Ein doppeltes Geschenk

Freundschaft zwischen Eltern und Kindern – Teil III: Bester Freund, beste Freundin. Von Martine Liminski

Frau mit Säugling
Alles was wir lernen, lernen wir durch Kontakt. Etwa zur Mutter. Foto: dpa
Frau mit Säugling
Alles was wir lernen, lernen wir durch Kontakt. Etwa zur Mutter. Foto: dpa

Liebe ermöglicht Freiheit. Sie lässt den anderen so sein, wie er ist. Das kann durchaus auch mal ganz anders sein, als man es erwartet. Auf jeden Fall lässt die Liebe dem/der anderen Zeit, sich zu entfalten. Sie will zwar helfen, aber weder modellieren noch manipulieren. Sie will nicht über ihn/sie verfügen, sondern achten und ehren, wie es zum Beispiel bei der Trauung heißt, ein Text, den sich immer wieder mal lohnt nachzulesen, auch und gerade nach vielen Jahren Ehe-Freundschaft.

„Einen Menschen lieben heißt, ihn so sehen, wie Gott ihn gemeint hat“, sagt Dostojewski. Liebe heißt deshalb auch, Begrenzungen auszuhalten, die eigenen und die des anderen. Dafür sollte man seine eigenen Defizite kennen, um den Willen zu entwickeln, eigene Stärken zu entfalten und Schwächen abzubauen.

Das geht nicht von heute auf morgen. Die Fähigkeit zu freundschaftlicher Beziehung hängt auch von der Erziehung ab, sie muss überlegt und geübt sein, bevor man sich auf die große Beziehung und Freundschaft des Lebens einlässt. Auch das geschieht zunächst und sozusagen risikolos in der Familie. Hier findet die Vorbereitung auf die große Begegnung statt.

Wegzehrung kommt von zuhause

Die erste Zuneigung außer Haus, die Attraktion und das Verliebtsein haben schon einen Vorlauf, ein seelisches Gepäck, die Wegzehrung von zuhause, mit deren Hilfe man sich auf eine Begegnung einlassen kann. Das Sich-auf-den-anderen-Einlassen, jenseits der bloßen Zuneigung, bedeutet schon eine graduelle Festlegung und damit die Verpflichtung, Verantwortung zu übernehmen für diese Begegnung zweier Personen mit ihren Vorstellungen und Idealen, um einen gemeinsamen Weg zu gehen. Der Sinn für wahre Freundschaft ist, wie Johannes Paul II in einem Schreiben zum Internationalen Jahr der Jugend sagte, der Jugend „angeboren“. Es ist eine Aufgabe der Eltern, diesen Sinn zu wecken und immer wieder zu versuchen, ihn von dem Beziehungsmüll der Medien-Gesellschaft nicht verschütten zu lassen. Das geschieht am ehesten mit dem persönlichen Beispiel und der eigenen Freundschaft zu den Kindern.

Kinder sind sichtbar gewordene Liebe

Es ist schon oft gesagt worden, aber deswegen nicht falsch: Kinder sind sichtbar gewordene Liebe (Novalis). Die selbstlose Liebe, das unbegrenzte Vertrauen in den guten Willen des anderen, das lernt der Mensch zuerst zuhause. Es ist die erste Lektion der Freundschaft. Deshalb sagt der heilige Josefmaria bei einem Treffen mit Kindern und Jugendlichen in Chile: „Dein bester Freund ist Papa, deine beste Freundin ist Mama.“ Aber wann fängt diese Freundschaft an, wann tritt sie in den Hintergrund zugunsten des Ehepartners?

Freundschaft zwischen Eltern und Kindern existiert im doppelten Sinn: Als geschenkte Beziehung und als gewollte Beziehung. Denn während wir unsere Freundschaften in der Regel aussuchen und dann beglückend erfahren, dass man ähnlich denkt und fühlt, können die Kinder sich diese Freundschaft nicht aussuchen. Sie werden in sie hineingeboren.

Und uns Eltern werden die Kinder geschenkt mit dem Potenzial dieser innigen Freundschaft. Es ist ein doppeltes Geschenk, weil es die Frucht der Liebe der „sublimsten Form personaler Freundschaft“ (Paul VI. in „Humanae vitae“) ist, die am Anfang der Freundschaft zwischen Eltern und Kindern steht. Es ist ein Summum des Glücks, aus und in dem diese Freundschaft gezeugt und geboren wird. Temperament, Wille und Einsatz von Eltern und Kindern, aber zunächst ist sie Frucht der Liebe. In diesem Sinn leuchtet in ihr auch der Funken göttlicher Liebe und das mag erklären, warum diese Freundschaft so tief geht. Und warum auch die Freundschaft zwischen Geschwistern – übrigens die längste Beziehung des Lebens – so tief geht. Sie hat ja die gleichen Wurzeln.

Freundschaft ist Bindung. Befreiende Bindung, wenn sie Orientierung zum Guten, zum guten Leben vermittelt. Diese orientierende Bindung zum guten Leben beginnt schon mit und während der Schwangerschaft. Hier verdichten sich Liebe und Freundschaft der Eltern zu einer neuen Beziehung, die ihren Anfang in der psychischen und physischen Abhängigkeit zur Mutter nimmt.

Diese Beziehung und spätere Freundschaft entwickelt sich sozusagen parallel zur körperlichen Entwicklung. Die Beziehung lebt schon während der Schwangerschaft. Das Kind hört die Stimme der Mutter, es hört vor allem den beständigen und beruhigenden Ton des Herzens. Es macht Erfahrungen im Mutterleib, es spürt Ängste und Freude der Mutter. „Keine Erfahrung wird je vergessen“, sagt der Heidelberger Psychoanalytiker Ludwig Janus, viele Jahre Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale Psychologie und Medizin.

Gefühlswelt der Mutter prägt das Seelenleben

Sicher ist, so Janus, dass die Gefühlswelt der Mutter auch das Seelenleben des Kindes prägt. „Wir sind Beziehungswesen – alles, was wir können, lernen wir nur über die Aufnahme von Kontakt“, erklärt Janus. So entsteht eine Prägung, die bindet. So entsteht über das biologisch-genetische Muster hinaus eine Bindung des Lebens, so entsteht eine besondere Form der Freundschaft.