Ein Schwabe erfindet Hollywood

Zum 150. Geburtstag des Filmpioniers Carl Laemmle, der 1912 die Universal Filmstudios gegründet hat. Von Christa Sigg

Einer der Gründer von Hollywood bei einer Überseefahrt: Carl Laemmle. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Einer der Gründer von Hollywood bei einer Überseefahrt: Carl Laemmle. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Auf so eine Idee kann eigentlich nur ein cleverer Schwabe kommen: die Leute ein bisschen übers Filmset führen, vorbei an den großen Stars, und dafür 25 Cent kassieren. Viele kleine Beträge machen am Ende auch einen Haufen, Carl Laemmle (1867–1939) war sich dessen immer bewusst. Und wahrscheinlich würde sich der Filmpionier, dessen 150. Geburtstag am 17. Januar ansteht, sogar köstlich amüsieren, könnte er heute einen Blick auf Hollywood tun. Denn die Studio-Tour ist dort noch hundert Jahre später eine der größten Attraktionen und spült jedes Jahr Millionen Neugieriger zu den Dreharbeiten.

Dabei geht es um sehr viel Grundsätzlicheres: Laemmle hat 1912 die Universal Filmstudios gegründet. Man darf den Selfmademan aus dem oberschwäbischen Laupheim also mindestens als einen der Gründerväter, wenn nicht gar den Erfinder Hollywoods bezeichnen. Man hatte diesen einst legendären Filmproduzenten bis vor wenigen Jahren vergessen. Und das, obwohl seine Biografie fürs Kino taugt.

Aber ein Auswanderer gerät leicht zwischen die Welten, zumal ein Jude im braunen Deutschland der 1930er Jahre zur Persona non grata wurde. Auch die Geschichte von Laemmles Bruder Siegfried, der in München ein angesehener Kunsthändler war und bis zu seiner Emigration 1938 ein Antiquitätengeschäft an der Brienner Straße unterhielt, rückt derzeit durch die Forschungen zum NS-Raub von Kulturgütern wieder ins Blickfeld. Den vier Jahre jüngeren Karl drängte es allerdings schon 1884, mit gerade mal 17, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – aus Lust am Abenteuer, er wollte Indianer sehen.

Mit seinem lausigen Englisch hat es in New York aber nur zum Laufburschen gereicht. Doch Carl, wie er sich bald schrieb, war flexibel, ehrgeizig, charmant und rackerte sich in der Textilbranche hoch bis zum Geschäftsführer. Allein, das Metier wurde ihm schnell zu fad, viel aufregender fand er Nickelodeons. Das waren frühe Lichtspielhäuser, in denen man für einen Nickel – etwa fünf Cent – Filme sehen konnte. Laemmle erkannte sofort das Potenzial dieser neuen Unterhaltung. Mit einem winzigen Theater stieg er 1906 ein, nach zwei Jahren besaß er bereits 50 Kinos und dazu den größten Filmverleih der USA. Allerdings war dem „Moving Picture Man“, wie er sich in Anzeigen nannte, klar, dass es bei den wenig gehaltvollen Streifen nicht bleiben durfte.

Durch sein Gespür für die Bedürfnisse oder besser die Sehnsüchte des Publikums landete er 1909 gleich mit seinem Erstling „Hiawatha“ einen Kassenhit. Im Einsatz waren keine Gelegenheitsmimen. Laemmle wurde als Produzent auch deshalb so ungemein erfolgreich, weil er auf gute, oft schon populäre Schauspieler gesetzt hat. Der Starkult nahm seinen Anfang – und mit den eingangs erwähnten Universal Studios war dann auch der Grundstein für eine Weltkarriere gelegt. Gedreht wurde in Kalifornien bei Los Angeles auf einer ehemaligen Hühnerfarm, die bis heute das Zentrum Hollywoods bildet. Hier war Platz für Wild-West-Straßenzüge und ägyptische Pyramiden. Genauso durfte Quasimodo, der „Glöckner von Notre Dame“ (1923) durch täuschend echte Kulissen humpeln.

Laemmle, der mehr und mehr zum Patriarchen der Studios avancierte, kümmerte sich um alles, feierte jede Premiere mit seinem Team und den Stars. Überhaupt war er inzwischen zum überzeugten Amerikaner geworden. Deutschland im Ersten Weltkrieg mochte das noch beflügelt haben, Laemmle fühlte sich sogar verpflichtet, Propagandafilme wie „Der Kaiser – Die Bestie von Berlin“ zu drehen. Und doch muss er wohl gestrahlt haben, als ihm seine Gäste zum 50. Geburtstag 1917 neben „America, I love you“ auch noch „Die Wacht am Rhein“ sangen.

Aber Laemmle war keineswegs politisch naiv, sondern durch und durch Demokrat mit liberaler Gesinnung. Deshalb wollte er auch Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ unbedingt verfilmen – und landete damit seinen größten künstlerischen Erfolg: „Al Quiet on the Western Front“ bekam 1930 den Oscar und gehört bis heute zu den wichtigsten Kino-Positionen gegen den Krieg. In Deutschland waren die Nazis so sehr gegen die Produktion, dass sie zum Gegenstand erbitterter Parlamentsdebatten wurde – auch im Stuttgarter Landtag – und am Ende überarbeitet werden musste. Dabei war die NSDAP noch gar nicht an der Macht.

Laemmle ahnte, was das bedeutet, und setzte nie mehr einen Fuß auf deutschen Boden. Selbst seine geliebte Heimatstadt, die er regelmäßig mit erheblichen Beträgen bedacht hatte, distanzierte sich nach 1933 von „Uncle Carl“. Dafür begann er nun,seine beste Rolle zu spielen: Durch Bürgschaften ermöglichte er 300 Juden die Emigration in die USA. Und als die Amerikaner seinem Engagement einen Riegel vorschoben, warb Laemmle kurzerhand im Bekanntenkreis für die Unterstützung ausreisewilliger Juden.

Das Ausmaß des Holocaust hat er nicht mehr erlebt, er starb 1939, und vermutlich wurde sein humanitäres Werk auch deshalb vergessen. Und schließlich war da ein strahlendes OEuvre, das der grandiose Mr. Laemmle hinterließ. Ganz nebenbei hatte er das Talent von Marlene Dietrich erkannt, Luis Trenker („Der Rebell“) zum Star gemacht – und genauso den düsteren Boris Karloff, der als Monster in „Frankenstein“ Kinogeschichte schrieb. Eigentlich war der Horror aber die Sache von Laemmles Sohn, „die Leute mögen das nicht“, notierte der Senior 1932 noch voller Überzeugung. Es dürfte das einzige Mal gewesen sein, dass sich der Schwabe so richtig getäuscht hat.

– „Carl Laemmle“, bis 30. Juli im Haus der Geschichte Baden-Württembergs, Konrad-Adenauer-Str. 16, neben der Staatsgalerie, geöffnet Di. – So. 10.00–18.00, Do bis 20.00 Uhr, Katalog 19,80 Euro, www.carl-laemmle-ausstellung.de – „Carl Laemmle Reloaded“, 17. Januar bis 21. Mai, Museum im Schloss Großlaupheim, Claus-Graf-Stauffenberg-Str. 15, geöffnet Sa. – So. 13.00–17.00 Uhr, www.museum-laupheim.de