Ein Zeichen des Friedens

Erstmals zeigen der Vatikan und die jüdische Gemeinde von Rom gemeinsam eine Ausstellung über die Menora. Von Natalie Nordio

Der „Stein von Magdala“ hat zum ersten Mal Israel verlassen. Er diente wohl im Lesesaal der Synagoge als Tisch zum Ablegen der Schriftrollen. Foto: Nordio
Der „Stein von Magdala“ hat zum ersten Mal Israel verlassen. Er diente wohl im Lesesaal der Synagoge als Tisch zum Ableg... Foto: Nordio

Seit wenigen Tagen lockt der an die Vatikanischen Museen angeschlossene Ausstellungsbereich direkt am Petersplatz, der Braccio di Carlo Magno, mit einer ganz besonderen Ausstellung. „Die Menora, Kult, Geschichte und Mythos“ lautet ihr Titel und Besucher können während des Rundgangs den Geheimnissen und Legenden rund um das Symbol des Judentums, den siebenarmigen Leuchter, auf den Grund gehen. Zum ersten Mal haben der Vatikan und die jüdische Gemeinde von Rom an diesem Ausstellungsprojekt gemeinsam gearbeitet. So verteilt sich die Ausstellung auf gleich zwei Orte. Neben dem Braccio di Carlo Magno zeigt auch das Jüdische Museum Rom, das sich im Tempio Maggiore, der großen Synagoge von Rom, befindet, weitere Teile der Ausstellung. Vier Jahre der Vorbereitung und Planung liegen hinter dem Expertenteam, zu dem neben vielen anderen Arnold Nesselrath, seit 1995 Direktor der Abteilung für byzantinische, mittelalterliche und moderne Kunst der Vatikanischen Museen, und der Kunsthistoriker Francesco Leone ebenso gehören wie die beiden Direktorinnen der hauptverantwortlichen Museen, Alessandra di Castro, Leiterin des jüdischen Museums in Rom, und Barbara Jatta, seit Dezember 2016 die neue Direktorin der Vatikanischen Museen.

Die Geschichte des siebenarmigen Leuchters beginnt auf dem Berg Sinai. Hier bekam Moses von Gott nicht nur die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, sondern auch den Auftrag, einen Leuchter anzufertigen. Form, Material und Aussehen dieses siebenarmigen Leuchters werden im Buch Exodus bis ins kleinste Detail beschrieben. 35 Kilo pures Gold soll Moses für die Herstellung der ersten Menora geschmolzen haben, die alsdann im Tempel des Salomon in Jerusalem ihren endgültigen Platz gefunden haben soll. Bis der Tempel mitsamt seinem Schmuck, darunter auch die erste sagenumwobene Menora, im sechsten Jahrhundert vor Christus durch die Babylonier zerstört wurde.

Rund 130 Ausstellungsgegenstände, darunter Skulpturen, Manuskripte, Bücher und zahlreiche Bildwerke, schlagen den Bogen von der Archäologie bis in die zeitgenössische Kunst und zeigen den Weg der Menora von ihrer Geburtsstunde vor Tausenden von Jahren bis in die Gegenwart. Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil stehen die Menora im Tempel von Jerusalem und ihre Bedeutung in der jüdischen Kunst im Fokus. Sogar auf der Brust der jüdischen Superman-Version prangt nicht wie üblich das rote S auf gelbem Grund, sondern eine rot-gelbe Menora, wie die ausgestellte Ausgabe eines Comics aus dem Jahr 1987 zeigt.

Im zweiten Teil geht es um den Mythos Menora. Um 70 nach Christus waren es Titus und seine römischen Truppen, die nicht nur den wieder aufgebauten zweiten Tempel von Jerusalem erneut zerstörten, sondern auch den neuen siebenarmigen Leuchter und andere Schätze raubten und nach Rom mitnahmen. Die Ausraubung des Tempels und den triumphalen Einzug des Titus kann man noch heute mitten auf dem Forum Romanum in den Reliefdarstellungen der Innenseite des Titusbogens sehen. Die Ausstellung zeigt ein kleineres Modell des Bogens und ein maßstabsgetreues Gipsmodell des Reliefs der Südseite. Mitten im Getümmel der römischen Soldaten und jüdischen Sklaven sind deutlich über deren Köpfe die geraubte Menora und anderes Diebesgut zu erkennen. In Rom stand die Menora in dem von Vespasian nach der Eroberung Jerusalems erbauten „Templum Pacis“, dem Friedenstempel auf dem Forum Pacis. Einige ausgestellte Fragmente der „Forma Urbis“, dem monumentalen Stadtplan Roms, der unter Kaiser Septimius Severus zwischen 203 und 211 geschaffen wurde, zeigen den genauen Standort des Templum Pacis.

Wo genau der goldene Leuchter nach seiner Überführung nach Rom und Aufstellung im Tempel verblieben ist, lässt bis heute viel Raum für Spekulationen. Dass die Menora hinter den Mauern irgendwo im Vatikan versteckt sei, ist nur eine der berühmtesten Mythen. Wahrscheinlicher ist, dass die Menora der Plünderung Roms durch Alarich und den Westgoten im Jahr 410 oder dem Angriff der Vandalen unter Geiserich 455 zum Opfer fiel.

Immer wieder bereichern große geschwungene siebenarmige Leuchter die einzelnen Räume, wie die beiden Messingleuchter aus der Busdorfkirche in Paderborn, die bronzene Version von Maso di Bartolomeo aus dem fünfzehnten Jahrhundert aus der Kathedrale San Zeno in Pistoia oder der vergoldete siebenarmigen Leuchter aus dem „Santuario Madre delle Grazie“ in Mentorella. Sie alle haben ihren Weg nach Rom in den Braccio di Carlo Magno gefunden, um hier still und majestätisch nicht nur Zeugnis für das Judentums abzulegen, sondern zu demonstrieren, dass das Symbol auch im Christentum große Bedeutung erlangt hat und in Erinnerung an die jüdischen Wurzeln in vielen Kirchen zu finden ist. Mit dem „Stein von Magdala“, dem Herzstück der Ausstellung, ist den Organisatoren eine echte Sensation geglückt. Zufälligerweise entdeckte man in Magdala, dem heutigen Migdal an der Westküste des Sees Genezareth, während Bauarbeiten für ein Hotel im Jahr 2009 die Reste einer Synagoge, die zwischen 29 vor Christus und 68 nach Christus benutzt worden ist und somit nicht nur in die Zeit des zweiten Tempels von Jerusalem fällt, sondern zu Lebzeiten Jesu hier an Ort und Stelle gestanden hat. Bei dem „Stein von Magdala“, der zwischen 50 vor und 50 nach Christus datiert wird, handelt es sich um einen reich verzierten rechteckigen Stein mit vier Füßen, der wohl im Lesesaal der Synagoge als Tisch zum Ablegen der Schriftrollen gedient hat. Eine der Reliefdarstellungen zeigt die Menora zwischen zwei Vasen und angedeuteten Pilastern an den Ecken. Die anderen Seiten des Steins zeigen wiederum Bögen und Pfeiler, die plastisch aus dem Stein herausgearbeitet sind und so den Eindruck vermitteln, im Innern eines Tempels zu sein. Hierbei handelt es sich um die ältesten bisher gefundenen Darstellungen des zweiten Tempels und der Menora, als diese noch im Tempel stand. Die Verantwortlichen sind zu Recht stolz darauf, den Besuchern dieses Highlight präsentieren zu können, denn es ist das erste Mal, dass der Stein Israel überhaupt verlassen hat.

Im dritten und letzten Teil der Ausstellung schildern Schriftsteller wie Stefan Zweig mit seinem Buch „Der begrabene Leuchter“ und Maler wie Nicolas Poussin, Giulio Romano, Andrea Sacchi und viele andere in ihren Werken den Mythos Menora. Gemälde von Marc Chagall, Antonietta Raphael Mafai oder Ben Shahn geben Einblick in die Malerei jener Künstler, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln vor den Nazis ins Exil fliehen mussten. Aber auch ganz moderne Werke wie das 3D-Gemälde „Shabbat Room“ der israelischen Künstlerin Maya Zack aus dem Jahr 2013 sind Teil der Ausstellung.

Natürlich steht die gesamte Ausstellung im Zeichen der Menora – ihrer Symbolik und Bedeutung, doch vor allem sollen die Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum betont werden, die, wie Kardinal Kurt Koch im Februar während einer Pressekonferenz im Hinblick auf die Ausstellung betonte, „zu einer gemeinsamen Familie gehören“. Dabei zitierte Koch Papst Franziskus während seines Besuchs der Synagoge von Rom im Januar 2016. In einer Zeit, in der Kriege unter dem Deckmantel der Religion geführt werden, zeigt die gemeinsame Ausstellung, dass es auch anders geht. Anstatt sich zu bekämpfen, ist der friedliche Dialog der Religionen unterein-ander der einzige Weg. Noch bis zum 23. Juli weht das Ausstellungsplakat mit der Menora als sichtbares Zeichen der Freundschaft, der Gemeinsamkeit und des Friedens am Petersplatz.

Jüdisches Museum, Lungotevere de' Cenci, 00186 Roma.