Ein desillusionierter Wissenschaftler

Mit „Faust“ liefert der russische Regisseur Alexander Sokurow eine bildgewaltige, sehr eigenwillige Interpretation, die jedoch das Original im Wesentlichen verändert. Von José García

Auf einem ihrer Streifzüge durch die engen Gassen der Stadt geraten der „Wucherer“ (Anton Adasinsky, links) und Faust (Johannes Zeiler) in einen Trauerzug. Foto: MFA +
Auf einem ihrer Streifzüge durch die engen Gassen der Stadt geraten der „Wucherer“ (Anton Adasinsky, links) und Faust (J... Foto: MFA +

Für Generationen besitzt Goethes „Mephistopheles“ die Gesichtszüge von Gustaf Gründgens' Teufel: In der Maske, die er in den dreißiger Jahren in Berlin und nach dem Krieg in Düsseldorf und Hamburg getragen hatte, trat der deutsche Schauspieler und Regisseur ebenfalls im Spielfilm „Faust“ (1960) auf, bei dem Will Quadflieg den Dr. Heinrich Faust spielte und offiziell Peter Gorski Regie führte, obgleich der Kinofilm vor allem Gründgens' Hamburger „Faust“-Inszenierung für die große Leinwand adaptierte. Diese Verfilmung des klassischsten Werkes deutscher Dichtung gesellte sich zu einem der Meisterwerke der Stummfilm-Ära: Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust – Eine deutsche Volkssage“ (1926) mit Emil Jannings als Mephisto und Gösta Ekmann als Faust besticht noch heute durch seine außerordentliche visuelle Kraft, die ihm eine ausgeklügelte Kamera- und Tricktechnik sowie ein Bühnenbild verleihen, das zwischen Expressionismus und romantischer Malerei die Balance hält.

Anklänge an eine bühnennahe Inszenierung in Gründgens' Sinn vermischen sich mit kunstfertigen, rastlosen Kamerabewegungen und romantisch-fantastischen Landschaftsbildern, die an Murnaus Film denken lassen, nun in der aktuellen „Faust“-Filmfassung von Alexander Sokurow, für die der russische Regisseur auf den 68. Filmfestspielen Venedig im vergangenen September mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Sokurows „Faust“ zeichnet sich durch eine ganz eigene Handschrift, ja durch den Willen zum eigenen Stil aus. Dieser beginnt bereits beim Filmformat: Sokurow setzt das für den Stummfilm gebräuchliche 1,33:1-Seitenverhältnis ein, das dem alten Fernsehformat 4:3 entspricht, statt des heute üblichen 1,78:1-Formats (im Fernsehen: 16:9). Die Enge, die dadurch entsteht, wird durch die gedämpften, erdigen Farben, die ebenfalls an die Sepia-Töne alter Filme erinnert, sowie durch die beengten Schauplätze in der trotz der Kostüme aus Goethes Zeit so doch mittelalterlich anmutenden Stadt noch verstärkt, durch die sich Bruno Delbonnel mit seiner sehr beweglichen Handkamera teilweise regelrecht hindurchzwängt. Zur manchmal künstlich erzeugten bedrückenden Atmosphäre tragen romantische Landschaften sowie eine irritierende Tonspur bei. Zu dieser gehört einerseits die teilweise aus Chorälen bestehende, stets klassisch und gleichförmige wirkende Filmmusik, andererseits die deutlich hörbare und deshalb wohl nicht nur aus pragmatischen, sondern auch aus ästhetischen Gründen erfolgte Nachsynchronisierung der russischen Schauspieler: „Von Beginn des Projektes an plante Alexander Sokurow eine vollständige Nachbearbeitung des Originaltons von ,Faust‘“, heißt es dazu in einer Information des Verleihs. Stephan Hoffmann, der mit der Nachvertonung beauftragt wurde, bezeichnet dies als „sozusagen einen Stummfilm zum Leben zu erwecken“.

In einem engen Kabinett dieser eng-kleinbürgerlichen Welt seziert Faust (Johannes Zeiler) eine exhibitionistisch ausgestellte männliche Leiche. So sehr er nach einem Sitz der Seele in ihren Innereien sucht, er findet nichts. Der Doktor habe ihm bereits viel über den Körper erzählt, bemerkt dazu sein Famulus Wagner (Georg Friedrich), aber gar nichts über die Seele. Auch wenn in Alexander Sokurows Film der berühmte Ausruf „Habe nun, ach!“ zu hören ist, verzweifelt sein Doktor Faustus nicht an der Wissenschaft, wenn er auch durch sie nicht zu erkennen vermag, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Sokurows Faust ist ein desillusionierter, ein durch und durch materialistischer Wissenschaftler. Folge-richtig erscheint der Versucher, der hier nicht „Mephisto“, sondern „Wucherer“ (Anton Adasinsky) heißt, als ein Mann des Kapitals – wodurch Alexander Sokurows „Faust“ zur Kapitalismus-Kritik wird.

Adasinskys „Wucherer“ zeichnet sich im Gegensatz zur eleganten Erscheinung eines Jannings oder eines Gründgens insbesondere durch seine abstoßende körperliche Unförmigkeit aus. In einer Szene im Badehaus zeigt er sich geschlechtslos, aber mit einem Schwein-Ringelschwänzchen. Darin wird Sokurows makabrer Hang ebenso deutlich wie beim Wagnerschen Homunculus, der im Glas zerbirst. Der Vertrag, den der Wucherer Faust vorlegt (Auf dessen Ruf „Ich habe keine Tinte mehr“ antwortet er ganz sachlich: „Wie wäre es mit Blut?“), soll dazu führen, Gretchen, das bei Sokurow stets Margarethe (Isolda Dychauk) heißt, zu verführen. Nicht Wissen, lediglich Begierde ist seine Antriebsfeder. Die innere Zerrissenheit von Goethes Faust („Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“) kennt Sokurows Doktor Faustus nicht. Auf die Gretchen-Frage (hier auch vereinfacht: „Glauben Sie an Gott?“) antwortet der materialistische Nihilist nichts. An Gott glaubt bei Alexander Sokurows „Faust“ ohnehin allein der Teufel. Erlösung (Goethe: „Gerettet ist das edle Glied/ Der Geisterwelt vom Bösen,/ Wer immer strebend sich bemüht,/ Den können wir erlösen“) gibt es hier nicht, weder für Gretchen noch für Faust. Bar aller Transzendenz besiegt Sokurows Faust den „Wucherer“ aus sich selbst heraus. Alexander Sokurows „Faust“ wird somit zum Gegenstück von Goethes Original.