Ein neues Kleid für Maria

Das Domkapitel Aachen ruft zu einem kreativen Wettbewerb auf – dabei ist man sehr offen. Von Stefan Meetschen

Aachener Marienfigur.Wikipedia Foto: Foto:
Aachener Marienfigur.Wikipedia Foto: Foto:

Eigentlich ist es eine hübsche Idee: Das Domkapitel Aachen hat aus Anlass der Feierlichkeiten zu „40 Jahre UNESCO Welterbe Aachener Dom“ in diesem Herbst einen kreativen Wettbewerb ausgelobt. Künstler, Designer und solche, die sich dafür halten, sollen für das bekannte Gnadenbild des Doms, eine Marienfigur mit Jesuskind, ein neues Kleid entwerfen. Kein „Festtagsgewand“, wie in der Pressemeldung des Aachener Domkapitels extra betont wird: „Gewünscht ist ein modernes Gewand für den Alltag.“ Ziel des Wettbewerbs sei es, „die sinnliche Gestaltungsqualität von Liturgie und Kirchenraum zu steigern und die Verehrungsformen zu modernisieren“, und zwar „in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst“.

Nun ist das mit der Modernisierung von „Verehrungsformen“ in der Kirche so eine Sache. Viele Gläubige hängen auch mehr als 50 Jahre nach dem Konzil an der traditionellen Zeichen- und Bildsprache der Kirche, anderen gehen die bisherigen Neuerungen immer noch nicht weit genug. Und was das Miteinander von sakralen Inhalten und zeitgenössischer Kunst angeht, sieht man heute mit Blick auf viele Kirchenbauten und Kirchenbilder der 70er Jahre, dass vieles zwar gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht und theologisch gründlich durchdacht wurde. Wer Innovation sät, erntet auch schnell schon mal Kälte und Banalität. Geht vielleicht deshalb bei manchen Katholiken in der Diözese Aachen die Angst um, seit sie von dem künstlerischen Wettbewerb rund um die Marienfigur gehört haben? Sogar eine etwas alarmistisch wirkende Website mit dem Titel „Kaiserin von Aachen“, auf der zur Teilnahme an einer Protest-Petition eingeladen wird, der Bischof möge den Wettbewerb abbrechen, findet sich inzwischen im Netz.

Ein WDR-Fernsehbeitrag („Lokalzeit aus Aachen“), der das Kleid-Thema auf sommerlich lockere bis frivole Art aufgriffen hatte, war wenig geeignet, skeptische Katholiken zu beruhigen. Was nicht nur einigen abwegigen, von Straßenpassanten geäußerten Ideen geschuldet ist, die sich die Mutter Gottes zum Beispiel im Goa-Look oder im Hosenanzug a la Bundeskanzlerin vorstellen können; auch die etwas saloppe Art, mit der Birgitta Falk, die Leiterin der Domschatzkammer Aachens, den Wettbewerb in dem TV-Beitrag erläutert, sorgt für Irritationen. „Uns ist ganz wichtig, nicht wieder sowas Prächtiges für Maria als Himmelskönigin, sondern Maria als Frau aus dem Volke, Maria als Gegenüber, zu der man betet, die eben auch Vermittlerin ist zwischen Himmel und Erde“, meint die promovierte Kunsthistorikerin. Um auf die Nachfrage, ob auch Entwürfe, die „gegen den Strich“ gingen, erlaubt seien, zu sagen: „Wir sind für alles offen, ja! (...) Wenn es ein künstlerischer Ausdruck ist oder eine künstlerische Botschaft hat, dann muss man darüber reden.“ Für routinierte Rosenkranzbeter war die Vielfalt von Marias Identität nie ein Problem. Will sagen: Das schlichte Mädchen aus dem Volk stand im Katholizismus nie im Widerspruch zur Pracht der Himmelskönigin, die Frau Falk offensichtlich als zu hochschwellig empfindet. Die vielen, vielen Dombesucher, die vor der Marienfigur regelmäßig Kerzen aufstellen, scheinen dieses Problem nicht zu haben. Andererseits ist Falks Haltung durch viele religiöse Werke der Kunstgeschichte gedeckt. Niederländische Maler des 15. Jahrhunderts, wie Dirk Bouts, ließen die Jungfrau Maria und andere Gestalten der Heilsgeschichte schließlich mit ihrer eigenen Zeit und Topographie verschmelzen. Ohne dabei jedoch in modische Beliebigkeit abzurutschen, was aber auch in Aachen nicht der Fall sein muss.

Gerade weil die Aachener Marienfigur, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, inzwischen selbst eine kunstgeschichtliche Gestalt geworden ist, die zudem als Objekt der religiösen Devotion dient, wäre es lächerlich, diese Figur durch eine modische Spielerei zu banalisieren. Zumal es bereits 43 „festliche Kleiderpaare“ gibt, die Maria und das Jesuskind zu den jeweiligen „kirchlichen Festen“ schmücken. Sensible Künstler werden sich von dieser Tradition nicht abschotten wollen, sondern im Geiste der ästhetischen Kontinuität agieren. Wie es sicher auch die UNESCO wünscht.

Offen für den Alltag und die kirchlichen Feste

Was allerdings überrascht, ist ein kreativer Tipp von Frau Falk an die Künstler, von dem das Webportal katholisch.de berichtet: „Man muss gucken, wie das Kleid in den kirchlichen Jahreslauf hineinpasst, sich also an den liturgischen Farben orientieren oder etwas erschaffen, das zu einem bestimmten Fest passt.“ Ein Gewand zu kreieren, das diesen Hinweis berücksichtigt, obwohl es sich, laut Pressemeldung, „nicht um ein Festtagsgewand“ handelt, das dürfte dann doch etwas schwierig sein. Immerhin winkt aber ein Preisgeld von 5 000 Euro.