Ein farbenprächtiger Blick in die Zeit Karls des Großen

Die maßstabgetreue Replik eines Mosaiks des alten Lateranpalastes ist nun in der Kaiserstadt Aachen eingetroffen. Von Ulrich Nersinger

Bei der Herstellung der Replik des Triclinium-Mosaiks im Erzgebirge. Foto: Atelier Dyroff
Bei der Herstellung der Replik des Triclinium-Mosaiks im Erzgebirge. Foto: Atelier Dyroff

Fast ein Jahrtausend lang lebten und wirkten die Päpste beim Lateran, ihrer eigentlichen Bischofskirche. Das Terrain, auf dem sich die Kathedrale und der Lateranpalast noch heute befinden, hatten die Nachfolger des heiligen Petrus im 4. Jahrhundert in Besitz genommen. Das ehemalige Landgut der Familie der Laterani war dem römischen Bischof von Kaiser Konstantin dem Großen zum Geschenk gemacht worden. Vom alten Lateranpalast, dem „patriarchium“ der Päpste, ist kaum etwas erhalten. Wie prachtvoll sich die Residenz nach der Umgestaltung durch Leo III. (795–816) gab, kann man erahnen, wenn man vor einer ihrer noch immer eindrucksvollen Überreste, der Apsis des „triclinium“, des päpstlichen Fest- und Speisesaales, steht. Der Palast des Papstes schlug die Menschen des Mittelalters in seinen Bann. In seiner „Göttlichen Komödie“ staunte Dante, „um wieviel der Lateran, was Menschen sonst geschaffen, überragte“.

Im Jahre 1308 wurde die Residenz von einem Großbrand heimgesucht und schwer in Mitleidenschaft gezogen. Mit dem Weggang der Päpste nach Avignon schien dann das Schicksal des Palastes endgültig besiegelt – der Verfall der Gebäude war nicht mehr aufzuhalten. Sixtus V. (1585–1590) ordnete zu Beginn seiner Regierungszeit den Abriss der zur Ruine verkommenen Residenz an. Das prächtig ausgestattete Triclinium war im Pontifikat Papst Leos III. entstanden. Seine Überreste wurden im 19. Jahrhundert an den jetzigen Standort schräg gegenüber der Lateranbasilika transportiert. Dabei wurden die auf ihnen angebrachten historisch überaus wertvollen Mosaiken zerstört. Die heutigen Mosaiken der Apsis sind aufgrund eines Stiches aus dem 17. Jahrhundert rekonstruiert. Auf der rechten Seite der Apsisrundung ist festgehalten, wie der heilige Petrus seinem Nachfolger Leo das Pallium, die Insignie des Papstamtes, verleiht und dem Kaiser das Banner, die Oriflamme, als weltliches Herrschaftszeichen überreicht.

In der Vorbereitung des Karlsjahres 2014 war von Aachen, der Stadt Karls des Großen, an das Kunstatelier Dyroff in Schmiedeberg (Erzgebirge) der Auftrag ergangen, eine Replik des Mosaiks anzufertigen. Mehrere Monate arbeiteten die ostdeutschen Mosaizisten Anne und Klaus-Peter Dyroff mit Engagement und Fachkenntnis an dem gut 70 Kilogramm schweren Kunstwerk. Für die 1,10 mal 1,50 Meter große Replik des mittelalterlichen Werkes wurden italienische Smalten (Glasstücke) verwendet, die vier bis viereinhalb Millimeter groß sind und von denen nicht wenige eine Auflage von 24-karätigem Blattgold tragen. Die Vorlage für das Mosaik wurde im Maßstab 1:1 seitenverkehrt ausgedruckt. Die von Hand zugeschlagenen Mosaiksteine brachte man mit einem reversiblen Kleber auf die Vorlage an. Nachdem die Steine gelegt waren, konnte das gesamte Mosaik mit Mörtel und einer entsprechenden Trägerplatte verklebt werden. Danach wurde das Mosaik gedreht und das Papier des Entwurfes abgeweicht. Die so angewandte Negativtechnik bewirkte eine glatte Oberfläche des Kunstwerkes.

Aufstellung fand die in Sachsen gefertigte Kopie des Triclinium-Mosaiks nun im Aachener Centre Charlemagne (www.route-charlemagne.eu). Das neue Museum im Schatten des Marienmünsters zeichnet die Geschichte Karls und seiner Stadt nach. Die offizielle Eröffnung des Museums und der Dauerausstellung, zu der auch ein experimentelles „Geschichtslabor“ gehört, ist für den 19. Juni 2014 angesetzt; ab dem 20. Juni wird das Museum dann auch Besuchern offenstehen. Das Centre Charlemagne verfügt neben großzügigen Ausstellungsflächen auch über ein Auditorium, museumsdidaktische Räume, einen Shop und ein Café. Ein 215 Quadratmeter großer Raum für Wechselausstellungen ist in die Dauerausstellungshalle integriert. Die klimatischen Bedingungen entsprechen aktuellen musealen Standards, sodass auch Leihgaben mit hohen konservatorischen Anforderungen präsentiert werden können.