Ein besonderer Kreuzweg

Die „Via Crucis“ der römischen Bruderschaften: Unterwegs in Roms Altstadt zwischen geheimnisvollen Kirchen und Oratorien. Eine Reportage. Von Carlotta Parker

Gemeinschaften, die sonst verborgen sind, tauchen in Roms Altstadt auf. Foto: KP
Gemeinschaften, die sonst verborgen sind, tauchen in Roms Altstadt auf. Foto: KP

Sie haben schon etwas Geheimnisvolles, die römischen Laienorden und Bruderschaften. Gerade einmal an zwei Terminen im Jahr schlüpfen sie aus ihren Bruderschaftskirchen und Versammlungsorten und zeigen sich in ihren Ordensgewändern in der Stadt. An Fronleichnam begleiten sie den Corpus Domini auf seinem Weg von Roms Basilika San Giovanni in Laterano nach Santa Maria Maggiore. In der Vorosterzeit steht das zweite große Zusammenkommen auf dem Programm. Meist eine Woche vor Karfreitag finden sich viele der Bruderschaften in der römischen Altstadt ein, um gemeinsam den Kreuzweg zu gehen.

Treffpunkt und zugleich erste Station ist die Kirche Santa Caterina da Siena, die Hauskirche der gleichnamigen Erzbruderschaft der heiligen Katharina von Siena, auf der Via Giulia. Schon allein die Straße ist geschichtsträchtig. Geplant wurde die Via Giulia auf Wunsch Papst Julius? II., von dem sie auch ihren Namen hat. Er wollte das Stadtzentrum urbanisieren und einen weiteren direkten Zugang für die Pilger nach Sankt Peter schaffen. Etwa einen Kilometer lang verläuft die Straße von der Ponte Sisto – die Brücke hatte der Onkel Julius? II., Papst Sixtus IV. 1475 errichten lassen – Richtung Vatikan und endet vor der Kirche San Giovanni dei Fiorentini. Neben San Giovanni liegen noch weitere fünf Kirchen unmittelbar an der Via Giulia. Allesamt dienen sie römischen Bruderschaften als Pfarrkirche.

In Rom gibt es rund zweihundert solcher Bruderschaften, deren Mitgliederzahl in die Tausende geht, denen aber im hektischen römischen Alltag kaum Bedeutung beigemessen wird. Neben ihren religiösen Übungen übernehmen sie oft auch soziale und kulturelle Aufgaben. Die Wurzeln ihrer Tätigkeit liegen besonders in der Krankenpflege und dem Krankentransport, in der Sterbebegleitung, im Begräbnis und der Fürsorge für die Hinterbliebenen.

Noch heute sind die meisten der römischen Bruderschaften, zu denen natürlich auch Frauen zugelassen sind, die dann Schwestern genannt werden, besonders in der Krankenpflege und im sozialen Dienst sehr aktiv. Viele Brüder und Schwestern kümmern sich aber auch um Sträflinge, die sie im Gefängnis besuchen und ihnen in ihrer schwierigen Lage Mut zusprechen. Die erste Bruderschaft wurde in Rom im Jahr 1264 gegründet und ist heute nach dem Zusammenschluss mit anderen Gruppierungen als „Arciconfraternita del Gonfalone“, die Erzbruderschaft des Gonfalone“ tätig. Im späten dreizehnten und beginnenden vierzehnten Jahrhundert folgten die Bruderschaften des „Allerheiligsten Erlösers vom Sancta Sanctorum“ sowie von „Santo Spirito in Sassia“ – die von ihnen gegründeten Krankenhäuser Santo Spirito und San Giovanni gibt es noch heute in Rom.

Im vierzehnten Jahrhundert gingen auch immer mehr Berufsgruppen dazu über, eine eigene Bruderschaft zu gründen. Die ersten waren im Jahr 1378 die „Palafrenieri“, die Reitknechte des Papstes und der Kardinäle. In der Nähe des Apostolischen Palastes hatten sie mit Sant?Anna dei Palafrenieri ihre eigene Kirche. Mit den Lateranverträgen von 1929 ging der Bau jedoch an den Augustinerorden und die „Palafrenieri“ erhielten als neue Pfarrkirche stattdessen Santa Caterina della Rota. Nahezu alle Berufsstände und Handwerksgruppen hatten schon bald eine eigene Bruderschaft, in der sie vor allem in spirituellen und moralischen Fragen immer eine Anlaufstelle fanden. Auch Zugezogene aus anderen Teilen Italiens wie die Piemonteser, Lombarden, Genueser oder Bologneser und Ausländer – hierbei vor allem die Belgier, Flamen, aber auch Bretonen, Spanier und Portugiesen – schlossen sich in der Fremde immer häufiger zu Bruderschaften zusammen. Ursprünglich waren es Exil-Sieneser, welche die Bruderschaft unter der Schirmherrschaft ihrer Stadtpatronin, der heiligen Katharina von Siena, in Rom gegründet hatten, die im Jahr 1519 offiziell von Papst Leo X. als solche anerkannt wurde.

Die heutige Kirche stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert. An der Barockfassade erkennt man die Zwillinge Romulus und Remus mit der Wölfin, dem Wappentier Sienas. Denn einer Legende zufolge soll Remus die Stadt Siena gegründet haben. Im Kircheninneren gibt es für alle erst einmal ein paar Benimmregeln von Monsignore Antonio Interguglielmi, der die Kreuzwegprozession anführt. Bitte keine Schwatzereien! Man möge sich der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung bewusst sein, so Interguglielmi. Nachdem die Reihenfolge der einzelnen Bruderschaften festgelegt ist, setzt sich der Menschenzug, dem sich auch viele weitere Gläubige angeschlossen haben, langsam in Bewegung. Nur wenige Meter weiter, immer noch auf der Via Giulia, folgt vor der Kirche Santa Maria dell?Orazione e della Morte – die wegen Renovierungsarbeiten für unbestimmte Zeit geschlossen ist – die zweite Station. Die zur Kirche gehörige Bruderschaft hatte sich anfänglich vor allem das Begräbnis identitätsloser Männer und Frauen zur Aufgabe gemacht. Den Friedhof, den die Bruderschaft für die namenlosen Männer und Frauen errichtet hat, gibt es heute nicht mehr. Er fiel dem Bau der Stützmauer am Tiber zum Opfer. Unscheinbar zwischen normalen Wohnhäusern versteckt sich die kleine Kirche Santi Giovanni Evangelista e Petronio dei Bolognesi. Der auf das zwölfte Jahrhundert datierbare Bau ging 1581 auf Befehl Gregors XIII. an die 1575 gegründete Erzbruderschaft der Bologneser, die sofort umfangreiche Restaurierungsarbeiten anordnete. Vom italienischen Staat konfisziert ging der Bau erst wieder im Oktober 1940 in den Besitz der Kirche über. Ein kleines griechisches Kreuz bildet den Grundriss. Nicht einmal alle Brüder und Schwestern finden Platz in der kleinen Kirche. Gut zwei Drittel der Gläubigen schaffen es nicht ins Innere.

Vorbei an San Salvatore in Onda, der Kirche der Pallottiner in Rom, zieht die Prozession durch die engen Gassen der römischen Altstadt weiter zu Santissima Trinita dei Pellegrini. Die Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit der Pilger war die Kirche des vom heiligen Filippo Neri gegründeten Pilgerhospizes. Wieder war es die dazugehörige Bruderschaft, die die finanziellen Mittel für eine neue Kirche bereitstellte. Im Jahr 1616 wurde der Neubau, teilweise zwar noch unfertig, geweiht. Noch heute sind die Kirche und die Gemeinschaft eng mit der Figur Filippo Neris verbunden, der in einer der Seitenkapellen verehrt wird.

Seit 2008 ist Santissima Trinita dei Pellegrini die Personalpfarrei, und dies auf Wunsch Papst Benedikts XVI., für die Gläubigen, die die heilige Messe in der Außerordentlichen Form des Römischen Ritus feiern möchten. Mitten auf dem Campo de? Fiori, den tagsüber Markstände und fliegende Händler bevölkern, findet sich die Prozession zur zehnten Kreuzwegstation ein. Da schauen vielen Touristen, die in den unzähligen Lokalen und Restaurants rund um den Platz beim Abendessen sitzen, nicht schlecht, als der singende und betend Menschenzug mit Kerzen in der Hand vorbeizieht. Und so mancher lässt seine Pizza stehen, um aufzuspringen und Fotos zu knipsen.

Die Kirche Santa Brigida nur unweit des Campo de? Fiori an der Piazza Farnese stellt die zwölfte Station. Aber auch hier passen lange nicht alle Gläubigen hinein, was der Stimmung aber keinen Abbruch tut. Draußen wie im Kircheninnern wird gemeinsam gebetet und gesungen. Nach einem erneuten Stopp bei Santa Caterina da Siena endet die Via Crucis in der Kirche San Giovanni dei Fiorentini am Ende der Via Giulia. Kaum ein Kirchenbau in Rom hat eine so wechselhafte und komplizierte Baugeschichte wie San Giovanni. Papst Leo X., selbst Florentiner, hatte ursprünglich den Auftrag zur Errichtung einer Nationalkirche für seine Florentiner Landsleute gegeben. Das Bauprojekt zog sich jedoch weit über den Tod des Medici-Papstes hinaus. Große Künstler waren an dem Bau innen wie außen am Werk: Raffael, Baldassare Peruzzi, Antonio da Sangallo, Jacopo Sansovino und sogar Michelangelo, der kurzzeitig um Rat gebeten wurde. Seine Vorschläge wurden allerdings nicht in die Tat umgesetzt. Carlo Maderno, der auch die Fassade von Sankt Peter entworfen hat, vollendete den Bau schließlich 1614.

San Giovanni dei Fiorentini war ein glanzvoller Abschluss der Via Crucis. Lange hielten die einzelnen Bruderschaften die vorgegebene Reihenfolge und das Schwatz-Verbot zwar nicht ein. Und schnell mischten sich die Teilnehmer unter die Brüder und Schwestern in ihren Gewändern und bildeten zusammen einen bunten Menschenzug, worunter die Ernsthaftigkeit und Würde der Prozession aber keinesfalls zu leiden hatten, vielmehr stellte sich bei allen Teilnehmern ein Gefühl der Gemeinschaft und des Zusammenseins ein.