Ein Sieg der Freiheit

Die Mauer fällt und es werden die Weichen in Richtung Wiedervereinigung gestellt. Von Carl-Heinz Pierk

Die Berliner Mauer
Berlin im Glück: Tausende Menschen, aus Ost und aus West, feiern gemeinsam den Fall der Berliner Mauer. 28 Jahre lang führte sie mitten durch Deutschland und teilte nicht nur das Land, sondern auch den Kontinent. Foto: dpa
Die Berliner Mauer
Berlin im Glück: Tausende Menschen, aus Ost und aus West, feiern gemeinsam den Fall der Berliner Mauer. 28 Jahre lang fü... Foto: dpa

Noch im September 1989 hat kaum jemand daran geglaubt, dass bis zum Jahreswechsel DDR-Staatschef Erich Honecker stürzen und das Bauwerk fallen wird, das zuvor mehr als 28 Jahre lang für die deutsche Teilung stand: die Berliner Mauer, Symbol des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands. Am 9. November 1989 fällt das meistgehasste Bauwerk Deutschlands. Die DDR steht kurz vor dem Aus, ist wirtschaftlich und politisch bankrott. Die Staatsgrenze wird geöffnet, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist nach über 40 Jahren Trennung in Sicht. Auch wenn die Grenzöffnung die Menschen in Ost und West überrascht, ist sie eine logische Konsequenz der Ereignisse. Sie haben deutlich gemacht, dass das DDR-Regime politisch am Boden liegt. Ab August flüchteten tausende DDR-Bürger über die ungarische Grenze in den Westen, andere kamen in die westdeutschen Botschaften von Prag und Warschau. Die DDR-Führung sieht sich gezwungen, die Botschaftsflüchtlinge in den Westen ausreisen zu lassen.

Die eigene innere Ordnung muss unversehrt bleiben

Eine schnelle Vereinigung ist zunächst nicht das Ziel der bundesdeutschen Politik: Bundeskanzler Helmut Kohl legt Ende November 1989 ein Zehn-Punkte-Programm für einen allmählichen Annäherungsprozess vor. Strittig ist, wie die Einheit vollzogen werden soll: durch eine neue Verfassung gemäß Artikel 146 des Grundgesetzes oder durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 Grundgesetz. In einem Leitartikel vom 7. November 1989 heißt es dazu mahnend: „Wichtiger als die staatliche Einheit ist für die deutschen hüben wie droben die durch einen Rechtsstaat gesicherte demokratische Freiheit. Nur wenn unsere eigene innere Ordnung unversehrt bleibt, wird auch das Staatsgebiet der heutigen DDR schrittweise die wahre Freiheit erlangen.“ Und am 18. November heißt es: „Wenn wir es ernst meinen mit unserer Forderung, dass die Bürger drüben ihr freies Selbstbestimmungsrecht erhalten, dann werden sich sehr rasch jene politischen Kräfte zu Wort melden, die unter Demokratie Verhältnisse verstehen, die mit den unseren weitgehend identisch sind.“

Für die Wiedervereinigung Deutschlands spricht sich auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aus. In einem in der Ausgabe vom 25. November 1989 veröffentlichten Bericht erklärte ZdK-Präsidentin Rita Waschbüsch, den Menschen in der DDR gehe es in erster Linie um Freiheit und Selbstbestimmung. Die Bürger der DDR hätten dafür gesorgt, dass die „deutsche Frage“ wieder auf die internationale Tagesordnung gekommen sei. An alle Katholiken appellierte Frau Waschbüsch, den Menschen der DDR bei deren Reformbestrebungen zu helfen.

Am 3. Oktober 1990 schließlich trat der Einigungsvertrag in Kraft, mit dem die frühere DDR der Bundesrepublik beitrat – damit war die Teilung Deutschlands nach 45 Jahren überwunden. Statt ausgedehnter Jubelberichte konzentriert sich die „Tagespost“ auf ihr Markenzeichen, den Schutz ungeborenen Lebens.

Am 4. Oktober 1990 heißt es unter der Überschrift „Die deutsche Einheit – eine Niederlage für ungeborene Kinder“: „Die am Mittwoch gefeierte Deutsche Einheit ist mit einer schweren Hypothek belastet: Die ungeborenen Kinder sind in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft ohne Schutz. Frauen, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wohnen, wird weiter das ,Recht‘ zugestanden, ihre Kinder in dieser Frist töten zu lassen. Für Frauen aus dem Gebiet der Bundesrepublik genügt es, in das frühere DDR-Gebiet einzureisen, um denselben Eingriff – von der Krankenkasse bezahlt – vornehmen zu lassen. Findet der Bundestag binnen zwei Jahren keine Neuregelung, so gilt das Gesetz auf dem Gebiet der DDR weiter.“

Zugleich veröffentlicht die „Tagespost“ am 4. Oktober den Wortlaut einer Predigt des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter. Der Schutz ungeborener Kinder sei ein Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft. In dieser Frage sei das Gewissen auch durch den Druck von politischen Verhandlungspartnern nicht entlastet. Wetter warnt vor dem Schlagwort „Helfen statt strafen“, das unterstelle, die Strafe würde das Helfen ausschließen. Dokumentiert wird auch eine Erklärung der Kirchen zur Regelung der Abtreibung.

Abtreibung ist mit dem Glauben nicht vereinbar

Darin warnen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Lehmann von Mainz, und der EKD-Vorsitzende Bischof Kruse vor einer sogenannten „Übergangsfrist“, in der auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Fristenregelung gelten soll. Ein Gesetz, das die Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftswochen freigibt, sei mit den fundamentalen Überzeugungen des christlichen Glaubens nicht vereinbar und widerspreche auch dem Grundgesetz.

Am 29. Juni 1995 entschied dann der Bundestag in der Neufassung des Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetzes: Frauen dürfen straffrei abtreiben, wenn seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind, der Abbruch durch einen Arzt erfolgt und sie sich zuvor haben beraten lassen.