Würzburg

Ein poetisches Zwiegespräch

Goethes "West-östlicher Divan" wird 200 Jahre alt - und bleibt vielseitig deutbar.

Goethe - Denkmal, Wien
Das Goethe-Denkmal in Wien Foto: Waldteufel/stock.adobe.com

Vor 200 Jahren erschien Goethes Alterswerk „West-östlicher Divan“. Sechs Jahre zuvor erschien in einer Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall „Der Divan“ des persischen Dichters Hafis. Dessen Aperçus passten wunderbar in das Denken des Weimarer Dichterfürsten. Folglich attestierte er seinem Kollegen aus dem 14. Jahrhundert eine „Übersicht des Weltwesens“ und betrachtete ihn fortan als „Zwilling“. Goethes „West-östlicher Divan“ ist aber mehr als eine lyrische Totenbeschwörung. Die Hommage an den Orient darf auch ohne Anflug politischer Korrektheit als poetisches Zwiegespräch über die Grenzen und Jahrhunderte hinweg gelten.

Wie Goethes ganzes Werk, mehr noch die ganze Aufklärung, steht auch der „Divan“ gegen den jüdisch-christlichen Offenbarungsglauben zugunsten einer vermeintlichen Vernunftreligion. Die paradoxe Idee gutmenschlicher Verbrämung allerdings, die in etlichen aktuellen Rezensionen zum 200-jährigen Jubiläum aufblüht, wird dem „Divan“ in keiner Weise gerecht. Der Text ist kein interreligiöser Dialog, hier strotzt es von pantheistischen Floskeln und der Liebesgrütze eines ergrauten Schwerenöters. Immerhin verrät der Weimarer Altmeister im 2. Kapitel, um wen es wirklich geht: „Doch Abraxas bring ich selten!/ Hier soll meist das Fratzenhafte,/ Das ein düstrer Wahnsinn schaffte,/ Für das Allerhöchste gelten./ Sag' ich euch absurde Dinge,/ Denkt, dass ich Abraxas bringe“.

Abraxas also, den Hermann Hesse als „Gott und Satan“ und C. G. Jung als „Gott über Gott“ beschreibt: Der gnostische hahnenköpfige Dämon. In Goethes „Divan“ kommt er en passant auf leisen Sohlen vorbei. Dabei geht es um mehr als um den Aufbau einer kognitiven Dissonanz, es geht um das Gaukelspiel der Entchristlichung. Goethe setzt auch hier wieder seinen „Geist, der ewiglich verneint“ (Faust) als oberste Instanz. Fraglos gehört der „West-östliche Divan“ zu den überbewerteten literarischen Erzeugnissen der Aufklärung: Zur Hälfte Hafis Werk, zur anderen eine Sammlung von Allgemeinplätzen eines alten, weißen Mannes.