Ein richtiges Leben im falschen

Eine ausgefallene Ausgangslage erlaubt dem Film „Der Sohn der Anderen“, Chancen für ein Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern zu zeigen. Von José García

Zwei gegensätzliche Familien, deren Kinder bei der Geburt vertauscht wurden: Orith (Emmanuelle Devos) und Alon Silberg (Pascal Elbé, links) sind Israelis, Leila (Areen Omari) und Said (Khalifa Natour, rechts) aber Palästinenser. Foto: FilmKinoText
Zwei gegensätzliche Familien, deren Kinder bei der Geburt vertauscht wurden: Orith (Emmanuelle Devos) und Alon Silberg (... Foto: FilmKinoText

Kürzlich wurde an dieser Stelle der auf DVD veröffentlichte Spielfilm „Like Father, Like Son“ (DT vom 5. September) des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda vorgestellt, der von zwei bei der Geburt vertauschten, sechsjährigen Jungen handelte. Hirokazu Kore-eda erzählt insbesondere aus der Perspektive der Familien, wie sie diese schwierige Situation zu meistern versuchen. Spielen in „Like Father, Like Son“ die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den zwei Familien eine wichtige Rolle, so werden die Gegensätze in Lorraine Lévys „Der Sohn der Anderen“, der um das gleiche Grundthema kreist, noch extremer. Denn in Lévys Film stellt es sich heraus, dass ein israelischer und ein palästinensischer Junge bei der Geburt vertauscht wurden.

Als Joseph (Jules Sitruk) bei der Musterung in einer Kaserne der israelischen Armee ärztlich untersucht wird, ist der Arzt, ein Kollege von Josephs Mutter, verdutzt: Die Blutuntersuchung ergibt zweifelsfrei, dass Joseph „genetisch unmöglich“ der biologische Sohn von Orith (Emmanuelle Devos) und Alon Silberg (Pascal Elbé) sein kann. Das Krankenhaus in Haifa findet heraus, dass es bei Josephs Geburt zu einer Verwechslung kam. Denn er kam zur Welt 1991 auf dem Höhepunkt des Golfkrieges, als das Krankenhaus evakuiert werden musste. Joseph wurde dabei mit Yacine (Mehdi Dehbi) vertauscht. So erfahren Orith und Alon Silberg sowie Leila (Areen Omari) und Said (Khalifa Natour) Al Bezaaz, dass sie bislang jeweils den „Sohn der Anderen“ aufgezogen haben. Das Besondere an der Situation: Ein Palästinenser wächst als Joseph in einer jüdischen Familie auf, während ein Jude als Muslim Yacine bei einer palästinensischen Familie auf der Westbank lebt.

Bereits beim ersten Kennenlernen der zwei Familien im Krankenhaus wird deutlich, dass die Männer an ihrem Feindbild festhalten. Ähnlich in „Like Father, Like Son“ sind es in „Der Sohn der Anderen“ die Frauen, die aufeinander zugehen. Dazu führt Regisseurin Lorraine Lévy aus: „In der Geschichte gehen die Väter unter in den Strudeln dieser Wahrheit, die sie nicht ertragen können. Statt sich ihr zu stellen, ziehen sie es vor zu flüchten. Der Schmerz lähmt sie. Die Mütter hingegen sind mit sich sehr schnell im Klaren, was den Schmerz natürlich nicht ausschließt.“ Die Regisseurin verdeutlicht dies noch in einer kleinen Szene, als die kleine Tochter der Familie Silberg und die gleichaltrige Tochter der Al Bezaaz ohne jedes Misstrauen miteinander spielen. Natürlich stellt das Drehbuch von Regisseurin Lévy und ihrer Mit-Autoren Nathalie Saugeon und Noam Fitoussi eine Art Versuchsanordnung dar, ob das persönliche Kennenlernen dazu beitragen kann, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Dass dies in der Realität möglich sein kann, haben in den vergangenen Jahren etwa die Dokumentarfilme „Das Herz von Jenin“ (2008), „Nach der Stille“ (2011) und „Cinema Jenin“ (2012) unter Beweis gestellt, die ja eine Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern auf der persönlichen Ebene schildern.

Dennoch erzählt „Der Sohn der Anderen“ eine berührende und nachdenklich machende Geschichte. Das gut getimte Drehbuch bringt dem Zuschauer insbesondere die zwei jungen Männer näher. Joseph hat eine künstlerische Ader und weiß noch nicht, was er eigentlich aus seinem Leben machen soll. Yacine hingegen wirkt zielstrebig: Er hat gerade das Abitur in Paris gemacht, und will dort Medizin studieren. Zwar verwirrt die beiden zunächst einmal die neue Situation („Meine Eltern? Welche?“). Sie arrangieren sich jedoch bald damit, ja sie freunden sich sogar miteinander an. Dazu müssen sie allerdings nicht nur gegen den Widerstand der Väter, sondern auch von Yacines älterem Bruder Bilal (Mahmood Shalabi) kämpfen, der denjenigen, den er bislang als jüngeren (und intelligenteren) Bruder vergötterte, auf einmal als „Besatzer“ ansieht.

Regisseurin Lorraine Lévy drehte den Film in vier Sprachen (Hebräisch, Arabisch, Französisch und Englisch), die eine wichtige Rolle in dem Film spielen: Für die Familie Silberg mit ihren französischen Wurzeln ist Französisch eine zweite Muttersprache. Da wenigstens Leila ebenfalls Französisch beherrscht, haben sie eine gemeinsame Sprache, in der sie kommunizieren können. Bei Said ist dies zwar nicht der Fall, aber er kann sich mit Alon auf Englisch unterhalten. Auf Englisch kommunizieren ebenfalls Joseph und Yacine.

Ohne es eigens zu thematisieren, bietet „Der Sohn der Anderen“ einen Einblick in die unterschiedlichen Welten der zwei Familien. Die Grenzbefestigungen, die Mauer, verwandelt das Dorf der Familie Al Bezaaz fast in ein Gefängnis. Das führt auch dazu, dass der Ingenieur Said als einfacher Kfz-Mechaniker arbeiten muss. Die Familie lebt denn auch in ganz einfachen Verhältnissen. Im Unterschied dazu wohnen die Silbergs in einem komfortablen Haus – Orith arbeitet als Ärztin, Alon als Offizier bei der israelischen Armee. Die zwei Familien trennen nicht nur die Religion und die Kultur, sondern auch die gesellschaftliche Stellung. Deshalb begegnen sie sich zunächst mit großem Misstrauen. Aber durch die Freundschaft zwischen Joseph und Yacine sowie zwischen Orith und Leila entdecken sie auch eine Möglichkeit, miteinander auszukommen. Schließlich – so sagt es Yacine einmal zu Joseph – stammen sie von Isaak und Ismael, den zwei Söhnen Abrahams, ab. Bereits diese Einsicht könnte einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen den beiden Völkern bedeuten.