Ein paranormaler Stadtretter

Trotz wenig origineller Handlung besticht „ParaNorman“ durch die gelungene Mischung aus handgefertigten Puppen und animierten Hintergründen. Von José García

Um seine Kleinstadt von einem Fluch zu bewahren, muss der 11-jährige Norman das Grab eines dreihundert Jahre zuvor als Hexe zum Tode verurteilten Mädchens ausfindig machen und ihm aus einem Märchenbuch vorlesen. Foto: Universal
Um seine Kleinstadt von einem Fluch zu bewahren, muss der 11-jährige Norman das Grab eines dreihundert Jahre zuvor als H... Foto: Universal

In der amerikanischen Kleinstadt Blithe Hollow entdeckt der 11-jährige Norman, dass er paranormale Fähigkeiten hat: Er kann mit Toten sprechen. Bereits in der ersten Szene bekommt der Zuschauer eine Kostprobe davon, als Norman zusammen mit seiner Oma vor dem Fernseher sitzt – und die Eltern den Jungen wieder einmal darauf hinweisen müssen, dass die Großmutter schon lange tot ist. Diese Gabe macht Norman zum Außenseiter: Seine Mitschüler bezeichnen ihn als „Freak“, der Halbstarke Alvin schikaniert ihn. Sein einziger Freund ist ein weiterer Sonderling, der pummelige Neil. Drehbuchautor und Regisseur Chris Butler sowie Co-Regisseur Sam Fell erzählen diese Geschichte jedoch nicht mit realen Schauspielern, sondern in der sogenannten Stop-Motion-Technik, bei der jede Bewegung und Geste einer handgefertigten Figur fotografiert, zu einer Sequenz von 24 Bildern in der Sekunde zusammengestellt und dann mit im Computer erzeugten Hintergründen verknüpft wird. Eine Technik, die von den für „ParaNorman“ verantwortlich zeichnenden Animationsstudios Laika Entertainment bereits vor drei Jahren bei der Jugendbuch-Verfilmung „Coraline“ (DT 13.08.2009) angewandt wurde.

Norman wird jedoch bald eine lebenswichtige Aufgabe in Blithe Hollow spielen, wo jeder die Mär von der Hexe kennt, die das Städtchen vor dreihundert Jahren verflucht haben soll. Halten dies alle Stadtbewohner für eine Legende, so weiß es Normans wunderlicher Onkel Prenderghast besser. Kurz vor seinem Tod kann er noch seinen Neffen Norman in ein Geheimnis einweihen: Jahrelang habe der Onkel den Fluch abwehren können, indem er der an einem bestimmten Tag im Jahr aus ihrem Jahrhunderte alten Schlaf erwachenden Hexe aus einem Märchenbuch vorgelesen hat. Nun soll Norman diese Aufgabe übernehmen, damit die Hexe wieder einschläft. Norman bleiben nur ein paar Stunden, um das Grab der Hexe zu finden. Bald erheben sich Zombies aus ihren Gräbern, darunter der Richter, der die Hexe damals zum Tode verurteilt hatte. Zusammen mit seiner oberflächlichen Schwester Courtney, seinem Freund Neil und dessen großem Bruder, dem Muskelpaket Mitch, sowie mit seinem Erzfeind Alvin macht sich der 11-Jährige auf, das Grab der Hexe zu finden. Als die Zombies in der Stadt auftauchen, gerät darüber hinaus ganz Blithe Hollow in Aufruhr.

Die freilich keineswegs kindgerechte Geschichte nimmt sich als eine Satire auf das Subgenre der Zombie-Filme aus. Dementsprechend gruselig ist die ganze Atmosphäre von „ParaNorman“ geraten – noch eine Spur schauriger als „Coraline“ und Tim Burtons „Hochzeit mit einer Leiche“ (2005), an die sich „ParaNorman“ unzweifelhaft anlehnt. Einen Eindruck von dieser Parodie liefert neben der eingangs erwähnten ersten Szene eine weitere Sequenz zu Beginn des Filmes, als Norman auf seinem Schulweg allen möglichen Toten begegnet. Der Film von Chris Butler und Sam Fell entfaltet seine besondere Wirkung durch die Verknüpfung der Handarbeit bei den Figuren mit den im Computer generierten Hintergründen, wobei die Puppen eine im Vergleich zu den vorangegangenen Animationsfilmen im Stop-Motion-Verfahren erneut verbesserte Ausdruckfähigkeit erreichen. Wie deren enorme Plastizität realisiert wird, kann übrigens der Zuschauer nach dem Abspann erfahren: Im Zeitraffer wird die Entstehung von Norman gezeigt. Die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke kommen dadurch zustande, dass für jede Figur sogenannte „Ersatz-Gesichter“ verwendet werden, so dass in jeder Szene eine Vielzahl von Gesichtern zum Einsatz kommt. Als Beispiel nennt die Produktionsfirma eine 27 Sekunden lange Szene, in der bei einer Figur mehr als 250 individuelle Gesichter eingesetzt wurden.

Die im Unterschied zu anderen Animationsfilmen real existierenden Figuren und Ausstattungsgegenstände ermöglichen außerdem außergewöhnliche Kameraeinstellungen und -fahrten, mit denen etwa in der Luft schwebende, an „Avatar“ erinnernde Felsen aufgenommen werden. Darüber hinaus wird die 3D-Technologie sinnvoll und im Gegensatz zu manchen 3D-Filmen wirkungsvoll eingesetzt. Diese blendende Optik macht auch eine nicht besonders originelle Geschichte und deren Logiklöcher im Drehbuch wieder wett. Die große Raumtiefe und die expressiven Gesten und an „Coraline“ erinnernden Bewegungen der Figuren gehören wie eine bestens in die Handlung integrierte Filmmusik zu den herausragenden Stärken der Filmsprache von „ParaNorman“.

Wurde in „Coraline“ die Moral der Geschichte eher beiläufig transportiert, so geschieht dies in Chris Butlers und Sam Fells Film vorwiegend auf der Dialogebene. So werfen etwa die untoten Richter und Schöffen den Dorfbewohnern von Blithe Hollow vor, als diese zur Lynchjustiz an den Zombies schreiten wollen, sie würden genauso handeln wie sie selbst damals, als sie aus Übereifer und Aberglauben ein Kind zum Tode verurteilten. „ParaNorman“ vermittelt eine schöne Botschaft der Versöhnung, als Norman das als Hexe verurteilte Mädchen an ihrer Rache hindern möchte: „Was soll nutzen, dass die Menschen, die dich verletzt haben, nun leiden müssen?“