es interessierte ihn glücklicherweise, eine so heitere Rolle zu spielen. Jedenfalls hat er sofort zugesagt. Wir haben ihn als Patenonkel, als einen Freund der Familie eingeführt. Es wäre heutzutage ja auch nicht unbedingt außergewöhnlich, dass nicht die gesamte Verwandtschaft deutsche Wurzeln hat.

Katis Mutter Usch zeigt sich besonders entsetzt über die Entscheidung ihrer Tochter. Warum reagiert sie so extrem?

Sie gehört zu einer Generation, die auf die Straße gegangen ist, um für Freiheit und gegen die Institutionen zu protestieren. Gerade als Frau war für sie die Freiheit und die Möglichkeit der uneingeschränkten Selbstverwirklichung nicht selbstverständlich. Dementsprechend fassungslos ist sie über Katis Entscheidung, ausgerechnet in einen katholischen Orden einzutreten. Sie kann nicht verstehen, dass ihre Töchter, die mit all diesen Freiheiten und Möglichkeiten aufgewachsen sind, sie nicht nutzen, sondern sich in ihren Augen davon eher überfordert fühlen. In ihrem tiefsten Inneren fragt sie sich natürlich: „Was hab ich falsch gemacht?“

Im Mittelpunkt Ihres Films steht ja die Beziehung zwischen Kati und Saskia – nicht umsonst heißt ja der Film „Schwestern“. Können Sie diese Beziehung erläutern?

Ja, die Schwestern sind sich wichtig. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ Ich denke, Kati war Saskia etwas wie Heimat. Und umgekehrt war sie für Kati immer die bewunderte große Schwester. Die um Rat gefragt wurde, die wusste, wo es langgeht. Irgendwie hat sie an diesem Nachmittag das Gefühl, sie wird gerade überholt. Und sie will Kati nicht verlieren oder vielleicht will sie auch sich in Katis Augen nicht verlieren. Ich glaube, es ist so, dass sie am Ende selbst besser kann, was Kati bisher immer getan hat.

Einige Szenen wirken sehr authentisch, so etwa als die Familienmitglieder in die Kirche kommen und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Wie haben Sie die Darsteller geführt?

Das stand bereits im Drehbuch. Und die Schauspieler haben natürlich auch jede Menge wunderbarer Ideen zu ihren Figuren entwickelt. Wenn man so einen Kirchenraum betritt, macht das auch einfach etwas mit einem.

Wo haben Sie gedreht? Kommen in Ihrem Film auch echte Nonnen vor?

Die Außenaufnahmen haben wir in der Erzabtei Beuron, in Bebenhausen und im wunderbaren Kloster Habsthal in der Nähe von Sigmaringen gedreht. Einige dieser Benediktinerinnen sind in der Tat im Film zu sehen. Viele Schwestern haben mir auch im Vorfeld mit ganz persönlichen, beeindruckenden Gesprächen sehr geholfen. Einige Schwestern aus Siessen kamen zur Premiere in Baden-Württemberg. Ihnen hat der Film sehr gefallen, was für mich eine Art Feuertaufe war. Als wir mit dem Film in einer tiefen Krise steckten, sagten die Schwestern zu mir: „Wir beten jetzt mal für Sie.“ Das war sehr schön.

Ein heißer Sommertag in Süddeutschland. Die Mitglieder der Familie Kerkhoff treffen nach Jahren wieder zusammen – aus einem Anlass, der eigentlich sie alle verblüfft: Das Nesthäkchen Kati (Marie Leuenberger) hat sich entschlossen, in ein Kloster einzutreten. An diesem Sonntag soll sie feierlich eingekleidet werden. Weil sich aber aus unerklärlichen Gründen die Zeremonie verzögert, tritt die Familie wieder ins Freie. Der Aufschub gibt den Familienmitgliedern Gelegenheit, ein Picknick zu machen. Er ist aber auch ein willkommener Anlass, damit sich die durch und durch weltliche, kirchenferne Familie mit einer Entscheidung auseinandersetzt, die sie sichtlich überfordert. Drehbuchautorin und Regisseurin Anne Wild entwirft das Porträt einer modernen Familie, in deren Mitglieder auf je unterschiedliche Art und Weise der unerhörte Entschluss sich widerspiegelt. Der gottlose Onkel findet keinen „vernünftigen“ Grund für Katis Entscheidung, Katis Mutter Usch (Ursula Werner) regt sich besonders deswegen auf, weil ihre Tochter genau das Gegenteil von dem tut, was sie ihr beigebracht hat. Katis ältere Schwester Saskia (Maria Schrader), die bisher kein Ziel für ihr Leben gefunden hat, fragt sich: „Warum ist meine Schwester plötzlich berufen? Und warum bin ich es nicht?“ Die Auseinandersetzung mit Katis Entschluss kreist letztlich um die Frage: Was ist Berufung? Wie kann Gottes Ruf vernommen werden? JG